Economia48 Projekt Wirtschaftslexikon Management Lexikon Lexikon Wirtschaft
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

Gegenseitige Abhängigkeit


Auch die gegenseitige Abhängigkeit ist ein weiterer wichtiger Faktor, durch den sich Aufgaben voneinander unterscheiden. Um wieder die Analogie zum Sport zu bemühen, die in der Wirtschaft so gerne verwundet wird: Die Schnelligkeit eines Sprinters ergibt sich nahezu ausschließlich aus der Kombination von Kondition, Können, Durchhaltevermögen und mentaler Einstellung. Die jeweilige Leistung eines Sportlers unterliegt also ausschließlich seiner Kontrolle, es sei denn, er wird von seinen Gegnern behindert. Bei vielen ähnlichen Beispielen aus dem Sport, die gerne in Diskussionen über die Vorteile von Konkurrenzsituationen angeführt werden, spielt der Faktor Interdependenz, gegenseitige Abhängigkeit, keine oder nur eine geringe Rolle. Doch in der Geschäftswelt ist alles mit allem verknüpft. Produktivität, Leistung und Innovation sind das Ergebnis gemeinsamen Handelns und nicht die Folge individuellen Einsatzes und Verhaltens. Chester Barnard, Autor von mehreren Management-Ratgebern, der in der Geschäftsleitung einer Telefongesellschaft tätig war, »charakterisierte Unternehmen als kooperative Systeme, die von den koordinierten Aktivitäten zahlreicher Akteure abhängen . . . Die Bereitschaft des Individuums zur Zusammenarbeit mit anderen Firmenangehörigen bestimmt weitestgehend die Effizienz und Effektivität des Unternehmens.«„ Diese Tatsache lässt den Einsatz eines Einzelleistungsbewertungssystems, bei dem der Gewinner der innerbetrieblichen Konkurrenz zum Beispiel in Form von Prämienzahlungen belohnt wird, fraglich erscheinen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon bemerkte dazu scharfsichtig: »Im Allgemeinen gilt: Je größer die wechselseitige Abhängigkeit der einzelnen Mitglieder einer Organisation, umso schwieriger wird es, den Beitrag einer einzelnen Leistung festzustellen ... Eine hohe Interdependenz ist jedoch genau der entscheidende Vorteil, den die organisierte Zusammenarbeit bringt, will man sich nicht ausschließlich auf Marktvorgänge verlassen.« Lassen Sie uns noch einmal einen Schritt zurückgehen. Der ehemalige Geschäftsführer von Intel, Andy Grove, betonte in seinem Buch die Vorzüge der Konkurrenz, die seiner Meinung nach die betriebliche Leistung steigert. Das Beispiel, das er dazu anführte, bezog sich auf die Gebäudereinigung, eine Aufgabe, die von den jeweiligen Mitarbeitern vermutlich im Schlaf beherrscht wurde und für die im Normalfall eine ständige Aktualisierung der Kenntnisse und Fertigkeiten nicht erforderlich ist. Die Gebäudereinigungseinheiten, die in Konkurrenz zueinander gestellt wurden, waren voneinander völlig unabhängig. Hier ist der eingeführte Konkurrenzdruck sinnvoll, da der Erwerb neuen Wissens nicht erforderlich ist und keine gegenseitigen Abhängigkeiten bestehen. Ganz anders verhält es sich jedoch, wenn zur Lösung einer bestimmten Aufgabe auch nur ein geringer Lernprozess erforderlich ist und ein gewisses Maß an Interdependenz besteht. Dann wirken sich individuelle Anreize und interne Konkurrenz nachteilig aus, da sie Wissensaustausch, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung verhindern. Sogar das Unternehmen Lincoln Electric, das allgemein für die Erfindung des Akkordlohnsystems bekannt ist, integrierte von Anfang an Anreize in das System, die seine Mitarbeiter zur Kooperation anregen sollten. Das jeweilige Gehalt hängt zu etwa 50 Prozent vom Gesamterfolg des Unternehmens ab. Außerdem wird die Leistung eines Arbeiters anhand von vier Kriterien bewertet, zu denen auch die Kooperation mit Kollegen zählt. Obwohl James F. Lincoln die Individualität des Einzelnen geradezu glorifizierte und ein großer Anhänger der Konkurrenz war, wusste er, dass die Arbeiter in hohem Maße voneinander abhängig sind und die Zusammenarbeit aus diesem Grund gefördert werden muss.“

Damit intellektuelles Kapital entstehen, wachsen und gedeihen kann, muss in einem Unternehmen die »Kunst des (Mit-)Teilens« entwickelt werden. Sicher können formelle Mechanismen die Beschäftigten dazu anregen, voneinander zu lernen, doch entscheidend ist der Aufbau eines freundlichen Arbeitsklimas, in dem die Mitarbeiter zusammenarbeiten können, weil sie nicht miteinander konkurrieren. Nur so ist der Austausch von Wissen und Fähigkeiten möglich. Larry Prusak von der IBM Consulting Group bemerkte dazu: »Man muss seinen Mitarbeitern den Freiraum verschaffen, miteinander reden zu können. Lernen ist nichts anderes als die Sozialisierung von Wissen. Die meisten Angestellten sind bereit, ihren Kollegen mitzuteilen, was sie gerade gelernt haben, aber ihnen fehlt die Zeit dafür. So viele Firmen geben I Unsummen für hoch qualifizierte Mitarbeiter aus, doch dann sind diese Mitarbeiter derart mit Arbeit überlastet, dass sie ihr Wissen nicht weitergeben können. In vielen Fällen mangelt es den Mitarbeitern nicht nur an der Zeit, sich auszutauschen, sondern aufgrund der bestehenden Konkurrenz auch an der Bereitschaft, Informationen zu teilen und gemeinsam zu lernen.

 

 

Diese Seite als Bookmark speichern :

 

 

Weitere empfehlenswerte Webseiten:

Nachhaltigkeit - Das unternehmerische Potential verstehen und fördern

Weitere menschliche Schwächen

Analyse der unternehmerischen Aufgaben im Rahmen der Psychologie komplexen Denkens – Entrepreneurship spielend lernen

 

Startseite | Themen | Projekt | Kontakt | Impressum | Rechtliche Hinweise

1| 2| 3| 4| 5| 6| 7| 8| 9

Copyright © 2011 All rights reserved. Wissensarchiv für Wirtschaft