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Kinderarbeit


Das mag alles zutreffend sein, aber die Kinderarbeit im Frühkapitalismus kann man gewiß nicht wegdiskutieren. Nein, das wird auch niemand tun. Und doch ist das meiste, was darüber kolportiert wird, falsch. Der spektakulärste Bericht aus jener Zeit, der auch Friedrich Engels als Hauptstütze seiner Argumentation gedient hat, war eindeutig und absichtlich gefälscht. Gleichwohl dient dieser sogenannte Sadler-Report“ (Bericht des gewählten parlamentarischen Komitees zur Untersuchung der Fabrikkinderarbeit 1831 bis 32 in England) den Feinden des Marktes und der Freiheit noch heute als authentisches Zeugnis.

Die Geschichte des Berichts spricht für sich: Das Parlamentsmitglied Sadler wollte ein Zehn-Stunden-Gesetz für Kinderarbeit durchsetzen und gab deshalb mehrfach Schilderungen grausigster Art vor dem Hohen Haus in London ab. Das Parlament beschloß daraufhin, eine Kommission zu bilden, welche die Zustände untersuchen sollte. Der Vorsitz wurde besagtem Sadler übertragen. Man machte ihm zur Auflage, bei Abgabe des Berichts auch Zeugen am der betrieblichen Praxis vorzuführen, welche die Berichtsangaben bestätigen könnten. Unter Verletzung aller rechtlicher Vorgaben veröffentlichte Sadler seinen „Befund“, bevor er ihn dem Parlament vorgelegt hatte. Ein zeitgenössischer Historiker (R. H. Greg The Factory Question, London 1837) kommentierte das Sadlersche „Werk“ wie folgt: „Er gab der Welt eine solche Masse von exparte-Feststellungen und grober Fälschungen und Verleumdungen. wie sie wohl niemals zuvor Eingang in ein öffentliches Dokument gefunden haben.“ Sadlers Haupttrick hatte darin bestanden, Zustände aus längst vergangenen Zeiten zu schildern und diese so darzustellen, als seien sie noch immer akut. Der Bericht wurde nicht -wie damals üblich – unter Eid abgegeben. Von den drei Zeugen, die Sadler benannt hatte, konnte nur einer dazu bewegt werden, sein( Zeugenaussage vor einer Prüfungskommission zu wiederholen; ei verweigerte jedoch eine Wiederholung unter Eid. Die Prüfungskommission kam zum Ergebnis, daß die Aussagen dieses Zeuger „absolut falsch“ gewesen seien. Die Berichte der daraufhin eingesetzten Nachfolgekommission (1833 und 34) nahmen zu den mei sten der Sadler-Behauptungen kritisch und korrigierend Stellung wurden aber von der Literatur über jene Zeit systematisch übergangen.

Eine weitaus objektivere Darstellung finden wir bei einen Autor, der von der einschlägig-einseitigen Geschichtsschreibung totgeschwiegen wird, obwohl er ein erklärter Gegner de (damals so genannten) „Fabriksystems“ war, nämlich bei einem Arzt mit Namen Philipp Gaskell („The Manufactoring Po. pulation of England, London 1833). In seinem Werk, obwohl höchst kritisch, findet sich kein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Fabrikwesen und ökonomischer Verschlechterung der Lage der Arbeiter. In dieser Hinsicht, so Gaskell, sei eine wesentliche Verbesserung der Lebensumstände eingetreten. (Wogegen er wetterte, war der – in seiner Sicht moralisch verwerfliche – Verlust der „Unabhängigkeit“ der Arbeiter, wie immer auch diese „Unabhängigkeit“ seiner Meinung nach vorher ausgesehen haben mag). Was die Kinderarbeit anbetrifft, werden die Verhältnisse jedoch in ein ganz anderes Licht gestellt als uns üblicherweise vorgegaukelt wird. Gaskell erregt sich nicht über die betrieblichen, sondern über die unmoralischen häuslichen Gegebenheiten – wie Schmutz, Alkoholismus und Schamlosigkeit der Eltern -, in denen die Kinder aufwachsen müssen. Die Beschäftigung von Kindern in Fabriken, schrieb er, könne so lange nicht als Übel betrachtet werden als die zeitgenössische Moral und die häuslichen Sitten der Bevölkerung sich nicht radikal ändern würden. Solange für die Kinder keine häusliche Erziehung in Sicht sei und sie einem Leben als Wilde überlassen blieben, sei es besser, sie blieben mit leichter Arbeit beschäftigt. Und – so Gaskell – im allgemeinen sei die ihnen zufallende Arbeit tatsächlich leichter Art.

Der moderne Mensch der Wohlstandsgesellschaft neigt dazu, die Zustände jener Tage von der Warte eines unendlich viel höheren Lebensstandards aus zu beurteilen (eines Standards allerdings, den ihm die Industrielle Revolution erst ermöglicht hat). Er sollte sich einer allzu hoffärtigen Moralarroganz enthalten und lieber versuchen, sich objektiv in die Zeitumstände hineinzuversetzen. Viele Unternehmer der industriellen Frühzeit hatten beispielsweise selbst als Kinder schwer gearbeitet und fanden in einer entsprechenden Beschäftigung, um welche die Eltern der Kinder sie meist händeringend gebeten haben, nichts außergewöhnliches.

Dennoch bleibt die Geschichte der Kinderarbeit in der Frühphase der Industrialisierung eine traurige. Das eigentlich Bedrückende liegt jedoch weniger in der unzutreffenden Behauptung, der Frühkapitalismus habe die Kinderarbeit „geschaffen“, als vielmehr in der Tatsache, daß sie überhaupt in jene( Zeit – und noch mehr in den Jahrzehnten zuvor – zu den Überlebensvoraussetzungen vieler Familien gehört hat. Niemand hat die viel traurigere Geschichte der Kinderarbeit vor der Industriellen Revolution (und während derselben, aber außerhalb der Fabriken) geschrieben: die Geschichte über die schwere Schinderei der Heranwachsenden auf den Äckern und in der Familienwerkstätten, über den Hunger, die Krankheiten und den frühen Tod der Kinder, die keine Arbeit in den Webereier und Spinnereien gefunden haben.

Was die Kinderarbeit auch immer gewesen ist: sie war keim „Erfindung“ der unternehmerischen „Ausbeuter“ und kein „Ergebnis“ des Fabriksystems. Die meisten seriösen Zeugnisse der Epoche deuten im Gegenteil darauf hin, daß die Unternehmer und Meister der frühen Betriebe meist mehr Sorge und Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen praktiziert haben als die jeweiligen Eltern und das übrige Umfeld ihrer be. klagenswerten Jugendzeit. Vielfach finden wir Hinweise, daß die Fabrikarbeit für die Menschen jener Tage noch die beste Alternative war, die sie für sich und ihre Familien ergreifen konnten. Und authentisch sind auch die Berichte aus jener Zeit, die belegen, daß die Einführung reduzierter Arbeitszeiten in einzelnen Fabriken schnell rückgängig gemacht werden mußten weil die Arbeiter massenweise davonliefen, um zu Betrieber mit längerer Arbeitszeit zu wechseln, und daß es für die Familien jeweils das größte Unglück bedeutete, wenn ein Fabrikbe sitzer die Beschäftigung von Kindern – aus welchem Grund auch immer – ablehnte. Gaskell, der – um es zu wiederholen -ein entschiedener Gegner des Fabrikwesens war, schrieb jedenfalls nach Inkrafttreten des ,Factories Regulation Ace, die die Kinderarbeit wesentlich einschränkte, daß die Lebensumstände der Menschen mit diesem Gesetz nicht verbessert, sondern verschlechtert worden seien. Was schließlich zu einem raschen Ende der Kinderarbeit geführt hat, waren denn auch weniger die entsprechenden Gesetze als vielmehr die allmähliche( Verbesserung der Einkommens- und Lebensverhältnisse der Menschen im weiteren Verlauf der Industrialisierung, sowie die Entwicklung zu immer größeren und moderneren Unternehmen.

All jenen Siebengescheiten, die noch heute die Ansicht vertreten, erst gute Gesetze oder Gewerkschaften hätten zu einer Besserung der Lebensumstände der damaligen (und der heutigen) Zeit geführt, sollte man den Satz von Bertrand de Jouvenel entgegenhalten, man könne natürlich auch dem Glauben anhängen, Früchte würden durch das Schütteln von Bäumen produziert. ( Jouvenel 1954, S. 102) Ganz generell kann man sagen: Die Märchen über den Frühkapitalismus und den Manchester-Liberalismus sind ein Triumph der Lüge, ein Ergebnis des absichtlichen Verschweigens von Tatsachen, sowie das Resultat der Ignoranz und Scheinheiligkeit späterer Kolumnisten. Seit 150 Jahren berichten die Schulbücher mit Abscheu und Entrüstung von der Kinderarbeit und vom Elend der Kinder im Frühkapitalismus, auch die ganz aktuellen, die heute oder morgen verlegt werden. In denselben neuen Schulbüchern wird man vergeblich nach Hinweisen auf das wirklich skandalöse Elend und den Hungertod der Kinder in Nordkorea suchen. Nach offiziellen (und deshalb wahrscheinlich geschönten) Angaben leiden dort 60% der Kinder an schwerer, 16% an akuter – also unmittelbar lebensbedrohlicher – Unterernährung. Trotz der massiven Nahrungsmittel-, Düngemittel- und Medikamentenhilfe Südkoreas und etlicher internationaler Hilfsorganisationen, geht der Norden dem kollektiven Hungertod entgegen. Und das im Jahre 1999, fast zweihundert Jahre „nach Manchester“. Dieser Hungertod, der – weil er durch ein einfaches Abrücken vom sozialistischen Wahn leicht vermeidbar wäre – viel schlimmer ist als alles, was man dem Manchestertum zurechnen könnte, ist keine Bücherseite und keine Schlagzeile in den Zeitungen wert, denn er findet ja in einem Land des „edlen Sozialismus“ statt.

 

 

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