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Man hat aber doch beim weltweiten Zusammenbruch des Sozialismus von einem Sieg des Liberalismus gesprochen. War das falsch?


Ja und nein. Es war so etwas wie der Sieg eines Kranken über einen Todkranken. Daß der real existierende Sozialismus in allen seinen zwanzig oder dreißig Variationen zusammenbrechen mußte, wußte jeder gute Ökonom. (Aber, wie gesagt, nur die guten Ökonomen, und die waren in unserem Jahrhundert rar gesät). Nur über den Zeitpunkt waren sie sich nicht einig. Ludwig von Mises ist wohl der einzige gewesen, der schon in den Dreißiger Jahren eine relativ präzise Prognose abgegeben hat. Aus der Tatsache, daß der Sozialismus ein Destruktivismus ist. also nichts aufbaut, sondern nur zerstört, hat er richtigerweise geschlossen, daß der Sowjetsozialismus trotz aller niedrig bezahlten Sklavenarbeit dann zusammenbrechen werde, wenn die vom vorangegangenen Kapitalismus übernommene Substanz mit der längsten Lebensdauer – also die Immobilien – zusammenfallen. Und die Lebensdauer von (nicht-gewarteten und nicht-renovierten) Immobilien beträgt, je nach Bauqualität (und je nach Leidensfähigkeit der Bewohner), zwischen 4C und 70 Jahre.

Die Marktwirtschaft hingegen, obwohl überall im Nachkriegseuropa nur in viertel- bis halbintakter Form gestartet. hat eine enorme Aufbauarbeit geleistet. In Deutschland führte( sie aus spezifischen Gründen so rasch und gründlich aus den Kriegstrümmern zum Wohlstand, daß die ganze Welt von einem Wunder sprach. Doch schon ab Mitte der 60er Jahre wurde sie mit den sozialistischen Samtbändeln des Sozial- und Wohlfahrtsstaates so stark gefesselt, daß man nur staunen kann, was sie trotz allem noch zuwege gebracht hat.

Die „spezifischen“ Gründe für den besonders raschen und eindrucksvollen wirtschaftlichen Aufstieg Nachkriegsdeutschlands stehen – ohne daß das die Erhard’schen Verdienste schmälern würde – auch in Zusammenhang mit der historischen Situation. Dir deutsche Marktwirtschaft war in der Nachkriegszeit insoferr buchstäblich „entfesselt“, als die Alliierten – aus bekannten Gründen – so gut wie alle bestehenden Organisationen (von den Parteien bis hin zum letzten Hühnerzüchterverein mit einem Nazi im Vorstand) zerschlagen hatten. Alle korporativistischen und institutionellen Verkrustungen waren also weitgehend aufgelöst. Das was wir heute mit Blick auf den vormaligen Ostblock als „alte Seilschaften“ bezeichnen, gab es im Nachkriegsdeutschland West -trotz aller gegenteiligen Behauptungen – nicht mehr. Wenigsten: für die zehn bis fünfzehn Jahre, die es gedauert hat, bis sich Funktionärsnetze neuer Art wieder über das Land gelegt hatten, war dir deutsche Marktwirtschaft (trotz ihrer sozialistischen Mitbringsel -wie das staatliche Renten-, Gesundheits- und Bildungswesen) ziemlich frei. Unter dem Würgegriff einer halb- bis dreiviertel-sozialistischen Politik haben die Kräfte des Marktes bewiesen, daß sie sogar in Ketten und Fesseln noch einen beachtlichen Teil ihre] Effizienz und ihrer Widerstandskraft entwickeln können. Abel angesichts dieses mühseligen Überlebenskampfes von einen „Sieg” zu sprechen, fällt mir schwer. Es steht sogar zu befürchten, daß bei Fortdauer der Knebelung und bei anhaltendem Wuchern des Staates der Tag kommen wird, an dem die Aufbauleistung der Märkte und der marktwirtschaftlichen Eliten den Destruktivismus der sozialistischen Politik und ihrer aufgehäuften Schuldenberge nicht mehr kompensieren kann, und daß dann ein Staatsbankrott in Europa den anderen jagen wird. Beim „Sieg“ des derart verkrüppelten Liberalismus hätte es sich dann rückblickend nur um ein zeitliches Hinausschieben des Ruins gehandelt. Deshalb zögere ich bei der Parole „Sieg des Liberalismus“. Man sollte vielleicht treffender sagen, daß ein halber Sozialismus noch immer wesentlich länger und besser überlebt als ein ganzer.

Das schlimmste an alledem ist die Tatsache, daß die Bürger aus diesen Entwicklungen nichts lernen. Weder aus dem Zusammenbruch des Sozialismus noch aus der Erdrosselung ihrer Marktwirtschaft. Im Gegenteil. Sollte diese Wirtschaftsordnung eines Tages unter dem Gewicht der Politik den Geist aufgeben, so wird man ihr selbst und nicht den sozialistischen Würgern und Würgeeisen die Schuld daran zuschieben. Man wird vom „Bankrott der Marktwirtschaft“ und vom „Versagen des Kapitalismus“ reden – und nicht vom Bankrott des Schleichenden Sozialismus. Man hat darin ja Übung. Seit Jahrzehnten werden die unzähligen Mißstände und Ungereimtheiten in der westlichen Welt nicht ihren wahren Ursachen – den Marktverfälschungen durch den interventionistischen Staat sowie seinen sozialistischen Institutionen zugeschrieben, sondern der Marktwirtschaft oder dem Kapitalismus selbst.

 

 

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