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Digitalisierung: Transaktionskosten, Internet und der Fluch der Größe


Im Jahr 1937 machte der Ökonomiestudent Ronald Coase eine Entdeckung über das Marktverhalten von Unternehmen, für die er mehr als fünfzig Jahre später den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Coase hatte die Transaktionskosten entdeckt. Geschäftliche Transaktionen, so Coase, sind mit zusätzlichen Kosten verbunden. Diese Transaktionskosten sind Schwierigkeiten, markteigene Ineffizienzen, die zum Preis eines Produktes oder einer Dienstleistung addiert werden müssen. Zu ihnen zählen: Suchkosten: Käufer und Verkäufer müssen sich im immer größeren und unüberschaubarer werdenden offenen Markt erst finden. Informationskosten: Die Käufer müssen sich über die Produkte und Dienstleistungen der Verkäufer, deren Qualität, Kosten und Gewinnspannen kundig machen. Die Verkäufer müssen über die finanziellen Bindungen, die rechtlichen Voraussetzungen und den Bedarf der Nachfrager im Bilde sein.

Verhandlungskosten: Käufer und Verkäufer setzen die Bedingungen eines Produktverkaufs oder eines Vertrags über eine Dienstleistung fest, zu dem Telefonanrufe, Besprechungen, Briefe, Faxe, E-Mails, Prospekte, Bewirtung oder Anwaltskosten für die Vertragsverhandlungen gelingen. Entscheidungskosten: Die Käufer beurteilen die Bedingungen des Verkäufers im Vergleich zu denen anderer potenzieller Anbieter. Die Verkäufer wägen ab, ob sie an diesen Käufer oder an einen anderen verkaufen. Verfahrenskosten: Käufer und Verkäufer ergreifen Maßnahmen um sicherzustellen, dass die ausgehandelten Vertragsbedingungen tatsächlich zu dem beabsichtigten Austausch von Produkten oder Dienstleistungen führen. Beispiele für solche Maßnahmen sind eine Inspektion der Ware oder Verhandlungen über Auftragsausführung und Zahlung. Erzwingungskosten: Käufer und Verkäufer stellen sicher, dass sie für unbefriedigende Bedingungen entschädigt werden. Dies kann von einer Einigung auf einen Preisnachlass über andere Entschädigungsleistungen bis hin zu einem Rechtsstreit reichen. Solche Transaktionskosten können gering sein, sie können aber auch immense Beträge erreichen, die weit über denen der eigentlichen Transaktion, also dem Kauf beziehungsweise Verkauf eines Produkts oder einer Dienstleistung, liegen. Coase zieht folgenden Schluss: Unternehmen werden geschaffen, weil die zusätzlichen Kosten für ihre Organisation und Unterhaltung niedriger liegen als die Transaktionskosten, die anfallen, wenn Einzelne über den Markt miteinander Geschäfte betreiben. Die Frage ist, welche Funktionen ein Unternehmen intern durchführen soll. Coase gibt als Antwort: Nur solche, die nicht vom Markt oder von einem anderen Unternehmen kostengünstiger abgewickelt werden können. Diese Gedanken übertragen Larry Downes und Chunka Mui auf die Überlegungen zur Unternehmensgröße: »Bei einigen Tätigkeiten wie etwa der Klempnerarbeit funktioniert der offene Markt relativ gut und so hat sich für den Klempner nie die Notwendigkeit ergeben, zur Vermeidung von Transaktionskosten große Firmen zu gründen.« Anders ist dies bei Großunternehmen. Sie erfordern Koordination, hohe Kapitalinvestitionen und komplexe Vertriebssysteme und deshalb ist für sie die große Organisation die einzige wirtschaftlich sinnvolle Lösung. Aber: Sie ist nicht die ideale Lösung, denn die Durchführung von Funktionen innerhalb eines Unternehmens hat ihren Preis, nämlich die Schaffung von Abteilungen, von Bürokratie. Je größer ein Unternehmen wird, desto mehr wächst sein bürokratischer Apparat. Dessen Kosten übersteigen zuweilen die alternativen Transaktionskosten des Marktes: »Wir haben Mitarbeiter erlebt, die lieber zu Hause am Computer arbeiten, wo sie nicht der überflüssigen Aufsicht der firmeneigenen EDV-Abteilung unterliegen.« Computer, Netzwerke und riesige Datenspeicherkapazitäten haben die Bildung größerer und komplizierterer Unternehmen möglich gemacht, die immer mehr Funktionen in sich aufnehmen und ihr Tätigkeitsspektrum in einem zunehmend globalen Markt immer stärker ausweiten. Große Unternehmen sind in gewisser Weise sogar das Produkt der digitalen Technologie. Aber: Die langjährige Dienerin der Großunternehmen ist jetzt zu ihrer schlimmsten Feindin geworden. Denn sie senkt nicht nur die Betriebskosten eines Unternehmens, sondern auch die Kosten des Markts. Demnach werden nicht nur die Firmen effizienter, sondern auch der Markt. Auf diesem neuen Markt werden die Transaktionskosten nicht schrittweise gesenkt, sondern exponentiell. Dieser »Marketspace« besitzt eine völlig andere Infrastruktur und auch die Transaktionen weisen einen gänzlich anderen Inhalt und Kontext auf. Hier wirkt das Internet: Es geht über seine Funktion als Netzwerk miteinander verbundener Computer hinaus und wird zum Testfeld für eine neue globale Marktwirtschaft, die rund um die Uhr arbeitet und die Prozesse von Kauf, Verkauf, Herstellung und Vertrieb immer stärker automatisiert. Die dramatischen Folgen sind bereits sichtbar: Ganze Branchen, vor allem jene mit hoher Informationsintensität wie Banken, Versicherungen, Verlagswesen oder Unterhaltung, »lösen sich einfach in Bits auf«. Das Gesetz der Umwälzung bricht schonungslos geschlossene Märkte auf, entlarvt verschwenderische Praktiken im Unternehmen und entzieht sich staatlichen Eingriffen. Die etablierten Versicherungsgesellschaften zum Beispiel sind in ihrem Vertrieb eingeschränkt durch den Einfluss zahlreicher Versicherungsagenten. Viele neu gegründete Unternehmen jedoch bieten bereits agentenlose Abschlüsse von Versicherungsverträgen an. Diese Überlegungen fassen Larry Downes und Chunka Mui zu zwei Prinzipien zusammen: Durchbruchinnovationen senken, häufig drastisch, die Transaktionskosten für Produkte und Dienstleistungen. Sie tun dies in offenen Märkten viel schneller als in den Unternehmen. Dass der Markt selbst durch eine Reduzierung der Transaktionskosten effizienter wird, ist logisch. Wenn Unternehmen so lange größer werden, bis sie den Punkt erreichen, an dem sich die nächste Transaktion außerhalb des Unternehmens genauso kostengünstig durchführen ließe wie innerhalb, stellt sich die Frage, was geschieht, wenn die Außenwelt billiger wird. Die natürliche Folge ist, dass die Unternehmen schrumpfen. Verfolgt man diese Gesetzmäßigkeit konsequent weiter, ist nur eine Schlussfolgerung möglich: Wenn sich die Transaktionskosten im offenen Markt dem Nullpunkt nähern, so nähert sich auch die Größe der Unternehmen dem Nullpunkt. Das Konzept des Unternehmens als physische, durch feste Mitarbeiter und Anlagen bestimmte Einheit weicht zunehmend der Organisationsform des virtuellen Unternehmens. Eine wirklich reibungslose Wirtschaft braucht keine langlebigen Unternehmen, schon gar keine unsterblichen.

 

 

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