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Vom Fall der Festung – Ausblick für Entrepreneurship


Richten wir unseren Blick auf die nächste Nähe: Im Berliner Hauptzollamt am Prenzlauer Berg brütet im Zimmer 1124 ein junger Beamter mit Fachhochschulabschluß, nennen wir ihn Bernd Heintze, über einem dicken Buch. Er verteilt Nummern an Leute, die Textilien aus anderen Ländern nach Europa einführen wollen. Zeigt man ihm zum Beispiel ein Stück Batik aus Indonesien, gibt er möglicherweise die Nummer 6302-5110-0100, sagt, daß die Ware einer Quotenregelung unterliege, 13 Prozent Einfuhrzoll zu entrichten seien und man sich doch bitte neben dem Formblatt A und vielen anderen Papieren auch eine Einfuhrgenehmigung bei einem anderen Beamten einer anderen Zollbehörde in Eschborn besorgen möge. Fragt man ihn, was denn der Sinn dieser bürokratischen Barriere sei, sagt er: Bei dieser Textilie handele es sich um einen einfuhrpolitisch sensiblen Gegenstand. Was macht der Mann? Er ist ein Wallbauer. Er häufelt am Wall der Festung Europa. Drinnen sitzen wir. In Brüssel lebt ein enormer bürokratischer Wasserkopf davon, bis in kleinste Details festzulegen, was alles nicht oder nur bei Strafe hoher Zölle und Quotenregelungen an Waren nach Europa hereindarf. Schlafanzüge – Gewirke und Gestricke – für Damen zum Beispiel: Ihren Import regelt die Position 6108 der Kombinierten Nomenklatur (KN) des Gemeinsamen Zolltarifs (GZT) in der Fassung der VO Nr. 2658/87 und der VO Nr. 3174/88. Bernd Heintze, unser Mann am Prenzlauer Berg, häufelt am Festungswall, weil wir Europäer Angst vor dem Weltmarkt haben.

Mal angenommen, die Festung Europa würde nicht nach und nach, sondern von heute auf morgen geschleift, Schutzzölle würden abgeschafft, Importbeschränkungen und Quotenregelungen außer Kraft gesetzt, Waren aus dem Süden frei zugelassen, statt »Markt« hinter dem Wall würde es den allen zugänglichen Markt geben, was dann? In Deutschland ginge es zu wie nach einem Atomblitz. Die Textilindustrie wäre weitgehend verschwunden, Berg- und Schiffbau gäbe es nicht mehr, von der Stahlindustrie blieben kaum Spuren übrig, auch die Auto- und die chemische Industrie wären wir im wesentlichen los, und dort, wo heute subventionierte Landwirte den Boden düngen, würden sich Parklandschaften ausbreiten. Was hätten wir noch auf dem Weltmarkt zu bieten?

Die Europäer häufeln Festungswälle. Ihre Wettbewerbsfähigkeit kommt abhanden. Technologie ist mobiler geworden. Die modernsten Fabriken stehen zunehmend in den aufstrebenden Ländern. Die niedrigen Löhne und Lohnnebenkosten sowie die schlechten Arbeitsstandards, hierzulande argumentativ in den Vordergrund geschoben, erklären den Wettbewerbsvorsprung nur zu einem geringeren Teil. Wir unterschätzen das wirtschaftliche Potential und die Dynamik der Entwicklung. So lange wir eindeutige Vorteile vom Weltmarkt hatten, solange Volkswagen in vielen Ländern das Feld anführten, waren wir stolz auf unsere Erfolge im Markt, stolz darauf, erfolgreicher Global Player zu sein. Jetzt, wo sich das Blatt zugunsten anderer Länder wendet, wird unsere Haltung immer marktfeindlicher.

Hernando de Soto (1992), international beachteter Ökonom aus Peru, hat darauf verwiesen, daß im informellen ökonomischen Sektor der Entwicklungsländer ein Millionenheer von Unternehmern existiert. Die Reichen in diesen Ländern suchen sich durch bürokratische Barrieren die kleinen Unternehmer vom Leibe zu halten. Viele Regierungen in Asien, Lateinamerika und auch Afrika sind jedoch dabei, das Prinzip Markt nicht nur in den Außenbeziehungen ihrer Länder, sondern auch auf den Binnenmärkten anzuerkennen. So werden die Unternehmer des informellen Sektors zunächst auf den Binnenmärkten für deutlich mehr Wettbewerb sorgen. Weltweit wird es in nicht ferner Zukunft einen enormen Zuwachs an Unternehmern von unten geben: Sie sind schon heute gut trainiert und können mit äußerster Knappheit wirtschaften. Stellen sich die Europäer auf diese Wettbewerber nicht ein, wird sich Europa vollends in eine ökonomische Provinz verwandeln. In jedem Fall erhält die harte Arbeitsleistung der Länder des Südens historisch endlich ihre Chance.

Wir halten den relativen ökonomischen Abstieg Europas für keine Katastrophe. Die Krise enthält die Chance der Läuterung. Wer Lebensmittel und Kohle nicht mehr vom Weltmarkt abschirmt, wer Textilien und Schuhe ohne Quotenregelungen und Schutzzölle auf den europäischen Markt läßt, wird bewirken, daß die Preise kräftig fallen; die Waren würden zu Weltmarktpreisen gehandelt. Sinkende Preise für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs kämen vor allem den Arbeitslosen und sozial Schwachen zugute.

Die Zahl der Arbeitslosen wird langfristig weiter steigen, wenn wir nicht lernen, auf die eigenen Füße zu fallen. Nun zeigt sich, daß die wertvolle Idee des Sozialstaats zum Gutteil verkommen ist, weil vielen Menschen in Deutschland die Grundqualifikation des unternehmerischen Handelns über Jahrzehnte entzogen wurde.

Wir haben die Jahre des hohen Wirtschaftswachstums nicht genutzt. Jetzt, da andere mit neuen Fabriken, niedrigen Löhnen und niedrigen Wechselkursen die Vorteile haben, die einst das deutsche Wirtschaftswunder hervorriefen, leben wir nicht von den angesammelten Rücklagen, sondern sind tief verschuldet, voll hoher Ansprüche und zerstritten.

Die Deutschen seien zu wehleidig, meinte de Soto, als er im Februar 1994 in Berlin über Ökonomie von unten diskutierte. Sie hätten die Fähigkeit, durch unternehmerische Tätigkeiten zu überleben, gründlich verlernt. Die ökonomische Krise Europas indessen, so de Soto, sei eine gute Lehrmeisterin.

So gilt es, wieder mehr als zuvor unternehmerisch handeln zu lernen. Millionen von Arbeitslosen bei uns: Statt darauf zu warten, daß irgendwer – wer denn: die Manager der oberen Etagen mit mangelnden Visionen? – ihnen Arbeit verschafft, statt sie zu Untätigkeit zu verdammen oder ihnen mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Brücken zu bauen, die nur selten zum anderen Ufer führen, wäre es eine bessere Möglichkeit, das unternehmerische Potential der Menschen zu stärken und vielen den Start in eine unternehmerische Existenz zu erleichtern.

Die paradoxe Empfehlung lautet: Schleift möglichst bald die Festung Europa! Denn je höher die Wälle gehäufelt werden, desto tiefer wird später der Fall sein. Träumt nicht mehr von höheren Arbeitslöhnen, sondern drückt – durch Öffnung der Märkte – die Preise herunter! Nehmt Markt als Chance, unternehmerisches Potential freizusetzen! Setzt Markt nicht ständig außer Kraft, sondern stellt ihn erst einmal her – als Chance des Wettbewerbs zu fairen Bedingungen und des sparsamen Umgangs mit knappen Ressourcen!

 

 

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