Economia48 Projekt Wirtschaftslexikon Management Lexikon Lexikon Wirtschaft
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

Gewerkschaften und die Tarifautonomie


Das ist gleich ein ganzes Bündel von Irrtümern. Erstens wären die Arbeitnehmer in einer freien Marktwirtschaft, in der es -wie gesagt – keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben könnte in einer starken Verhandlungsposition. Zweitens sind Unternehmer keine Dummköpfe. Sie wollen weder demotivierte Mitarbeiter noch eine permanente Fluktuation des Personals; weder daß schlecht bezahlte Mitarbeiter zur Konkurrenz abwandern, noch daß sich unzufriedene Mitarbeiter nur mit halber Kraft für das Unternehmen einsetzen oder gar den betrieblichen Interessen entgegenarbeiten. Nichts schadet einem Unternehmen mehr als demotiviertes Personal, das sich ungerecht entlohnt oder in sonstiger Weise schlecht behandelt fühlt. Das weiß jeder Unternehmer. Deshalb wird er auch, wenn sein Betrieb in finanzielle Schwierigkeiten gerät, lieber Mitarbeiter entlassen (manchmal sogar dringend benötigtes, erfahrenes Personal) als einzelnen Personen oder ganzen Gruppen der Belegschaft die Löhne zu kürzen oder einen Neuankömmling zu niedrig zu bezahlen. Lieber einige „aus den Augen, aus dem Sinn“ als lange Gesichter und entsprechend schlechte Leistungen im Haus.

In jüngster Zeit hat das Beispiel Neuseeland gezeigt, daß Arbeitsmärkte hervorragend funktionieren – auch und gerade im Sinne der Arbeitnehmerinteressen –, wenn das Tarifkartell zerschlagen und das System kollektiver Arbeitsverträge aufgebrochen wird. Die neuseeländischen Arbeitnehmer haben nach diesem wahrhaft revolutionären Umbruch ganz schnell gelernt, ihre Interessen optimal wahrzunehmen. Viele haben es sich zugetraut, ihre Arbeitsverträge im Vier-Augen-Gespräch mit dem Unternehmer auszuhandeln. Andere haben betriebliche Gruppen gebildet, ihre Forderungen abgestimmt und einen versierten Verhandlungsführer aus den eigenen Reihen gewählt. Die meisten der so gebildeten (kleinen oder größeren) betrieblichen Gruppen haben professionelle und spezialisierte Verhandlungsführer von außen angeheuert. Und sehr schnell hat sich bei allen Arbeitern und Angestellten des Landes herumgesprochen, welche Agenten sich jeweils als die besten erwiesen und das größte Verhandlungsgeschick entwickelt haben. Die im Zuge der radikalen Reform errichteten Schlichtungsstellen mußten jedenfalls bald wieder geschlossen werden, weil niemand sie gebraucht hat. 83% der Arbeitnehmergaben bei anschließenden Umfragen an, mit dem neuen System zufrieden bis sehr zufrieden” zu sein. Übrigens konnte sich. wer wollte, nach wie vor von den Gewerkschaften vertreten lassen und deren tarifvertraglich ausgehandelten Bedingungen übernehmen. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände konnten also bestehen bleiben und nach wie vor Verträge aushandeln, aber niemand mehr war verpflichtet, einer Gewerkschaft oder einem Verband anzugehören, und die Tarifverträge verloren ihre Allgemeinverbindlichkeit und galten nur noch für diejenigen, die sie freiwillig anerkannten. Generell sollte man wissen, daß Gewerkschaften das Lohnniveau niemals dauerhaft über das Marktniveau hinaus erhöhen können. Keine Macht der Welt kann das. Daß der Produktivitätszuwachs die äußerste Grenze der möglichen (realen; Lohnsteigerungen markiert, ist ein eisernes Gesetz der Ökonomie, das sowohl im Kleinen (für jeden einzelnen Betrieb) ab auch im Großen (für die ganze Volkswirtschaft) gilt. Es ist so unumstößlich und unveränderbar wie ein Naturgesetz. (Dei Ökonom formuliert es genauer: Die Grenzproduktivität der Arbeit bestimmt den Grenzlohn, und daß beide zueinanderfinden, besorgt der Wettbewerb). Der dauerhaft mögliche Lohnzuwachs ist sogar geringer als der jeweilige Produktivitätszuwachs, weil die Steigerung der Arbeitsproduktivität hauptsächlich auf den Einsatz des Faktors ‚Kapital’ zurückgeht, und weil dieser Faktor sich „zurückzieht“, wenn er auf Dauer seiner angemessenen Belohnung beraubt wird (mit entsprechend bösen Folgen für die Produktivität und die Löhne). Wer versucht, dieses eiserne Gesetz vermittels Inflation auszutricksen (die Keynes-Variante), der „faßt den Tiger beim Schwanz“, wie Professor Hayek das treffend ausgedrückt hat (Hayek 1972, 1978) Das heißt, der Versuch endet in einen Desaster mit letztlich noch größerer Arbeitslosigkeit und noch. geringeren Realeinkommen oder noch geringeren Realeinkommenszuwächsen für die Arbeitnehmer. Und wer versucht – oder genauer: wer vortäuscht, das Gesetz aushebeln zu kön nen, wie das seit Jahrzehnten die Gewerkschaften tun, erhöht keinesfalls das reale Lohnniveau, sondern verteilt die (in der Summe real gleichbleibenden) Löhne nur mit erhöhten Einzelbeträgen auf weniger Köpfe, erzeugt also Arbeitslosigkeit. Diese aber kostet die Bürger – allesamt, auch die vorübergehenden Gewinner (Insider oder Arbeitsplatzbesitzer) – schon auf mittlere und erst recht auf lange Sicht viel mehr als einige von ihnen kurzfristig gewinnen mögen. Und zwar bestehen diese Kosten für die Bürger nicht nur aus den Arbeitslosengeldern und ausfallenden Sozialversicherungsbeiträgen, sondern auch aus Realeinkommens- und Vermögensverlusten durch Inflation und durch ausfallende Produktion (Verminderung des sonst möglich gewesenen Sozialproduktzuwachses). Hinzu kommen als Folge des übermäßigen Lohndrucks Investitionsabstinenz der Unternehmer und allgemeine Wachstumsschwäche, ein wirtschaftliches Absacken des ganzen Landes also. Schlußendlich spalten die bei den vergeblichen Versuchen (zur Steigerung des Lohnniveaus über das Produktivitätsniveau hinaus) auftretenden Konflikte die ganze Gesellschaft und geben politischen Radikalinskis Auftrieb. Gerade wir Deutschen sollten das nun wirklich und endlich(!) wissen.

Um alles zusammenzufassen: Wer von „wirtschaftlicher Macht“ und der „Macht der Bosse und Konzerne“ spricht, hat entweder nichts von Wirtschaft verstanden – oder aber versteht sehr wohl etwas und sogar sehr viel von ‚Macht’, nämlich von politischer Macht und von der Macht der Funktionäre, die sich nur aufrechterhalten und mehren läßt, wenn man den Bürgern unablässig den Bären von der „wirtschaftlichen Macht“ aufbindet.

 

 

Diese Seite als Bookmark speichern :

 

 

Weitere empfehlenswerte Webseiten:

Persönliches Feedback bei Change Management

Experimentelles Lernen und Trainieren – Elemente der Entrepreneurship Education

Window on opportunity – Marktpotential zum Zeitpunkt des Markteintritts - Entwicklung zur Größe

 

Startseite | Themen | Projekt | Kontakt | Impressum | Rechtliche Hinweise

1| 2| 3| 4| 5| 6| 7| 8| 9

Copyright © 2011 All rights reserved. Wissensarchiv für Wirtschaft