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Wenn aus Freunden Feinde werden


Das Maß an Konkurrenz ist in jeder Organisation, ob Gesellschaft oder Unternehmen, größtenteils selbst gewählt und nicht auf eine natürliche Eigenschaft des Menschen zurückzuführen. Jede Gesellschaft und jedes Unternehmen bestimmt selbst, inwieweit Konkurrenz als Mittel eingesetzt wird, um gesellschaftliche oder betriebliche Arbeit zu organisieren. Manche Gesellschaftssysteme und Unternehmen verzichten weitgehend darauf und fördern stattdessen bewusst die Zusammenarbeit. Vor allem in Amerika ist die Konkurrenz als motivationsförderndes Werkzeug jedoch unbestritten. Viele Amerikaner sind der Ansicht, Wettbewerb belebe nicht nur das Geschäft, sondern das gesamte Wirtschaftssystem, führe zu Innovationen und leiste die effizienteste Verteilung der Ressourcen. »Konkurrenz spornt zu Höchstleistungen an, sie gilt als Motor, der die gesamte Wirtschaft ankurbelt, und als Triebfeder des Erfolgs des Kapitalismus. «2 Diese positive Einstellung zur Konkurrenz entspricht der in Amerika durchgesetzten Theorie des Individualismus – das Individuum und seine Bedürfnisse genießen Vorrang vor der Gemeinschaft –, findet seinen Ausdruck aber auch in der puritanischen Überzeugung, dass Leiden sich lohnt, sowie im Sozialdarwinismus, der die Vorteile des Grundsatzes »Nur der Stärkere wird überleben« propagiert. In Unternehmen verhält es sich nicht anders. Auch hier wird Konkurrenz mit Innovation, Effizienz und Leistungssteigerung gleichgesetzt. Das Unternehmen Lincoln Electric Company machte sich zu Recht einen Namen mit der Einführung des Akkordlohns. Die Harvard-Studie über Lincoln nimmt in der Management-Ausbildung einen hohen Stellenwert ein. James F. Lincoln und sein Bruder John C. Lincoln gründeten die Firma 1895, bis 1972 führten die Brüder das Unternehmen gemeinsam. James E Lincoln verfasste zahlreiche Abhandlungen und Bücher zum Thema Management, in denen er die positive Auswirkung von Konkurrenz auf die Leistung des Einzelnen unterstrich: »Konkurrenz wirkt der Faulheit und Inkompetenz von Arbeitern, Industriellen und Händlern gleichermaßen entgegen. Konkurrenz bedeutet Fortschritt. Die Konkurrenz bestimmt, wer die Führung übernimmt ... Sie ist ein strenger Lehrmeister. Wäre es möglich, die Konkurrenz ein für allemal abzuschaffen, wären die Folgen katastrophal. Alle Staaten und Völker würden verwahrlosen, da das Leben zu einfach wäre. Wie die Geschichte lehrt, hat harte Arbeit noch niemandem geschadet.« Andrew Grove, ehemals Firmenchef und derzeitiger Vorstand von Intel, scheint das moderne Pendant zu James Lincoln zu sein. Grove leitete das erfolgreichste Unternehmen seiner Zeit und genießt für seinen Geschäftssinn zumindest in der Fachpresse allgemeine Hochachtung. Grove tritt auch in Lincolns Fußstapfen, indem er zahlreiche Artikel und Bücher zu Managementthemen verfasste, die weit verbreitete Auffassungen über die Vorteile von Konkurrenz wiedergeben und bekräftigen. 1983 schrieb er in seinem Buch High Output Management: »Von jemandem Höchstleistungen zu erwarten heißt, sich gegen ihn zu wenden ... Die Arbeit unserer firmeneigenen Putzkolonne, deren Aufgabe darin besteht, für Ordnung und Sauberkeit in unseren Betriebsanlagen zu sorgen, war jahrelang nur mittelmäßig. Weder äußerer Druck noch die Aussicht auf Prämien nützten in diesem Fall etwas. Schließlich entwickelten wir ein System, bei dem ein Bereichsleiter den Zustand der verschiedenen Gebäude anhand eines Punktesystems bewertete. Die Punktezahl der einzelnen Gebäude wurde dann miteinander verglichen. Auf einen Schlag verbesserte sich der Zustand aller Gebäude. Sonst unternahmen wir nichts weiter ... Im Grunde erzeugten wir bloß eine Wettkampfsituation ... Umgekehrt würde natürlich durch die Abschaffung der Konkurrenz auch die Motivation verschwinden.« Groves Beispiel veranschaulicht das Grundprinzip der Konkurrenz: das Ziel wird nur erreicht, indem man seinen Gegner überbietet. der Erfolg des einen bedingt das Scheitern des anderen. In diesem Rennen gibt es nur einen Sieger. In der Geschäftswelt ist der Glaube an die unschlagbaren Vorteile der Konkurrenz völlig selbstverständlich. Es wird kaum unterschieden, ob die Konkurrenz nun zwischen verschiedenen Firmen oder innerhalb eines Unternehmens besteht. Die Konkurrenz im Wirtschaftssystem selbst wird auf dieselbe Ebene gestellt wie die Konkurrenz zwischen Mitarbeitern und Abteilungen innerhalb eines Unternehmens, was vom wissenschaftlichen Standpunkt zumindest bedenklich ist. Diese Einteilung ist mittlerweile so etabliert, dass Konkurrenz automatisch als wirkungsvoller Antriebsmechanismus menschlichen Verhaltens eingesetzt wird. Die Folge davon ist, dass auch in Unternehmen die Konkurrenz nach besten Kräften gefördert wird, wobei nicht unterschieden wird, ob sich die Konkurrenz innerbetrieblich oder außerbetrieblich abspielt. Viele Unternehmen geben sich alle erdenkliche Mühe, Wettbewerbe zu veranstalten, bei denen immer nur einer – ob nun Mitarbeiter, Gruppe, Abteilung oder Filiale – gewinnen kann. Führungsstile, mit denen die firmeninterne Konkurrenz angereizt wird, sind heute wahrlich nichts Außergewöhnliches mehr. den eingesetzten Managementpraktiken zählen: (1) Leistungsbewertungen, die so gestaltet sind, dass nur eine begrenzte Anzahl der Mitarbeiter die höchste Bewertungsstufe erreichen kann, (2) Leistungsanerkennung durch Programme wie die Wahl zum Mitarbeiter des Monats oder Jahres, (3) Verteilen von Leistungsprämi11 nach dem Ausschlussprinzip, das heißt, nur der Beste erhält die Prämie, andere gehen leer aus, obwohl sie ebenfalls überdurchschnittliche Leistungen erbrachten, (4) Veranstaltung von Wettbewerben zwischen den einzelnen Abteilungen, Zweigstellen oder auch einzelnen Mitarbeitern eines Betriebs, bei denen dem Sieger;Geldpreise und andere Vergünstigungen winken, 5) Veröffentlichung Hing der Leistungen von einzelnen Mitarbeitern oder Abteilungen. All diese Verfahren laufen auf einen Einzelkampf hinaus, das heißt, der Sieg eines Einzelnen oder einer einzigen Abteilung muss zu Lasten anderer gehen. Das Siegerpodest bietet nur Platz für einen, alle anderen gehen leer aus. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Wettkämpfe Mitarbeiter anspornen können, ihr Bestes zu geben, und die Gewinner dieser internen Konkurrenzkämpfe profitieren natürlich von ihrem Sieg. Bei unseren Recherchen für dieses Buch stießen wir jedoch immer wieder auf neue Fälle, bei denen diese Einzelsiege auf Kosten der Mitarbeiter, Gruppen und Abteilungen gingen, die den Wettstreit verloren hatten. Zusätzlich richteten diese internen Konkurrenzkämpfe nicht nur bei den unmittelbaren Verlierern Schaden an. Im Grunde traf es jeden, der vom Erfolg des Gesamtunternehmens profitieren würde, da unternehmensweit die Fähigkeit litt, Wissen in die Tat umzusetzen. In diesem Artikel zeigen wir zunächst auf, wie interne Konkurrenz auf unterschiedliche Art und Weise Umsetzungsprobleme schafft. Anschließend setzen wir uns mit der Frage auseinander, warum Manager trotz ihrer negativen Auswirkung auf Lernvermögen und Umsetzungsfähigkeit auf Konkurrenz setzen, um ihre Mitarbeiter zu motivieren. Zu guter Letzt veranschaulichen wir an einigen Beispielen, wie es Unternehmen gelungen ist, die negativen Folgen des internen Konkurrenzkampfes, der aus Freunden Feinde macht, zu umgehen.

 

 

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