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Markt gegen Macht – Das Netz weiter werfen


Entrepreneurship verlangt die Orientierung und Hinwendung zum Markt. Teilen wir alle diese Orientierung? Markt ist für viele ein Reizwort und die Assoziationen, aber auch die handfesten Urteile und Vorurteile, die am Begriff Markt haften, machen uns Schwierigkeiten, uns zu verständigen.

Der Begriff Markt ist in Deutschland mit 150 Jahren Geschichte sozialer Auseinandersetzungen belastet. Hinzu kommt ein Verwirrspiel um den Begriff selbst. Schuld daran ist nicht zuletzt ein Unternehmertum, das meist nur so lange für Markt eintritt, als damit eigene Vorteile verbunden sind, und sofort die Fahne Markt auf Halbmast setzt oder ganz einholt, wenn Strukturwandel oder Konkurrenz aus dem Ausland bewirken, daß sich die Marktverhältnisse zu Ungunsten des eigenen Unternehmens oder der eigenen Branche entwickeln. Wenig hilfreich ist aber auch das Verhalten einer Politik, allzu oft dem Drängen nach Protektionismus und Subventionen nachzugeben, so, als sei dies der soziale Teil der Marktwirtschaft und nicht deren Niedergang.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn bei uns von vielen Menschen Markt von vornherein als negativ verstanden wird. „Markt, ist das nicht eine Versammlung von Gaunern? Der eine haut den anderen übers Ohr. Wer das besser tut ist geschäftlich erfolgreich. Die Rücksichtslosigkeit setzt sich durch, der Ellenbogen. Man braucht Tricks, ein gewisses Maß an Verschlagenheit und eine Verkäufermentalität.“

Andere erinnern sich an ihren Geschichtsunterricht und sagen: „Laissez-faire. Das ist Markt.“ Und wenn man sich Gedanken darüber mache, was Laissez-faire bewirke, dann sei das Ergebnis doch ziemlich naheliegend: Der Stärkere setzt sich durch. Das könne nicht gut sein. Ist das Markt, Laissez-faire? Haben die Vordenker der Marktwirtschaft je Markt mit Laissez-faire gleichgesetzt? Sie haben es nicht. Im Gegenteil. Markt ist als Regelsystem entwickelt worden.

Markt ist der natürliche Feind der Unternehmer. Je mehr Unternehmer antreten, je mehr Konkurrenz und Transparenz herrschen, desto weniger Gewinne lassen sich erwirtschaften. Im Modell führen eine vollständige Konkurrenz und eine vollständige Transparenz zu Profitraten von Null. In der Ideengeschichte der Ökonomie galt Markt immer als Gegenkraft zum Gewinninteresse der Unternehmer. Markt gegen Macht. Wer angehäufte Gewinne umverteilen will, muß für mehr Markt eintreten. Mehr Markt heißt, mehr Entrepreneurs, mehr Newcomer, mehr Transparenz und Wettbewerb.

Nun reden zwar alle von Markt, aber keiner will ihn. Diejenigen, die in ihm operieren und den Markt beschwören, würden am liebsten ohne ihn leben. Wenn heute und bei uns gerade die Unternehmer Anhänger der Marktwirtschaft sind, muß dies sonderbar stimmen. Ihr „Markt“ scheint ihrem Gewinninteresse nicht entgegenzustehen, sondern Rahmenbedingungen zu enthalten, die den Wettbewerb nicht wirksam werden lassen. Die Rede von der Marktwirtschaft ist, mißt man sie an der Praxis, eher ein Ausdruck des Willens, Markt zu vermeiden. SoIche Marktteilnehmer wollen möglichst wenige sein und unter sich bleiben, und sie wollen einen Staat, der die Konkurrenz, vor allem die der weiten Welt, außen vor hält. Das Konzept Markt hat in Deutschland keine Lobby. Statt dessen hat das Marktgeschwätz Hochkonjunktur.

Es gilt, eine wirtschaftswissenschaftliche Denktradition ins Bewußtsein zu rufen und verständlich zu machen, die allzu sehr im Kreuzfeuer von politischen Interessen und unter Verwechslung von Modell und Realitätsebene verschüttet wurde.

Anders als der Sozialismus verlangt Markt nicht den neuen Menschen. Markt verlangt Wettbewerb und Transparenz. Wettbewerb in Analogie zum sportlichen Wettkampf. Nicht Schläge unter die Gürtellinie des Konkurrenten. Markt bedarf der Wettkampfregeln: Wie beim sportlichen Wettstreit muß der Schiedsrichter stark und mächtig sein, und unparteiisch. Er ist für Fairneß im Wettkampf zwischen den Konkurrenten zuständig. Markt heißt für ihn Fairplay. Er muß die rote Karte ziehen und Elfmeter verhängen können, auch gegen die Heimmannschaft und den drohenden Zorn des heimischen Publikums. Der Schiedsrichter, in der Regel der Staat, in Zukunft vielleicht eine übernationale Institution, muß so stark sein, daß große mächtige Unternehmen und ihre Lobby in die Schranken verwiesen werden können. Ich betone das, um gegen die Vorstellung des Laissez-faire und des Rechts des Stärkeren die Tradition der Konzeption von Markt in den Wirtschaftswissenschaften zu setzen. Diese Tradition verlangt etwas anderes als die Politik industriefreundlicher Parteien.

Hören wir nicht ständig den Ruf nach Deregulierung? Sind es nicht die Anhänger von Markt, die so rufen? Wiederum: Sie sind es nicht. Markt, es sei betont, ist ein Regelsystem. Deregulierung ja, aber nur dort, wo der Staat oder andere die Marktregeln außer Kraft gesetzt haben. Deregulierung ist von Übel, wenn die Aufhebung der Spielregeln des Marktes versucht wird, sie wirkt auch dort schädlich, wo ökologische oder soziale Standards übergeordnete Maßstäbe sichern sollen. Im Markt kann nicht jeder machen, was er will. Er ist nicht „frei“, sondern an Regeln gebunden. Markt heißt nicht, daß alle auf einem Platz antreten und jeder jeden nach Belieben foult. Der Ausdruck „level playing field“ bezeichnet das ebene Spielfeld, bedeutet Chancengleichheit und Fairneß oder, um im Bild zu bleiben: das Spielfeld darf nicht zu einer Seite geneigt sein. Chancengleichheit kann nicht bedeuten, gegen einen Steilhang anspielen zu müssen, dessen obere Hälfte vom Gegner besetzt und durch Sperren gesichert ist. Funktionierende Märkte samt starkem Schiedsrichter gibt es durchaus. Die amerikanische Securities Exchange Commission (SEC) ist ein Beispiel für eine machtvolle – und gefürchtete – Schiedsrichterfunktion.

Zweifellos sind die Argumente, daß Markt in der Praxis oft so nicht funktioniert, nicht von der Hand zu weisen. Damit kann man aber nicht die Marktkonzeption als solche entwerten. Wir lassen ja auch das Prinzip Demokratie nicht fallen, nur weil es in der täglichen Praxis nicht immer funktioniert. Auch in der Demokratie versuchen etablierte Parteien, Konkurrenten möglichst zu behindern. Auch die Demokratie lebt von Wettstreit und Transparenz. Wenn also die Marktkonzeption favorisiert wird, dann muß dies, wie bei der Staatsform der Demokratie auch, den alltäglichen Kampf um die Erhaltung ihrer Prinzipien gegen den Einfluß der Großen mit einschließen, die diese Prinzipien außer Kraft setzen wollen und tatsächlich auch das Potential haben, sie außer Kraft zu setzen.

Die Wirtschaftsgeschichte zählte Markt lange Zeit selbstverständlich zu den positiven Erscheinungen. Im antiken Griechenland war Markt ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Auf den Marktplatz zu gehen und zu hören, was es Neues gibt, war für die Griechen etwas so Zentrales, daß sie dafür ein eigenes Wort prägten: agorazein. Nicht umsonst verbanden sich früher wichtige Ereignisse im Leben der Polis mit der Vorstellung von Markt: der Jahrmarkt, die Messe sind Beispiele dafür.

Erst mit Beginn der Industrialisierung entstanden über Kapitalakkumulation und neue Finanzierungsmethoden Produktionseinheiten eines vorher unbekannten Ausmaßes, die mit einer massiven Konzentration von Macht einhergingen. Ökonomische Macht und Machtmißbrauch wurden zu beherrschenden Themen der politischen und wissenschaftlichen Diskussion. Vor allem der frühe Kapitalismus und seine brutalen Auswüchse haben mehr als ein Jahrhundert lang Widerstand gegen diese Formen wachsen lassen.

Mit dem Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft zeigen sich jedoch deutliche Strukturverschiebungen. Die durchschnittliche Betriebsgröße nimmt inzwischen ab, nicht zu. Albach (1982) hat als erster für Deutschland nachgewiesen, daß die Zahl der Unternehmen nicht abnimmt, sondern zunimmt. Bis dahin war man von einer immanenten Konzentrationstendenz und einer abnehmenden Zahl von Betrieben ausgegangen. Dienstleistungsunternehmen unterliegen anderen Gesetzmäßigkeiten als die industrielle Produktion; sie sind kleiner, müssen kundennäher und flexibler sein. Schnelles Reagieren am Markt, Lernfähigkeit des Unternehmens und des Managements werden bedeutsamer als Besitzstände und Kapital. In großen Bereichen – in der Modebranche, bei Computerhardware und -software, um nur einige bekannte Beispiele zu nennen – haben Miniunternehmen fast über Nacht den Großen vorher uneinnehmbar scheinende Bastionen abgenommen. Die Zahl der Kleinen und Erfolgreichen ist zu groß, als daß man sie einfach beiseite schieben könnte. Marx lag falsch, als er das Verschwinden der Kleinen prognostizierte.

Es ist eigentlich erstaunlich, daß sich nicht viel mehr Menschen bemühen, im Markt tätig zu werden. Ein Grund dafür könnte sein, daß Markt mit einer Reihe von Mythen umstellt ist, die ein unbefangenes Herangehen mehr verbauen als fördern. So neigen viele Marktkritiker zu der Darstellung, Markt führe zu hohen Profitraten. Dabei ist das genau die Deformation von Markt, nicht aber sein Ziel. Ein anderer Mythos ist der, daß man, um Entrepreneur zu sein, über große Kapitalien verfügen müsse. In Wirklichkeit spielen gerade in der jüngsten Vergangenheit die kleinen Unternehmen, die nicht über große Kapitalien verfügen, sondern über neue unkonventionelle Ideen, eine äußerst erfolgreiche Rolle im Marktgeschehen und übernehmen damit eine Schlüsselfunktion im marktwirtschaftlichen System. Wer meint, das Konzept Markt mit dem Hinweis aus den Angeln heben zu können, daß die Bedingungen des vollkommenen Marktes in der Praxis nie zuträfen, verkennt die praktische Leistungsfähigkeit der Marktprinzipien auch unter unvollkommenen Bedingungen. Und er möge weiter bedenken, daß die Bedingungen für Markt in unserer Zeit immer besser werden: Die lnformationsmöglichkeiten, die Transparenz und Vergleichbarkeit nehmen zu, ebenso wie das Bildungsniveau der Bevölkerung als Voraussetzung für kritischen Vergleich. Wenn Bill Gates sagt, daß in der Informationsgesellschaft die Vision von Adam Smith's Markt erstmals praktisch möglich würde, hat er damit vielleicht nicht ganz unrecht.

 

 

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