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Umsetzungsprobleme durch firmeninterne Konkurrenz - Wie Firmenloyalität untergraben wird


Investmentbanking ist eine Branche, in der es vor allem auf die Fähigkeiten, das Wissen, die Kontakte und den guten Ruf ihrer Mitarbeiter ankommt. Somit verlässt das eigentliche Kapital einer Investmentbank jeden Abend das Unternehmen, wenn die Mitarbeiter nach Hause gehen. Äußerst unangenehm ist es auch, dass die Mitarbeiterfluktuation gerade in dieser Branche sehr intensiv ist. In guten Zeiten muss fast jede Investmentbank hart hin ihre Mitarbeiter kämpfen. Hohe Fluktuationsraten sind immer eine kostspielige Angelegenheit, auch für Investmentbanken: Neue Mitarbeiter bestehen oft erfolgreich auf relativ hohen Festgehältern, unabhängig von ihren persönlichen Leistungen, und kassieren nebenbei noch erhebliche Provisionen für jeden Geschäftsabschluss. Darüber hinaus wirkt sich der häufige Mitarbeiterwechsel negativ auf die betrieblichen Abläufe aus, die Interaktion mit anderen erfordern. Nicht nur muss sich jeder Investmentbanker ständig neue Gesichter und Namen einprägen, er muss auch den Wissensstand der neuen Mitarbeiter ermitteln und herausfinden, wo deren Stärken und Schwächen liegen. Und jedes Mal, wenn ein Investmentbanker seinen Arbeitsplatz wechselt, nimmt er sein Wissen, seine Fertigkeiten und die Informationen über die Firmenkultur und Geschäftskunden mit. Die Top-Manager fast aller Investmentbanken sind sich dieses Problems bewusst, geben vor, ihre Mitarbeiter zu schätzen, und geloben, der Fluktuation Einhalt zu gebieten. Es bedarf weder großer Zauberkünste, um diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, noch handelt es sich um ein Geheimnis, wie das zu bewerkstelligen ist. Solche Informationen sind leicht erhältlich, abgesehen davon, dass die meisten Manager sowieso wissen, wie es theoretisch funktioniert. An sich also eine leichte Aufgabe, doch in der Praxis wird das vorhandene Wissen nur selten in die Tat umgesetzt. Einer der Hauptgründe dafür liegt in der individualistischen und konkurrenzgeprägten Firmenkultur, die in nahezu allen Investmentbanken herrscht. Diese Unternehmenskultur lässt kein Wir-Gefühl unter den Mitarbeitern aufkommen und verhindert, dass ein Mitarbeiter lange Zeit für ein Unternehmen tätig ist. In Investmentbanken geht es oft recht rau zu, und auch Mobbing gehört mittlerweile zum Alltag, wie folgendes Beispiel eindrucksvoll belegt: Kürzlich ereignete sich in einer Zweigstelle eines nationalen Bankkonzerns ein besonders schwerer Fall von Mobbing. Ein junger Auszubildender wurde von den meisten ranghöheren Mitarbeitern über Monate hinweg systematisch lächerlich gemacht und beleidigt. Einige der Beschäftigten drehten sogar einen Film über diese Schikanen und führten ihn zur allgemeinen Belustigung auf einer Betriebsversammlung vor. Der Auszubildende wurde letzten Endes entlassen und reichte dann Klage gegen diese Bank ein . . . Die Botschaft dieses Falls ist klar: Solange ein Mitarbeiter Umsatz macht, wird er gut bezahlt, und sein Verhalten seinen Kollegen oder der Firma selbst gegenüber spielt vom moralischen Standpunkt her keine Rolle.« Dieses Verhalten wird toleriert, weil Ellbogenmentalität und Konkurrenzdenken in diesen Unternehmen selbstverständlich sind. Was zählt, ist die individuelle Leistung, die persönlichen Erfolg bringt, und nicht die Auswirkungen eines Einzelnen und seines Verhaltens auf die anderen Mitarbeiter oder die gesamte Unternehmenskultur. Offensichtlich bleibt in solch einem Arbeitsklima niemand lange bei einem Arbeitgeber. Eine zweite Studie analysierte die Gründe der hohen Mitarbeiterfluktuation bei Bear, Stearns & Company, einer weiteren amerikanischen Investmentbank. Obwohl die Führungsspitze erklärte, dagegen einschreiten zu wollen, blieb das Problem bestehen: »Selbst wenn man die üblichen Arbeitsbedingungen an der Wall Street als Maß nimmt, ist die Firmenkultur bei Bear, Stearns & Company extrem von Konkurrenzdenken, Egoismus und Ellenbogenmentalität geprägt . . . Da das Gehalt der Banker anhand der von ihnen akquirierten und durchgeführten Transaktionen berechnet wird, glauben sie auch, sie allein seien für ihren Erfolg verantwortlich ... und kennen deshalb kein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Beschäftigten der Bank . . . Diese Art der Firmenkultur regt sie herzlich wenig an, mit jungen Bankern solidarisch zusammenzuarbeiten, sofern nicht ein unmittelbarer Nutzen zu erkennen ist. Viele Angestellte fühlen sich wie Marionetten, die nach Gebrauch wieder in den Schrank geräumt werden. Aus diesem Grund können nur sehr wenige der jungen Banker so etwas wie eine Firmenloyalität entwickeln.«? Sollten Sie das eben Beschriebene mit einem Achselzucken abtun und behaupten, das sei in dieser Branche eben ganz normal, dann sei Ihnen gesagt, dass es auch andere Beispiele gibt. Goldman Sachs zählt nicht nur zu den Investmentbanken, die konstant hohen Gewinn erwirtschaften, sondern verfügt auch über eine gesunde Firmenkultur und legt großen Wert auf Teamarbeit. Auch andere Unternehmen, die auf Investitionen und Geldanlagen spezialisiert sind, wie Barclays Global Investors, mit dem wir uns eingehend im nächsten Artikel befassen werden, achten sehr darauf, den internen Konkurrenzkampf zu dämpfen. Unternehmen, die den firmeninternen Konkurrenzkampf mit einer teamorientierten Struktur oder anderen Heilmitteln lindern, leiden nicht unter den negativen Folgen eines Systems, bei dem die Angestellten gegeneinander statt miteinander arbeiten, wodurch das Verhalten in manchen Fällen sogar außer Kontrolle gerät. In diesen Firmen wird Mitarbeitern nicht voreilig und übereifrig das Etikett »Sieger« oder »Verlierer« auf die Stirn geklebt, es gibt kein beständiges »Aussortieren« der Mitarbeiter, das nur dazu führt, dass die »Verlierer« ihre Kündigung einreichen oder entlassen werden, während die Gewinner der Versuchung erliegen, ein besseres Angebot von einem anderen Unternehmen anzunehmen. An einem vom Konkurrenzkampf geprägten Arbeitsplatz fühlen sich Mitarbeiter nicht an ihr Unternehmen gebunden. Aus diesem Grund ähneln Investmentbanker oft Profisportlern, denen ein horrend hohes Gehalt bezahlt wird, sodass die Kapitalrendite des Unternehmens merklich schwindet oder sie gelegentlich sogar draufzahlen.

 

 

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