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Soziale Ungerechtigkeit und Unmoral des Marktes


Die Marktwirtschaft oder der Kapitalismus mag eine Reichtumsmaschine sein, die auch die Armut immer mehr beseitigt und den Anteil armer Leute an der Bevölkerung immer kleiner werden läßt. Aber trotzdem beziehen einige oder viele Menschen in diesem System Einkommen und Gewinne, die ihre produktiven Leistungen weit übersteigen, während andere sich zu Tode schuften und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen. Auch die Bedürftigen, die aufgrund eines unverschuldeten Schicksals – z.B. Krankheit oder Behinderung – wenig oder nichts leisten können, werden viel zu wenig berücksichtigt. Die marktwirtschaftliche Ordnung ist also sozial ungerecht und in vieler Hinsicht auch unmoralisch.

Mit den Vokabelpaaren ‚gerecht – ungerecht’ und moralisch –unmoralisch` wird seit Jahrzehnten sprachlich und begrifflich Schindluder getrieben. Man kann es sich deshalb nicht ersparen, weit auszuholen und zunächst die Begriffe zu klären. Fangen wir mit der Gerechtigkeit an: Diesseits des Himmels, also hier auf der Erde, müssen wir uns davor hüten, eine Art göttliche Allgerechtigkeit anstreben zu wollen. Das können wir nicht, schon weil dazu Allwissenheit erforderlich wäre. Nicht ohne Grund stehen in der Bibel an vielen Stellen die göttliche (mir Gott bekannte) Wahrheit und die göttliche Gerechtigkeit a I s Synonyme. Doch schon wenn es um die Gerechtigkeit Gottes gegenüber den Menschen geht, sind wir mit unserem Latein .im Ende. Die Vorstellung davon, was das sein könnte, entzieht sich unserem Verständnis vollständig.

Wieso wird der fromme und gerechte Hiob mit tausend Übeln geschlagen? Wir wissen es nicht. Und wir haben auch keinen Anspruch auf solches Wissen. Eine der wortgewaltigsten Zornesausbrüche Gottes im Alten Testament erfolgt genau auf diese Frage Hiobs: ,Warum ich, der ich doch nie gegen Deine Gesetze verstoßen habe?’ In der ,Rede aus den Wettern’ schleudert der Herr ihm daraufhin entgegen: „Wo warst du, als ich die Erde gründete?... Wer hat die Tore des Meeres verschlossen? Hast du in deinem Leben je den Morgen herbeibefohlen, dem Frührot seinen Platz gezeigt? Kannst du die Bänder des Siebengestirns knüpfen, oder die Fesseln des Orion lösen?“ Ins Profane übertragen, heißt das: Was maßest du Wurm dir an, mit mir diskutieren zu wollen, was gerecht oder ungerecht ist! Wir müssen uns also mit der „kleinen“, der irdischen Gerechtigkeit begnügen. Und bei ihr sollten wir zwei verschiedene Dimensionen unterscheiden: Zum einen das gerechte Verhalten in der überschaubaren Welt unseres Privatbereiches, in welcher wir viel über die handelnden Personen und die Umstände und Beweggründe ihres Handelns wissen; und zum anderen das gerechte Verhalten in der großen, anonymen Welt der Gesellschaft, wo wir von den in ihr handelnden Menschen und deren Lebensumständen so gut wie nichts wissen. Für beide Bereiche hat wohl schon Cicero alles notwendige gesagt mit seinen Sätzen: „Gerechtigkeit verpflichtet.. erstens dazu, daß man niemandem schadet, es sei denn, daß man durch ein Unrecht herausgefordert ist, und zweitens, daß man Gemeingut als Gemeingut, Privatbesitz jedoch als persönliches Eigentum behandelt.“ (Von den Pflichten, VII, 20). In derselben Schrift warnt Cicero auch davor, die Gerechtigkeit in Staat und Gesellschaft mit irgendwelchen Begriffen der Nützlichkeit in Verbindung zu bringen, weil diejenige Gerechtigkeit, die man aus Nützlichkeitserwägungen heraus aufstelle, von eben diesen Nützlichkeitsaspekten wieder zerstört werde. „Unter dem Schein des Nutzens“, so seine Erkenntnis, „begeht man im Staatsleben am öftesten Fehler.“

Die von Karl Marx – und ganz generell von allen Sozialisten geforderte Ergebnisgerechtigkeit: ,Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen’ kann es allenfalls innerhalb der Familie und in kleinen und engen Gemeinschaften geben – und auch da nur näherungsweise und für wenige Teilbereiche des Lebens. In einer sozio-ökonomischen und politischen Großordnung von einer solchen Ergebnisgerechtigkeit auch nur andeutungsweise zu träumen, ist Illusionismus. Jenseits der urzeitlichen Horde und der kleinen Stammesgesellschaft der menschheitsgeschichtlichen Frühzeit kann es in der großen, anonymen und arbeitsteiligen Gesellschaft nur eine einzige realistische Art der Gerechtigkeit geben – und das ist die Regelgerechtigkeit, am besten und kürzesten ausgedrückt durch den Satz: „Gleiche Spielregeln für alle.“ Deshalb hat die wichtigste Forderung des Klassischen Liberalismus schon immer gelautet: ,Gleichheit aller Menschen vor dem Recht.’ Diese Form der Gleichheit ist zugleich die einzige, die – ohne selbstwidersprüchlich zu sein – von Menschen errichtet werden kann, also ohne daß damit zugleich gegen die wichtigsten und elementarsten Prinzipien des Rechts und der Gerechtigkeit verstoßen werden müßte.

 

 

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