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Krisen des Kapitalismus


Demnach wäre es auch nicht richtig, im Zusammenhang mit der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland und in etlichen anderen EU-Ländern von einer Krise des Kapitalismus zu sprechen? Nein. Diese Erscheinung hat nichts mit Kapitalismus zu tun. Darauf hat der große deutsche Ökonom der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, Walter Eucken, schon in den Dreißiger Jahren hingewiesen, als die Arbeitslosigkeit zu einer nicht nur ökonomisch sondern auch politisch brisanten Massenerscheinung wurde. Der gesellschaftliche Raum, in dem sich der Kapitalismus entfaltet hat, schrieb Eucken 1932, ist „durch einen späteren geschichtlichen Prozeß, nämlich durch die Entstehung des Wirtschaftsstaates, zerstört worden... Dadurch ist aus dem freien, durch das Preissystem sinnvoll geordneten, ein staatlich gebundener Kapitalismus geworden, der einer brauchbaren Steuerung entbehrt. Die bisher im ökonomischen Mechanismus wirksame Tendenz zur Vollbeschäftigung aller Anlagen und Arbeitskräfte, die in jeder Konkurrenzpreisverschiebung liegt, wurde weitgehend ausgeschaltet. Gerade durch die Politisierung der Preisbildung wurde der Produktions- und Verteilungsprozeß von den Zufälligkeiten politischer Machtgruppierungen abhängig, und insofern ist die Wirtschaftsordnung anarchisch geworden.“ (Eucken 1932, 1997, S. 14 f.) Eucken redet von einer durch die staatliche Politik betriebenen „Versumpfung des Kapitalismus“, die sich nicht zuletzt in einer Arbeitslosigkeit zeige, die sogar im konjunkturellen Aufschwung nicht verschwindet. Man sieht also: Alles schon mal dagewesen, aber nichts daraus gelernt. Gott sei Dank findet sich auch heute noch inmitten des journalistischen Massenchores vom „Versagen der Marktwirtschaft“ – speziell was die Arbeitslosigkeit betrifft – der eine oder andere klare Kopf, der gegen den Unsinn anschreibt. So hat bspw. Hans Mundorf vom Handelsblatt einen seiner Kommentare mit dem Satz überschrieben: „Die kapitalistische Wirtschaft befindet sich nicht in der Krise“, und im Text führt er einfach und klar aus: „Das wachsende Massenheer der Arbeitslosen ist... eben nicht der Beweis für ein funktionelles Versagen des Kapitalismus, sondern die Folge politischer Interventionen in das wirtschaftliche System.“ (Mundorf 1996). Das sind aber leider Ausnahmen. In jüngster Zeit überschwemmen ökonomietheoretisch angebrütete Journalisten Bankiers, Großspekulanten, Parteipensionäre und marxismusnostalgische Intellektuelle den Büchermarkt mit ihren Weisheiten von der „Krise des Kapitalismus“. Auf den einzigen Umstand, auf den das Schlagwort zutreffen würde, wird dabei selten oder nie verwiesen: auf die Tatsache nämlich, daß der Kapitalismus – besonders in Europa, und ganz besonders in Deutschland – von der Politik und den Interessenverbänden nahezu erdrosselt worden ist und sich kaum noch rühren kann. Das ist die einzig wahre Krise des Kapitalismus.

 

 

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