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Parallelen zum Merkantilismus – Woher die Arbeitsplätze kommen.


Wir begannen erneut, die Geschichte der entwickelten Nationen zu untersuchen und uns zu fragen, ob diese Länder, vor ihrer Entwicklung zu einem Erste-WeltLand ähnliche Erfahrungen wie die Trennung von formellem und informellem Sektor gemacht haben. Obwohl von Historikern die Begriffe „formell“ und „informell“ nicht verwendet werden, finden sich doch in ihren Beschreibungen des Wirtschaftslebens im Europa des 15. bis 19. Jahrhunderts, einer Epoche, in der der Merkantilismus die vorherrschende Wirtschaftsform war, eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem, was wir heute durchgängig in der Dritten Welt beobachten. Damals, genau wie heute in den unterentwickelten Ländern, hatte die Mehrheit der Bevölkerung eine Anzahl von Hindernissen zu überwinden, bevor sie Teil des wirtschaftlichen Hauptstromes werden konnte. Es fehlte an Gesetzen, die die wirtschaftlichen Aktivitäten der Mehrheit unterstützen und ihrem Eigentum Rechtsschutz gewährten.

Genau wie in den unterentwickelten Ländern von heute gab es in der Epoche des Merkantilismus eine kleine privilegierte Gruppe von Kaufleuten und Adligen, die mit dem Segen der Herrschenden Handel trieben und eine große Klasse von Bauern und städtischen Armen, die sich außerhalb des wirtschaftlichen Hauptstromes betätigen mußten. Diese Parallele wurde ausführlich in der Studie, „El otro sendero“ (dt.: Marktwirtschaft von unten) dargestellt, in der wir zahlreiche Berichte über die umfassende Verbreitung dessen, was wir den informellen Sektor nennen, im merkantilistischen Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland auswerteten. Europa war in dieser Epoche durch einengende Zünfte, staatlich garantierte Monopole und willkürliche Bestimmungen, die jeden Aspekt des Wirtschaftslebens regelten, gekennzeichnet. Das Zusammenspiel dieser Faktoren bewirkte, daß die breite Mehrheit der Bürger daran gehindert wurde, am Hauptstrom des offiziellen Wirtschaftslebens teilzunehmen und daraus den vollen Nutzen zu ziehen – wie wir vom ILD herausgefunden haben, ist dies das gleiche System, das in den Ländern der Dritten Welt vorherrscht und die meisten Bürger in die Informalität verbannt.

Wir stellten folgende Hypothese auf: Falls im merkantilistischen Europa die gleichen Hindernisse und der gleiche Mangel an gesetzlichen Rahmen existierten und Eigentumsrechte ebenso fehlten wie heutzutage in den Entwicklungsländern, dann könnte das ein Hinweis darauf sein, daß das merkantilistische Europa etwas sehr Grundlegendes mit den heutigen Entwicklungsländern gemeinsam hatte. Dies wurde klarer, als wir erkannten, daß sich bei allen vorangegangenen Übergängen vom Merkantilismus zur Marktwirtschaft das politische System am Ende den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit anpassen mußte. Die Form der Entwicklung war unterschiedlich, entsprechend der kulturellen Unterschiede und der geschichtlichen Erfahrungen jedes Landes, aber überall fand der Wechsel, manchmal friedlich, manchmal gewaltsam, entlang demokratischer Richtlinien statt. Das Ergebnis war, daß die Normen und Institutionen der breiten Bevölkerungsmehrheit, d.h. des „informellen Sektors“, sich im formellen Recht des Landes widerspiegelten. In der Tat hat der informelle Sektor die vormoderne westliche Welt von unten her umgestürzt.

Wir verfolgten die Spuren dieser Subversion zurück zu den Anfängen im angelsächsischen Nord-Amerika, sowie mindestens 800 Jahre zurück in West-Europa und etwa 400 Jahre zurück in Japan und anderswo in Asien. Doch erst im 18. und 19. Jahrhundert erreichten die informellen Institutionen eine kritische Masse. Betrachtet man diese Ereignisse im Zusammenhang mit dem Ergebnis unserer Analyse, dann wird deutlich, wie vom informellen Sektor dieser Gesellschaften ein unwiderstehlicher Druck zum institutionellen Wandel „von innen her“ ausgeht, der seinerseits den Kollaps des Merkantilismus in seiner Spätzeit bewirkte.

Viele der heutigen sich entwickelnden Nationen werden als demokratisch angesehen, weil es Wahlen, Gewaltenteilung und andere formelle Kennzeichen von Demokratie gibt. Aber Wahlen und Gewaltenteilung sind nur die Spitze des Eisbergs. In Peru, z.B., produziert die Exekutive etwa 27000 gesetzliche Bestimmungen pro Jahr, ohne dem Kongreß oder der Öffentlichkeit darüber Rechenschaft ablegen zu müssen, denn nach den Wahlen besteht zwischen denen, die die Entscheidungen treffen und denen, die davon betroffen sind, keinerlei Beziehung mehr.

Wahlen sind heutzutage in den Demokratien der fortgeschrittenen Nationen nur ein Anfang. Die Gesetzgebung folgt dort demokratischen Spielregeln. Das fängt damit an, daß die meisten Regierungsinformationen den westlichen Bürgern zugänglich sind. Gesetzesentwürfe müssen veröffentlicht werden. Die Bürger können dazu schriftlich oder in Anhörungen Stellung nehmen, und der Gesetzgeber muß darauf eingehen. Falls er dies nicht tut, kann das Volk das Gesetz durch Anrufung der Verwaltungsgerichte immer noch zu Fall bringen. Die Verwaltung muß Kosten-Nutzen Analysen für Gesetzesvorhaben vorlegen und der Gesetzgeber muß auf die Eingaben der Bevölkerung reagieren. In manchen fortgeschrittenen Nationen dienen Volksentscheide der Einflußnahme auf die Regierung, wenn alle anderen Maßnahmen nichts genützt haben.

Wir haben herausgefunden, daß in Ländern wie Peru Institutionen fehlen, die diesen Zweck erfüllen könnten. Gesetze und Bestimmungen sind hier nicht das Produkt eines demokratischen Prozesses, sondern werden zwischen einigen wenigen Gruppen mit speziellen Interessen, den Führern politischer Parteien und der offiziellen Regierung ausgehandelt.

In der Folge entstehen Gesetze, die widersprüchlich und wenig vorhersehbar sind und ein inkohärentes, komplexes Rechtssystem, das von Privilegien und Möglichkeiten zur Korruption gekennzeichnet ist. Die Bürger haben keine Garantie dafür, daß die Regierungspolitik ihnen keinen Schaden zufügt oder überhaupt in ihrem Interesse ist. Den sich entwickelnden Ländern fehlt der institutionelle Unterbau, der eine demokratische Teilhabe am Gesetzgebungsprozeß ermöglicht, die Verantwortlichkeit der Regierenden und die Transparenz ihrer Entscheidungen sicherstellt und allen gleichermaßen das Eigentumsrecht sichert.

Die Regieringen der Dritten Welt, die versuchen, Demokratie und Marktwirtschaft nachzuahmen, ohne diesen institutionellen Unterbau zu schaffen, entscheiden so willkürlich, daß Demokratie und Marktwirtschaft sehr schnell das Ansehen verlieren. Private Investitionen und Spezialisierungen, die für den Markt wie für die Unternehmer notwendig sind, damit Wachstum zustandekommt, werden durch unvorhersagbare Entscheidungen verhindert. Gesetze, die ohne Beratungen und Feedback zustandegekommen sind, spiegeln nur sehr enge, persönliche Interessen wider und berücksichtigen die Bedürfnisse und Interessen breiter Gesellschaftsschichten nicht. Kostenbarrieren, die im Interesse weniger Privilegierter und manchmal auch eher zufällig errichtet werden, verhindern, daß die Bevölkerungsmehrheit Zugang zu solch unverzichtbaren Geschäftsvoraussetzungen wie Eigentumsrecht oder einem vereinfachten System der Eintragung ins Handelsregister erhält. Im Ergebnis wird die Mehrheit der Bürger der Dritten Welt in den riesigen „informellen“ Sektor gezwungen, der außerhalb des formellen gesetzlichen Rahmens operiert.

Der institutionelle Unterbau in den heutigen entwickelten Ländern verhindert die Konstruktion solcher Barrieren, wenn auch die Form dieses Unterhaus manchmal schwer zu erkennen ist. Bei der Untersuchung der früheren Übergänge vom Merkantilismus zur Marktwirtschaft stellten wir fest, daß es kein Modell gibt, das die wesentlichen Merkmale dieser komplexen Institutionen unabhängig von ihrem historischen Entstehungsprozeß darstellt. Die Stärke dieser Institutionen und ihre Legitimität beruhen auf kulturell akzeptierten Regeln, die oft als Selbstverständlichkeit angesehen werden. Im Ergebnis ist festzustellen, daß jeder Versuch, Modelle aus einer fremden Kultur in die Dritte Welt zu verpflanzen, den Fremdenhaß nährt und den Paternalismus sowie persönliche Interessen bei der Ablehnung solcher Institutionen fördert.

Der informelle Sektor brachte im 18. und 19. Jahrhundert in Europa Institutionen und Normen hervor, die seinen Interessen entsprachen; ebenso hat, wie wir herausgefunden haben, der informelle Sektor zahlreicher Länder der Dritten Welt, der vom legalen wirtschaftlichen Hauptstrom ausgeschlossen ist, spontan seine eigene kulturelle Vielfalt an institutionellem Unterbau von Marktwirtschaft und demokratischen Systemen geschaffen. In der Tat ist die Teilhabe an der Schaffung von Regeln, die Verantwortlichkeit und Transparenz, die Anerkennung von Privateigentum die Norm im institutionellen Unterbau des informellen Sektors. Doch, im Gegensatz zu den entwickelten Ländern, sind diese Institutionen isoliert, legal nicht anerkannt und haben die vorherrschenden merkantilen Institutionen, die der Diskriminierung dienen, noch nicht ersetzen können. Unsere Untersuchung zeigt, daß es mit einer Politik, die sich auf die informellen Institutionen und ihre Kultur stützt und ihre Sprache spricht, möglich ist, die breite Zustimmmung zu erzielen, die erforderlich ist, um den Widerstand friedlich zu überwinden.

Die Einsicht in die Parallelen zwischen Merkantilismus und der heutigen Dritten Welt, die aufgrund der Analyse des ILD gezogen werden können, hat das Nachdenken über Unterentwicklung in mehrfacher Hinsicht entscheidend vorangebracht. Zunächst erteilt sie denjenigen eine Absage, die die Existenz von Unterentwicklung mit ideologischen oder kulturellen Begriffen zu erklären versuchen. Die Analyse des ILD zeigt, daß Unterentwicklung weder ein Ergebnis kultureller Unzulänglichkeiten bestimmter Gesellschaften ist, noch von irgendwelchen unvermeidlichen Kräften der Geschichte herrührt. Vielmehr hat die Unterentwicklung, genau wie früher bei den entwickelten Nationen, ihre Ursache in einem politischen und wirtschaftlichen System, dem ein institutioneller Unterbau fehlt, mit dem die Entstehung eines Netzes von Gesetzen und Bestimmungen zur Benachteiligung der armen Bevölkerungsmehrheit verhindert wird. Aus der Untersuchung folgt, daß ungeachtet der Höhe und Art von Entwicklungshilfe, eine langfristige Entwicklung solange nicht stattfinden kann, wie dieser institutionelle Unterbau nicht geschaffen wird.

Außerdem löst unsere Analyse der Unterentwicklung einen Großteil der Verwirrung hinsichtlich der Entwicklungspolitik auf. Weil das in der Dritten Welt vorherrschende, dem Merkantilismus ähnelnde Wirtschaftssystem äußerlich einer Marktwirtschaft gleicht, wird vielfach irrtümlich angenommen, daß diese Länder bereits über eine Marktwirtschaft verfügten. Es wird der Schluß gezogen, daß das marktwirtschaftliche System versagt hätte, und ein alternatives Modell gefordert. Unsere Analyse zeigt, daß solche Überlegungen falsch sind: Da die Wirtschaftsysteme der Dritten Welt tatsächlich noch keine marktwirtschaflichen sind, sondern sich noch in den Untiefen des Merkantilismus befinden, bedeutet die Ablehnung der Marktwirtschaft mit der Begründung, daß sie nicht im Stande gewesen sei, diese Länder zu entwickeln, den Verzicht auf eine Möglichkeit, die bisher noch gar nicht versucht worden ist.

Die Tatsache, daß die unterentwickelten Nationen über keine wirkliche Marktwirtschaft verfügen, erklärt, warum Stabilisierungsprogramme und eine makroökonomische Regulierungspolitik mit der Zielsetzung, marktwirtschaftliches Wachstum voranzubringen, in den unterentwickelten Ländern keinen Erfolg haben kann. Die legalen Hindernisse, das Fehlen des gesetzlichen Unterbaus und der Eigentumsgarantien, verweigern den Armen in einer merkantilistischen Wirtschaft den Zugang zum Markt, der nur aufgrund verbesserter makroökonomischer Rahmenbedingungen entstehen kann. Hinzu kommt, daß die Bedürfnisse des informellen Sektors im Anpassungsprozeß unberücksichtigt bleiben, weil der institutionelle Unterbau fehlt, durch den eine Beteiligung an Gesetzgebung und Entscheidung ermöglicht werden würde. Das erklärt, warum die Unterstützung makroökonomischer Programme in den unterentwickelten Ländern nur von kurzer Dauer ist; die Unterstüzung läßt nach, sobald den Armen bewußt wird, daß die Vorteile nicht ihnen zufließen.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer Analyse der Parallelen zwischen dem Merkantilismus und der heutigen unterentwickelten Welt sind zahlreiche Erkenntnisse darüber, wie Unterentwicklung überwunden werden kann. Das Studium der Geschichte aus dem Blickwinkel des „Informellen“ zeigt, daß der Übergang vom Merkantilismus zur Marktwirtschaft immer dann erfolgreich war, wenn er aufgrund des Drucks der Basis durchgesetzt wurde. Die merkantilistischen Institutionen, die einem autoritären, diskriminatorischen Kapitalismus dienten, wurden größtenteils von informellen Agenten unterwandert. Heutzutage besteht die Herausforderung in der Suche nach Möglichkeiten, die Informellen bei der Unterminierung des diskriminierenden Systems, das die Dritte Welt in Armut hält, zu unterstützen.

 

 

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