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Groß ist nicht allmächtig – Ausblick für Entrepreneurship


Ökonomie von unten meint, daß es Chancen für die kleinen Davids gegen die Goliaths dieser Welt gibt, daß man in kleinen Teams, vom Ruderboot aus, Schiffen Paroli bieten kann, die von Ferne wie der Panzerkreuzer Potemkin daherkommen, aus der Nähe aber gelegentlich auch wie ein Potemkinsches Dorf wirken.

Groß ist nicht allmächtig. Mit der Größe nimmt die Beweglichkeit ab, die Bürokratie zu, und mit der Bürokratie vermehrt sich eine Spezies von Managern, die das unternehmerische Risiko scheuen, ohne unternehmerische Vision mit Techniken des Managements hantieren, dafür an Produkte fixiert sind, als seien sie überzeitlich, und Veränderungen des Marktes nicht oder erst dann erkennen, wenn der Absturz beginnt.

Nicht einmal die Betriebswirtschaftslehre teilt den Glauben an Größe. Die economies of large scale production sind nicht beliebig einbringbar, im Gegenteil: Weltweit nimmt die Zahl kleiner Firmen zu, und sie schaffen auch mehr Arbeitsplätze. Größe bedeutet zudem Komplexität, die oft mehr Kosten verursacht, als sie durch höhere Stückzahlen hereinbringt. Nur die Verwalter von Konzernen und linke Grufties glauben weiter an Größe.

Diese Unternehmensverwalter diversifizieren, um Risiken zu verteilen. Sie erkennen nicht, daß Diversifikation auch disempowerment bedeuten kann. Nicht selten werden sie wie von einem Drang getrieben, in kürzester Zeit alles aufzukaufen, was sich gerade bietet. Es ist so, wie wenn ein Kind im Kindergarten, vom Besitzrausch erfaßt, zusammenramscht, was es kriegen kann und dann „das ist meins“ schreit. Während man im Kindergarten diesem Kind gut zureden und hinterher alles wieder wegräumen kann, bleiben Unternehmensverwalter gern drauf sitzen – solange oft, bis drohende Illiquidität sie zum Verkauf einzelner Teile unter Wert zwingt. In der Vergangenheit hätten sich, resümiert die Harvard-Professorin und Herausgeberin der Harvard Business Review, Rosabeth Moss Kanter, zahlreiche Konzerne verzettelt; sie seien der klassischen Krankheit Überkomplexität erlegen und hätten, unter Mißachtung von Prinzipien der Arbeitsteilung, alles selbst betrieben – vom eigenen Restaurant bis zum eigenen Anwaltsbüro –, statt sich auf das zu beschränken, von dem sie am meisten verstünden. Im Kleinen wiederholt sich hier die makroökonomisch gemeinte Einsicht von David Ricardo: Niemand kann überall gleich gut sein. Die Aufkaufwut der vergangenen Jahre, findet heute die Mehrheit der Ökonomen, sei ein strategischer Fehler gewesen. Daß heute die Schulden solcher Firmen den Jahresumsatz überstiegen, sei höchst ungesund. Solch riesige Konstruktionen mit ihren gewaltigen Wasserköpfen seien nicht mehr kreativ. Die Innovationen des beginnenden Informationszeitalters seien nicht mehr von IBM, Siemens oder Toshiba zu erwarten, sondern – so resümiert selbst Ulrich Cartellieri aus dem Vorstand der Deutschen Bank – „von den Turnschuh- und Garagenunternehmern“.

Die Großen haben sich in der Vergangenheit wenig mit Ruhm bekleckert. Sie haben mit Mächtigen gebuhlt und sich korrumpieren lassen. Die IG Farben und ihre Nachfolger haben die chemische Verwüstung der Landwirtschaft gefördert, moderne Vernichtungswaffen werden nicht im Hinterhof, sondern bei MBB gebaut. Nestle brauchte zehn Jahre, um auf den im Grundsatz richtigen Vorwurf einiger Studenten angemessen zu reagieren, seine Babymilch helfe, Babys in der Dritten Welt zu töten: Erst dann wurde eine – vorbildliche – Einrichtung der Lebensmittelkontrolle in Betrieb genommen.

Je mehr Länder auf den Weltmarkt vorstoßen oder nach dem Verschuldungsschock vergangener Jahre langsam zurückkehren, desto ungemütlicher wird es für viele deutsche Unternehmen. Wenn sie sich nicht mehr recht zu helfen wissen, rufen die kranken Riesen nach mehr Staat: Die europäische Elektroindustrie ruft nach Schutzmaßnahmen gegen die ausländische Konkurrenz, die deutsche Textilindustrie will mit von der Stütze leben, in vielen Fällen wird nach Subventionen verlangt, um die Entlassung zigtausender von Arbeitnehmern zu verhindern. Firmen wie der Bremer Vulkan entwickelten sich zu Subventionsbeschaffungs-Spezialisten. Mit unternehmerischer Intelligenz und Weitblick hat dies wenig zu tun, mehr mit Erpressung nach dem Motto: Wenn der Staat nicht für unsere Managementfehler einspringt, gibt es Massenentlassungen und regionale Unruhen.

Der Bremer Vulkan verabschiedet sich im Juli 1996 bühnenreif mit der Taufe des größten und luxuriösesten Kreuzfahrtschiffes, das je in Deutschland gebaut wurde. Es heißt – sic! – Costa Victoria. Es kostet 600 Millionen DM, der Bremer Vulkan fährt 150 Millionen DM Verlust dabei ein. Der Konkursverwalter Wellensiele hält die Festansprache zum frohen Ereignis.

Nun kann man, wie das die Zukunftsaktion Kohlegebiete (ZAK) vorschlägt, Kumpel zu Gärtnern und Förstern machen, eine andere Möglichkeit läge aber auch darin, nicht mehr nur von alten Branchen wie dem Bergbau oder der Chemie leben zu wollen und das Spiel von gestern zu betreiben, sondern den Strukturwandel entschieden voranzutreiben und sich auf eigene Stärken zu besinnen. Auf welche? „Wir sind stark“, meint Unternehmensberater Roland Berger im „Spiegel“, „in allen wissensintensiven und kreativen Arbeiten, im Erfinden, Entwickeln, Konstruieren, in der Fertigung von technologischen Herzstücken und Spitzenprodukten. Dazu zählt das Projekt-Management, das Financial engineering und das Planen, Steuern und die Logistik. Unsere Zukunft als Industrieland ist die eines Systemkopfes, aber nicht die Herstellung von Profilstahl und eines Hemdennähers.“ Vielleicht, vielleicht auch nicht. Denn viele Länder sind dabei, das deutsche Konzept selbst anzuwenden. Die dort arbeitenden jungen Wissenschaftler sind hochmotiviert und qualifiziert und arbeiten mit Blick auf den Weltmarkt. Die von Roland Berger Beratenen können ihre Systemköpfe dann im Ausland in Bestellung geben. Bergers Motto – „Intelligenz in Deutschland, mehr Komponenten von draußen und mehr Montage vor Ort, im In- und Ausland“ – enthält noch Teile jener kolonialen Anthropologie, nach der „draußen“ offensichtlich weniger intelligente Lebewesen dazu geeignet sind, als Wasserträger der alten Industrieländer zu malochen.

 

 

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