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Purpa – Ausblick für Entrepreneurship


„I can shake the world!“ Heute, sagt er, wisse er nicht mehr, wo seine Grenzen seien. Heute springt und tanzt er, dem Rumpelstilzchen ähnelnd, über den Betonboden des riesigen Rohbaus, der zu seinem Palast werden soll, nur ärgert er sich nicht wie das Männchen im Märchen, sondern ist voll des äußersten Vergnügens. Sein Name ist Purpa, und er ist ungefähr so alt wie einer bei uns, der sich nach mittlerer Studiendauer anschickt, die Universität zu verlassen. Purpa ist oben angekommen. Sein Silberschmuck ziert Mannequins rings um den Globus. Händler aus Düsseldorf, Rom und Sydney bestellen per Fax und ordern die Ware mit Luftpost, weil Kundinnen ungeduldig warten.

Damals, vor fünfzehn Jahren, war er ein Straßenjunge auf Bali, Kind unter Kindern, die dem Vater zu viel wurden, weil er sie von seinem Reisfeld nicht mehr ernähren konnte. Anfangs verkaufte Purpa wie die anderen Jungen Masken und Gürtel an Touristen. „Du mußt aber anders sein als die anderen“, sagt Purpa heute, „und völlig verrückte Ideen haben.“ Purpa sah, daß die Touristinnen, wenn sie erst ein paar Tage da waren, nach exzentrischen Dingen Ausschau hielten. Weil er, des Englischen nicht mächtig, mit den Touristen nicht reden konnte, spielte er mit jedem Fremden Schach, den er dafür gewinnen konnte, und lernte dabei die Sprache. „Bei Schach braucht man nicht nur über Schach, man kann über Gott und die Welt reden.“ Und: „Schach dauert lange, und ich bekam meine Englischstunden ganz umsonst.“ Während die anderen Jungen weiterhin die gleichen Sachen verkauften und, wenn einer mit einer neuen Ware ein wenig Erfolg hatte, ihn sofort nachmachten, unterhielt sich Purpa viel mit Touristinnen und erfuhr, wovon sie träumten und was sie sich wünschten. Ihre Wünsche waren nicht sehr deutlich, aber er merkte, daß die fremden Frauen vor allem an Schmuck und Accessoires interessiert waren, an Dingen, die sie – und das schien widersprüchlich zu sein – zu Hause mit ihren westlichen Kleidern kombinieren konnten, denen man aber dennoch ansehen sollte, daß sie ganz woanders her kamen. Das Accessoire als eine Pointe, die den Kaufhausstil des Kleides zum singulären Modell wandelt? Bali mit C & A? Ungefähr so.

Purpa ging an den Strand, sammelte Muscheln, bohrte Löcher hinein und montierte sie zu immer neuen, klappernden Mustern auf breiten Stoffgürteln. Er verließ sich auf seine wilden Träume und Visionen, auf Geister und Ahnen, und so geriet kein Gürtel wie der andere, die Muscheln baumelten in verwegenem Stil, mal zu Klumpen gebündelt, mal wie Schlangengetier, mal wie abgespaltene Riffteile von ihren Trägerinnen. Kaum bot er die Gürtel an, wurden sie ihm schon aus den Händen gerissen. Purpa arbeitete wie ein Berserker, aber er spürte, daß er nicht alles allein machen konnte. So schickte er Freunde los, die Muscheln zu sammeln. Und als das Geschäft vor Nachfrage zu explodieren drohte, als aus dem Ausland plötzlich Menschen kamen, die hier nicht ihren Urlaub verbringen wollten, sondern ganze Container mit Gürteln bestellten, spürte Purpa, daß es die Götter Balis zwar gut mit ihm meinten, zugleich aber nagten in ihm die Zweifel. Balis Strände gaben immer weniger Muscheln her, Händler boten ihm Muscheln von anderen Inseln an, die fremden Geschäftsleute meinten, nicht jeder Gürtel müsse sein eigenes Gesicht haben, auch Duplikate seien verkäuflich. Purpa verlor die Lust, und mit ihr schwanden auch ein Stück weit die Kräfte, anders zu sein als die anderen. Die anderen? Sie machten jetzt auch Gürtel mit Muscheln, nur nicht so schöne, seine Kunst mißriet ihnen zum schlechten Imitat.

Purpa packte das Geld ein, das er inzwischen verdient hatte, und machte sich auf in die weite Welt, dorthin, wo Englisch gesprochen wurde, nach Australien und Großbritannien. Er besuchte Kurse und perfektionierte sein Englisch. Er sah Mode und Kaufhausmode, sah Schmuck und das, was Boutiquen dafür hielten. Als er wieder zurückkam und sich in Ubud niederließ, begann er, mit Silber zu arbeiten. Er war der erste Silberschmied im Dorf und kümmerte sich nicht darum, daß die anderen Silberschmiede Balis im Dorf Celuk verkauften, weiter unten in Richtung Denpasar.

Purpas Schmuck kommt exzentrisch und in großen Formen daher; spitze, dicke, lange Zähne bohren sich durch Ohren, silbernes Gestänge ziert Pferdeschwänze, Ketten reihen große Kuben aneinander oder zu Scheiben gedrehte Spiralen. Heute wirkt Purpa wie ein besessenes Kind, das den Jackpot gewonnen hat. Man hat ihm den Upakarti-Preis für Indonesiens innovativstes junges Unternehmen verliehen, aber er schert sich nicht darum. „Erst als die Sonne bei mir schien, kamen die Politiker“, sagt er und lacht darüber. In Universitäten hält er gelegentlich Reden, weil er es liebt, lammfromme Studenten zu malträtieren und ihnen vorzurechnen, daß der Tag 24 Stunden lang ist und es eine Schande sei, ihn so unproduktiv wie sie zu verbringen. Ein Flügel seines Palastes soll eine Schule für Künstler werden, dort will er Begabte zu Verrückten machen. Alle 700 Jahre, so sagen die weisen Dukun, war Indonesien Zentrum der Welt. In ein paar Jahren sei es wieder soweit, dann könne das neue Zeitalter beginnen.

Diese Geschichte ist mehr als nur eine Variante der Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde. Sie kommt nun viel häufiger vor und wird von strukturellen gesellschaftlichen Entwicklungen begünstigt. Mitte des 19. Jahrhunderts stimmte der Satz: viel Kapital, viel Macht. Um Stahlwerke zu bauen, Fabrikhallen zu errichten, sie mit Maschinen auszurüsten und in Vorleistung zu treten, brauchte man viel Geld. Ein Kapitalist in Manchester konnte mit seinem Geld die neuesten Textilmaschinen kaufen und die Weber mit ihrer Heimarbeit vom Markt fegen. Heute ist auch schon im Produktionssektor, mehr aber noch im Dienstleistungssektor die Qualität der Idee wichtiger als die Höhe des Kapitaleinsatzes.

Im philippinischen Fernsehen wurde vor nicht langer Zeit eine Frau porträtiert, die mehrere Dutzend Angestellte hat, ohne recht des Schreibens und Lesens kundig zu sein oder gar die Buchhaltung zu beherrschen. Dafür hatte sie etwas anderes hochkatapultiert: ihre Fähigkeit, einen wirklich guten Reiskuchen herzustellen, das Geheimnis seiner Zutaten für sich zu behalten und dafür zu sorgen, daß er, wo immer er verkauft wird, wirklich gut schmeckt.

Ihre Wettbewerber: McDonald's, Dunkin' Donuts und Kentucky Fried Chicken. Ihr Kapitaleinsatz: null. Denn am Anfang dachte die Reiskuchenbäckerin nur an die Versorgung ihrer Familie und an sich selbst. Allmählich kamen Nachbarn mit Bestellungen für Feste und besondere Anlässe. Der Tip über die guten Reiskuchen wurde weiter- und weitergereicht, und jeder, der einen Kuchen probiert hatte, lobte ihn anderen gegenüber.

Die Filipinos haben viele originelle Unternehmer hervorgebracht, die – von unten kommend – mit ihrer Idee zündeten. Leonardo Sarao ist einer von ihnen. Er erfand den Jeepney in einer Zeit, als die Amerikaner 1946 abzogen und einen Haufen ausgedienter Jeeps zurückließen. Leonardo muß ein Kleinbus vorgeschwebt haben. Er schnitt einen Jeep zwischen den Achsen quer durch, streckte ihn, baute ein Dach darüber und längsgerichtete Sitzbänke ein, schmückte den Wagen mit handgemalten Palmenstränden und Sonnenuntergängen, setzte kleine Pferde und Zierrat aus Blech vorn auf den Kühler, und fertig war der Bus. Seither ist die Idee so erfolgreich, daß die Jeepneys Millionen von Filipinos täglich hin-und herbewegen – für billiges Geld und noch fern irgendwelcher Konsequenzen aus dem Verdacht, daß mit der Zunahme der Jeepneys, ihrer rußigen Abgase und dem Dauersmog in Manilas Straßen das Leben der Fahrer und ihrer Gäste, auch wenn die sich ein Tuch vor die Nase halten, immer kürzer werden könnte.

Der Kapitaleinsatz von Leonardo Sarao, der 1952 mit knappen dreißig Dollar seine erste Werkstatt eröffnete, war wesentlich geringer als jener der amerikanischen Hausfrau Barb Whiting. Die reagierte mit 7000 Dollar Startkapital auf die Frustration, die sie bei dem Versuch erlebt hatte, für Mitglieder ihrer Familie von Diabetikern zuckerlose Bonbons in üblichen Geschäften zu erwerben. Ihr kleiner Laden in Hammond, Indiana, in dem sie ein Sortiment von 450 zuckerlosen Süßigkeiten – von der Schokolade bis zum Plätzchen – anbietet, hat sich drei Jahre nach seiner Eröffnung bereits zur landesweiten Versandzentrale gemausert.

Kapital allein hilft nicht. Es verleiht das Gefühl vermeintlicher Stärke. Je weniger gut die Idee, desto nötiger wird die Repräsentation. Die Fassade ersetzt dann das fehlende Konzept. Im tertiären Bereich ist die Qualität der Dienstleistung entscheidend. Um modisches Design zu entwerfen, eine Werbeagentur zum Leben zu bringen, Software herzustellen, braucht man Ideen und Bildung. Bildung, wenn sie Weltverständnis bedeutet, ist Kapital. Purpa hat seine avantgardistischen Designs nicht allein aus dem Bauch und seinen Visionen heraus entworfen, sondern auch in Nutzung des Überblickwissens, das er sich auf seinen Reisen erworben hat.

Wenn die Prognose stimmt, daß der Tourismus zum weltweit größten Industriezweig wird, dann liegt in dieser Entwicklung eine wesentliche Chance für die Einheimischen. Sie zeigen heute schon, daß sie mit Gastfreundschaft und familiennahen Unterkünften, den homestays, es mit phantasielosen Hotels aufnehmen können. Die Kleinen sind preiswerter, können besser im Service sein und den Gästen die Wünsche genauer von den Augen ablesen. Ein Hotel ist ja nicht deshalb schon gut, weil der Eingang wie ein pompöser Trichter gestaltet wird, an dessen enttäuschendem Ende dann die kleine, teure, lieblos standardisierte Kammer wartet.

Oft dauert es Jahre bis zur Reife, will die Idee hin und her gewendet, verworfen und wieder hervorgeholt sein. Gute Ideen interpretieren langfristige Trends auf eigenwillige Weise, greifen Abseitiges auf, machen nicht halt vor Verrücktem, entdecken und deuten Vorhandenes neu. Wasserhyazinthen? Ein Unkraut, das tropische Süßwasserseen bedeckt und den Sauerstoff entzieht. Rattan? Ein schnellwachsendes, in Plantagen anpflanzbares Gestänge. Beides zusammen? Man könnte Möbel daraus herstellen, mit Rattan für die Statik und den Fasern getrockneter Wasserhyanzinthen für die Gewebe. Konventionelle Möbel im Kolonialstil? Vielleicht. Vielleicht aber auch Phantasien über biologisches Wohnen in die Tat umgesetzt, mit welligem Bodengeflecht, Lianen, zwischen die man sein Bett hängen kann, oder geflochtenen Wänden, hinter denen Erde Nahrung für herauswuchernde Pflanzen spendet. Wer Wasserhyanzinthen aus den geplagten Seen abräumt, bekommt in vielen Ländern sogar Geld dafür. Die Bäume des Regenwaldes weiter wachsen lassen, die ökologische Balance der Seen wieder herstellen und Wohnungen nicht einfach mit Möbeln vollstellen, sondern Wohnlandschaften mit Phantasie und nach Maß entwickeln – die Alternative wäre da, was hinzukommen muß, ist die Besessenheit, um sie zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Das beste Kapital ist eine gute Idee. Und: Small is more efficient. Hierin liegen die Chancen der Unternehmer von unten, der kleinen, wendigen Fische, den großen Terrain abzunehmen. Neue kleine Unternehmen bringen neue Arbeitsplätze. Respekt gebührt dem, der sich seinen Arbeitsplatz selbst einrichtet. Noch mehr Anerkennung verdient, wer darüber hinaus auch für andere Arbeitsplätze bereitstellt. Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist nicht das Normale, sondern das Ungewöhnliche.

Der Entrepreneur ist nicht der Erfinder oder technische Entwickler, sondern er ist eine Zwischenfigur zwischen der Erfindung und ihrer Verwertung am Markt. Die Erfindung als solche ist im unternehmerischen Sinne nichts ,wert`, wenn sie nicht zu gegebener Zeit an gegebenem Ort auf zahlungsbereite Kunden trifft. Entrepreneurship besitzt damit technischen Erfindungen gegenüber ein Eigengewicht, das stärker geworden ist, als es zu Zeiten von Edison, Bell oder Siemens war.

 

 

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