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Es gibt doch aber so etwas wie Moral oder wie Ethik, die sich über die natürlichen Zwänge von Wirtschaft und Gesellschaft hinwegsetzen müssen.


Vorweg: Unrecht kann niemals moralisch sein. Des weiteren: Gewisse natürliche Unabwendbarkeiten des Lebens stehen der Moral nicht entgegen, sondern sind sogar deren Ursprung. (Anmerkung: Zwischen Ethik und Moral sollte man eigentlich streng unterscheiden. Da sich die Unterschiede jedoch umgangssprachlich verwischt haben, werde ich diese Unterscheidung hier nicht vornehmen oder herausheben). Moral als notwendiges und dauerhaft stabilisierendes Element einer jeden Gesellschaft kann es ohne die natürlichen ökonomischen Zwänge des Lebens nicht geben. Im Schlaraffenland wäre das Phänomen ‚Moral’ unbekannt. Hierfür nur zwei einfache Beispiele: Jeder Vater und jede Mutter kennt das Phänomen, daß weder gute noch böse Worte, keine Bitte und keine Gemahnung an die Kinder viel ausrichten können gegen deren teuere Unsitten, unablässig und ausgedehnt zu telefonieren, überall das Licht brennen zu lassen, Waschbecken, Duschen und Toiletten nicht regelmäßig sauber zu halten, usw. Diese Art von Ordnung, Anstand, Sauberkeit, Disziplin, haushälterischem Verhalten und gegenseitiger Rücksichtnahme kehrt erst dann ein, wenn die Kinder eine eigene Wohnung haben und für alle verursachten Kosten und Schäden selber aufkommen müssen. Oder erinnern wir uns an die Zeit, als die Einkaufswagen der Supermärkte noch keine Münzverriegelung hatten. Alle Hinweisschilder und Lautsprecherappelle der Marktleitung, die leeren Wagen doch bitte an ihren Standort zurückzubringen, blieben weitgehend ohne Erfolg. Nur wenige Kunden brachten die Blechkarren in die Reihe zurück, die meisten ließen sie als lästige Verkehrshindernisse wild verstreut auf den Parkplätzen stehen, wo sie von eigens dafür angestellten Ordnern unablässig aufgesammelt und zusammengeschoben werden mußten. In dem Moment aber, als man die Wagen mit einem Markstück aus der Reihe lösen mußte, änderte sich das Bild schlagartig. Mit und wegen einer einzigen Mark war der gesamte Spuk vorbei. Kein einziger Einkaufswagen steht seither mehr in der Gegend herum. Was keinem noch so dringlichen Appell an Ordnungsliebe, Gefahrenvermeidung, Rücksichtnahme auf die übrigen Kunden etc. gelungen war, das gelang mit dem ökonomischen Druck von nur einer D-Mark schlagartig und gründlich. Nun mag man einwenden, Ordentlichkeit, Rücksichtnahme, Disziplin und Nichtgefährdung anderer sei nicht gleich „die Moral“, aber es sind zumindest Bestandteile moralischen Verhaltens, und so wie die „kleine Moral“ des Alltagslebens funktioniert, so funktionieren auch die Gesetze der „großen Moral“, die Regeln der Gerechtigkeit und der Menschenwürde. Genau deshalb ist der Sozial- und Wohlfahrtsstaat – wie jede Art des Sozialismus – nicht nur als ein effizienzzerstörerisches System zu sehen, sondern auch als moralzerstörendes. Die angebliche „Ethik“ des erzwungenen Teilens – und das damit einhergehende Abkoppeln der Einkommenserzielung von vorausgegangener Leistung – wirkt, auf ein Gesellschaftssystem oktroyiert, wie ein Bombenkrieg. Sie zerstört die materiellen Werte der Menschen und – eher noch mehr – auch ihre ideellen und moralischen Werthaltungen. Jede Art von Politik, die über die Sicherung der Eigentumsrechte (im weiteren Sinne) hinausgeht, also den Rahmen der Ordnungspolitik verläßt, Kann nur zwei Wege einschlagen: Entweder den Weg der erzwingenden Umverteilung, oder den Weg der regulierenden Intervention. In aller Regel beschreitet sie beide Wege. Und beide haben die Zerstörung eines wichtigen Prinzips zur Folge: Sie schwächen oder zerreißen das Band, das allen Handlungen und Entscheidungen der Menschen in Wirtschaft und Gesellschaft zugrunde liegt, nämlich das Band zwischen individuellem Beitrag und persönlichem Nutzen, zwischen Aufwand (Leistung) und Ertrag – oder zwischen mangelnder Leistung und Verlust. Mit dem Zerreißen dieses Bandes wird das Handeln von seinen materiellen und von seinen moralischen Folgen getrennt. Das heißt, der Handelnde muß die persönliche Verantwortung für sein jeweiliges Handeln nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr tragen. Und mit der Verantwortung oder der Verantwortlichkeit wird zugleich die Quelle aller Moral verschüttet. Ein Beispiel: Wenn von den Beschäftigten und Steuerzahlern Abgaben erpreßt und auf Arbeitslose oder Bedürftige aller Art übertragen werden, so müssen die auf diese Weise Begünstigten die Folgen ihrer Nichtleistung auch dann nicht tragen, wenn die Nichtleistung selbstverschuldet oder gar böswilliger Natur war – oder wenn sie in „besseren Zeiten“ jegliche Vorsorge fahrlässig unterlassen haben. Und zwar bleibt ihnen sowohl das Tragen der materiellen oder finanziellen Konsequenzen erspart als auch das Tragen moralischer Konsequenzen, wie bspw. die Verachtung der Nachbarn oder die Vorwürfe der Familie. Sie brauchen sich auch nicht „schlecht“ oder verantwortlich zu fühlen, weil ihr Verhalten weder für sie selber noch für ihre Angehörigen schwerwiegende Auswirkungen hat.

Ein anderes Beispiel: Wer im Sozialstaat nicht hilfsbereit oder nicht freigiebig ist, braucht weder ein schlechtes Gewissen zu haben noch einen Sympathieverlust bei seinen Bekannten und Freunden zu befürchten, denn für jedermann gilt, bewußt oder unbewußt, der Satz: ,Warum soll ich meinem Nachbarn helfen, wenn es doch den Sozialstaat gibt, der mich schließlich schon teuer genug zu stehen kommt ?!` Moral braucht also im Umverteilungsstaat nicht mehr stattzufinden. Sie wird hier weder generiert noch eingeübt, weder gestützt noch positiv oder negativ sanktioniert. Statt dessen wird sie überflüssig, lächerlich, „altmodisch“ und zu einem Zeichen für Dummheit (weil man ja, außer lästigen Pflichten und Kosten, „nichts davon hat“). Auf einem solchen Friedhof der Alltagsmoral oder der Alltagstugenden kann sich natürlich auch das nicht bilden und erhalten, was man die „höheren ethischen Werte“ nennt, wie bspw. religiöse Überzeugungen, Treue, Ehrlichkeit oder Herzensgüte.

Das Ergebnis der Staatswirtschaften und der halb-, dreiviertel- oder gänzlich sozialistischen Gesellschaftsexperimente des 20. Jahrhunderts war nicht nur ein unvorstellbar großer Verlust an materiellen Werten, sondern auch eine unvorstellbar große Erosion an moralischen und ethischen Werten. Das ganze destruktive Spektakel wird heutzutage mit dem Schwindeletikett „Solidarität“ oder „Solidargemeinschaft“ versehen, obwohl es erzwungene Solidarität niemals geben kann, weil Solidarität und Zwang sich gegenseitig ausschließen. Solidarisch verhalten kann man sich nur entweder freiwillig oder gar nicht. Der Zerstörungsprozeß hat längst auch die christlichen Kirchen erfaßt. Meinrad von Ow hat zurecht darauf hingewiesen, daß man die Begriffe Christliche Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Fürsorge auf den 62 Seiten des im Jahr 1996/97 zur Diskussion gestellten ,Impulspapiers’ der beiden Kirchen („Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland“) vergeblich sucht. In dem Papier heißen die neuen „Tugenden“: Solidarität, Geschwisterlichkeit und Humanität. „Besonders das Wort Solidarität“, so von Ow, „das an die von den Nazis ständig beschworene nationale Solidarität und die Solidarität der Arbeiterklasse der Marxisten erinnert, hat nicht nur bei wohlmeinenden Laien sondern auch bei manchen Bischöfen Hochkonjunktur. Dabei unterscheidet sich Solidarität von der christlichen Nächstenliebe dadurch, daß sie nicht nur einschließt, sondern auch ausschließt.“ (von Ow 1996) Weil dort, wo wahre Werte verschwinden, falsche „Werte“ einziehen, kann es nicht verwundern, daß sich das ethische Vakuum der teilsozialisierten Gesellschaften in den Sozial- und Wohlfahrtsstaaten mit pathologischen Formen von Gesinnungsethik und Moralhypertrophie der Intellektuellen füllt. Diese geistig-seelische Erkrankung grassiert besonders vehement seit der 68er Bewegung. Arnold Gehlen hat den Vorgang meisterlich beschrieben: „Gerade weil die entscheidenden ethischen Probleme unlösbar sind, weil sie aus dem Widerstreit der letzten Instanzen im Herzen entstehen, den heute niemand mehr auszutragen gewillt scheint, werden sie in den Gesinnungsraum vorverlegt, dort absolut gesetzt und damit zugleich entleert. Parallel mit der Hypertrophie des humanitär-eudaimonistischen Ethos verfallen die Sitten und nimmt die innersoziale Gereiztheit zu.“ (Gehlen 1969, S. 154) Unter der Flagge der „Solidarität“ ist also Kollektivmoral angesagt, die es in Wahrheit genauso wenig geben kann wie Kollektiveigentum oder wie einen kollektiven Willen, ein kollektives Denken oder Fühlen. Zwar ist bei den komplizierten ethischen Fragen der modernen Biologie und Medizin auch eine gewisse kollektiv verordnete Selbstbeschränkung vonnöten, aber diese sollte sich, wie der Schweizer Freiheitsdenker Robert Nef das trefflich formuliert hat, „stets dem ethischen und politischen Test der dauerhaften und lückenlosen Individualisierbarkeit stellen, sonst bleibt sie pharisäische Heuchelei und führt als Selbstbetrug zu einer generellen Legitimitäts- und Vollzugskrise.“ (Nef 1998, S. 1) Um es zusammenzufassen: Ethik und Moral, sowie auch Tugend, stehen in einem ganz engen Verhältnis zu Freiheit und Eigentum, ja sie bedingen einander in unverzichtbarer und notwendiger Weise. Deshalb treten auch kollektivistische Hyper-und Scheinmoral immer gemeinsam mit Markt- und Eigentumsfeindschaft auf – oder anders gesagt: mit Feindschaft gegen die Freiheit und gegen die Marktwirtschaft (oder den Kapitalismus). Was die Sphäre der Ökonomie mit der Sphäre der Ethik verbindet, ist der Begriff des Privateigentums. „In der Ökonomie wissen wir“, so Hans-Hermann Hoppe in einem Interview, „daß man Verfügungsmacht über gewisse Dinge haben muß, um handeln zu können. In der Ethik müssen wir eine Rechtfertigung für die Tatsache finden, daß jemand Ressourcen hält, damit er handeln kann. Das Privateigentum ist das Verbindungsglied zwischen diesen beiden Theoriebereichen.“ (Hoppe 1998a, S. 3) Den Markt als Schlachtfeld der Selbstsucht zu sehen, ist also eine bösartige Karikatur der spontanen Kooperationsordnung des Marktprozesses. Alle Klassisch-Liberalen haben die Marktwirtschaft (auch) als ein moralisches Ideal gesehen, als ein Erziehungssystem für die Alltagsmoral freier Menschen. Dabei darf man das Wort ,Alltagsmoral` nicht gering schätzen oder als abwertenden Ausdruck betrachten. Ethik ohne die persönlichen Tugenden des ganz alltäglichen Lebens kann es genausowenig geben wie eine tapfere Armee ohne mutige Soldaten. Wenn Lehrer, Professoren, Fernsehmoderatoren und Parteiführer bei den Diskussionen über Abtreibung, Euthanasie, Gentechnik, Organtransplantation, Kindesmißbrauch, Kriminalität, Drogensucht etc. eine „kollektive Ethik“ einfordern, ohne die Notwendigkeit persönlicher Tugenden und der privaten Moral (wie Anstand, Ehrlichkeit, Ehrenhaftigkeit, Disziplin, Eigenverantwortlichkeit etc.) zu betonen, dann bauen sie Luftschlösser, denn das Gebäude der Ethik läßt sich nur mit den vielen einzelnen Backsteinen der persönlichen Tugenden errichten.

Natürlich darf man nicht in den Fehler verfallen, die Marktwirtschaft selbst als „moralisch“ oder „unmoralisch“ zu bezeichnen. Eine Ordnung ist, obwohl in der Realität mit Leben erfüllt, doch ein Abstraktum und kann als solches nicht moralisch sein. Man kann nur die Frage stellen, ob die in dieser Ordnung handelnden Menschen (wegen der dort richtig oder falsch gesetzten Anreize) eher dazu tendieren, sich moralisch oder unmoralisch zu verhalten. Daß die Marktwirtschaft weitaus mehr und weitaus eher Anreize zu moralischem als zu unmoralischem Verhalten setzt, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Märkte Institutionen der vielseitigen Beziehungen und der notwendigen Kooperation sind, sowie aus der Tatsache, daß zwischen Privateigentum und persönlicher Verantwortung eine unlösbare spiegelbildliche Verbindung besteht. Eigentum ist sogar, wie Rothbard und Hoppe überzeugend belegt haben, die eigentliche und originäre Quelle allen moralischen Verhaltens.

 

 

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