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Von den »großen drei «zur multizentrischen Weltwirtschaft


Es sind nur wenig Jahre vergangen, seit einer der fähigsten Studenten globaler wirtschaftlicher Zusammenhänge, Ihr Landsmann Kenichi Omae, uns klarmachte, daß die einzigen Teile der Welt von Bedeutung diejenigen seien, die er die »großen drei« nannte: Japan und die entwickelten Länder in Nordamerika und in Westeuropa. Es sei nicht nötig, so versicherte er uns, der sich entwickelnden Welt Beachtung zu schenken. Entscheidungen würden in den Ländern der »großen drei« getroffen werden, und darüber hinaus seien sie die einzigen Märkte von wirklicher Bedeutung.

Zu dieser Zeit — um die zehn Jahre ist das nun her — erschien das als eine in hohem Maße realistische Perspektive und als ein in der Tat notwendiger Gegenpol zur romantisch verklärten Sichtweise, die sich in den sechziger und siebziger Jahren durchsetzte. Doch sie hat sich als falsch erwiesen.

Es gibt keinen Mittelpunkt der Weltwirtschaft mehr. Sie ist multizentrisch geworden. Ausgelöst in erster Linie natürlich durch das explosionsartige Wachstum der chinesischen Küstenregion und der rapiden Entwicklung der anderen südostasiatischen Länder — Thailand, Malaysia, Indonesien und der Philippinen.

Außerhalb Asiens war eine ähnliche Entwicklung in Lateinamerika zu beobachten, beginnend mit dem »mexikanischen Wunder«, das mit einer Kehrtwende der mexikanischen Politik einherging und unvermittelt mit der Stabilisierung der Währung und der Öffnung der mexikanischen Kapitalmärkte einsetzte. Ein ähnlich explosives Wachstum begann in jedwedem lateinamerikanischen Land, das dem mexikanischen Beispiel folgte, seine Inflation stoppte und die Kapitalmärkte öffnete. Zuerst Chile, danach Argentinien, dann Peru können Wachstumsraten vorweisen, die auf dem Level der südostasiatischen Länder liegen. Und es würde nur weniger Anstrengungen bedürfen, in Brasilien ähnliches zu erreichen.

Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, daß das Wachstum in den entwickelten Ländern, den »großen drei«, im gleichen Zeitraum, also während des letzten Jahrzehnts, nicht so positiv verlief. Japans Situation ist allerdings, wie ich ein wenig später verdeutlichen werde, doch wesentlich positiver zu beurteilen, als sie selbst das in Japan annehmen. Es besteht nach meiner Auffassung kaum ein Anlaß für jenen Pessimismus, der während meines Besuches im letzten Herbst (1994) so weit verbreitet war.

Ebenso verlief die Entwicklung in den USA um einiges besser, als die meisten Menschen in Japan und in den USA vermuten. Doch sowohl für Japan als auch für die USA waren und sind dies schwierige und turbulente Zeiten. Westeuropa befindet sich zur Zeit ebenfalls in einer heftigen Rezession und hat an Wachstumskraft verloren. Und trotzdem wächst der Welthandel unverändert, wenn nicht sogar schneller. Mit der weltweiten Produktionsleistung verhält es sich ebenso.

Jeder hätte dies vor zehn Jahren für unmöglich gehalten. Es galt als wirtschaftswissenschaftliches Axiom — ich würde sagen für annähernd einhundert Jahre —, daß die leichteste Erkältung bei den »großen drei« in den Entwicklungsländern zu einem Kollaps führen müsse. Was die entwickelte Welt in den letzten zehn Jahren plagte, war jedoch ein überaus heftiger Grippevirus. Dieser Entwicklung zum Trotz ist in vielen Teilen der Welt, besonders natürlich in der asiatischen Küstenregion, ein unvergleichlicher Wirtschaftsboom zu beobachten. Und das läßt sich durch keine Wirtschaftstheorie erklären.

Heute ist Taiwan, eine kleine Insel ohne eigene Ressourcen, der zweitgrößte Kapitalumschlagplatz der Welt. Der chinesische Automobilmarkt ist schon zu einem der wichtigsten geworden. Volkswagen und Toyota liefern sich ein hartes Duell um die Marktführerschaft. Der weltweit größte Hersteller von Raumklimaanlagen — ein hochspezialisiertes Produkt — ist nun in Singapur zu finden. Die weltweit größten Hersteller von Standardmicrochips haben ihren Sitz in Korea und Taiwan.

Gleichermaßen — und das muß hier betont werden — hat die Entwicklung in Südamerika das wirtschaftliche Machtgleichgewicht verschoben. Als das nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) 1992 unterzeichnet worden ist, haben viele Menschen in den USA und in Mexiko vorausgesagt, daß die mexikanische Wirtschaft und mexikanische Unternehmen von US-amerikanischen Multis vereinnahmt werden würden. Doch nun sieht es so aus, daß es mexikanische Unternehmen sind, die sich auf den Weg in die USA machen. Der Investitionsumfang der mexikanischen Unternehmen im Süden und Westen der USA ist größer als der der USA in Mexiko. Firmen, die aufgrund ihrer Struktur auf kleinere Produktionseinrichtungen angewiesen sind, da ihre Produkte nicht sehr weit transportiert werden können — so zum Beispiel Zement oder Glasflaschen —, haben im Süden und Südwesten der USA fast ausschließlich mexikanische Eigentümer.

Ein anderes, ähnlich erstaunliches Faktum: Die Genesung der deutschen Wirtschaft, nach sechs Jahren der Stagnation und einer in der Tat heftigen Rezession, begann nicht auf dem heimischen Markt; genauso wenig mit Exporten an seine traditionell besten Kunden, den Nachbarn in der Europäischen Gemeinschaft. Sie nahm ihren Anfang mit Exporten nach Asien, bevorzugt auf das chinesische Festland.

Mit anderen Worten: Die Welt ist mit Nachdruck multizentrisch geworden. Der zentrale Punkt aber dieser sich völlig neu formierenden Weltwirtschaft ist sicherlich der Aufstieg Chinas zu einer wirtschaftlichen Großmacht.

 

 

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