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Sie haben das ,Zwei-Welten-Theorem` von Hayeks erwähnt. Was ist darunter zu verstehen?


Man muß unterscheiden zwischen der theologischen und der humanethologischen Zwei-Welten-Theorie. Friedrich A. von Hayek hat sich natürlich nur mit letzterer befaßt. Sie besagt, in Kurzform gebracht: Einige hunderttausend Jahre lang, nämlich während seiner Vor- und Frühgeschichte, lebte das Menschengeschlecht in kleinen urzeitlichen Horden von Jägern und Sammlern, in Sippen- und Stammesgemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. Es galten dort hierarchische Rangordnungen und Regeln des gemeinschaftlichen Verhaltens, wie wir sie teilweise von Tierpopulationen kennen und auch bei den uns nächstverwandten Primaten noch im einen oder anderen Detail beobachten können. Dazu gehörte auch, schon aus Gründen des Überlebens, das Teilen der Jagd- und Sammelbeute. Diese Verhaltensmuster sind tief in unsere Instinkte und unser genetisches und stammesgeschichtliches Erbe eingeprägt.

Die Menschen der vormodernen Zeit lebten also in der einen Welt der engen, überschaubaren face-to-face-Gemeinschaft. Der moderne Mensch hingegen ist gezwungen, in zwei Welten zu leben: Zum einen im kleinen Kreis der Familie und Freunde (und vielleicht noch der Sippe), wo sich jene urzeitlichen Verhaltensmuster noch in mehr oder weniger strenger Form leben lassen und auch sinnvoll und nützlich sind; und zum anderen in der großen, anonymen und arbeitsteiligen Gesellschaft, in welcher völlig andere Regeln und Verhaltensweisen gelten – und auch notwendig sind. Dieses Leben in zwei Welten, wovon letztere menschheitsgeschichtlich nur einen winzig kleinen Zeitraum umfaßt, bereitet uns große Schwierigkeiten. (Der Humanethologe und Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt hat hierüber umfangreiche und bahnbrechende Arbeiten verfaßt). Als besonders verhängnisvoll erweisen sich hierbei unsere atavistischen Neigungen, die Regeln der kleinen, „warmen“ Welt auf die große, „kalte“ Welt der Großgesellschaft übertragen zu wollen. Dieser biologisch tief verwurzelte Steinzeit-Instinkt ist wohl der hauptsächliche Urquell für den aller Erfahrung und aller Vernunft widersprechenden und geradezu unausrottbaren Hang unserer Spezies zu sozialistischen Gesellschaftsmodellen. Das entscheidende und verhängnisvolle an diesen Sehnsüchten und den entsprechenden politischen Versuchen besteht in der Tatsache, daß jede der beiden Welten unabwendbar zerstört wird, sobald man die Verhaltensregeln der jeweils anderen auf sie anwendet. Von Hayek führt dazu aus: „Unsere Schwierigkeit besteht zum Teil darin, daß wir unser Leben, unsere Gedanken und Gefühle unentwegt anpassen müssen, um gleichzeitig in verschiedenen Arten von Ordnungen und nach verschiedenen Regeln leben zu können. Wollten wir die unveränderten, uneingeschränkten Regeln des Mikrokosmos (d. h. die Regeln der kleinen Horde oder Gruppe oder beispielsweise unserer Familien) auf den Makrokosmos (die Zivilisation im großen) anwenden, wie unsere Instinkte und Gefühle es uns oft wünschen lassen, so würden wir ihn zerstören. Würden wir aber umgekehrt immer die Regeln der erweiterten Ordnung auf unsere kleineren Gruppierungen anwenden, so würden wir diese zermalmen. Wir müssen also lernen, gleichzeitig in zwei Welten zu leben.“ (Hayek 1988, 1996, S. 15).

 

 

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