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Die zweite Erfahrung, die ich Phidias verdanke


Es war ungefähr zur gleichen Zeit, ebenfalls während meines Aufenthaltes als Trainee in Hamburg, als ich eine Geschichte las, die mir vermittelte, was »Perfektion« bedeuten kann. Es ist die Geschichte des größten Bildhauers des antiken Griechenland, Phidias. Er hatte um 440 vor Christi Geburt den Auftrag, die Statuen zu bauen, die auch jetzt noch, fast zweieinhalbtausend Jahre später, auf dem Dach des Parthenons in Athen stehen. Bis zum heutigen Tage werden sie als die großartigsten Skulpturen der westlichen Zivilisation betrachtet.

Als Phidias aber seine Rechnung unterbreitete, weigerte sich der Schatzmeister Athens, sie zu bezahlen. »Diese Statuen«, so sagte der Schatzmeister, »stehen auf dem Dach des Tempels — und dazu auf dem höchsten Berg Athens. Niemand kann mehr als nur ihre Vorderansicht sehen. Dennoch stellen Sie die Arbeit von allen Seiten in Rechnung, also auch die Rückseiten, die niemand sehen kann.«

»Das sehen Sie falsch«, entgegnete Phidias. »Die Götter können sie sehen. «

Ich las diese Anekdote, so erinnere ich mich, kurz nachdem ich »Falstaff« gehört hatte — und es traf mich schwer. Ich habe mich natürlich nicht immer danach gerichtet. Ich habe viele Dinge getan, die die Götter hoffentlich nicht bemerkt haben. Aber ich habe immer gewußt, daß man auch nach Perfektion streben sollte, wenn nur »die Götter« es sehen.

Wann immer ich gefragt werde — und das geschieht häufig —, welches meiner Bücher ich als mein bestes ansehe, lächle ich und sage: »Das nächste. « Ich meine das aber keinesfalls als Witz. Ich meine das so wie Verdi, als er über die Arbeit an seiner Oper redete, die er im Alter von achtzig Jahren im Streben nach Perfektion schuf. Und obwohl ich heute älter bin als Verdi, während er »Falstaff« komponierte — ich bin über fünfundachtzig —, denke und arbeite ich noch immer an zwei weiteren Büchern, die, wie ich hoffe, besser sein werden als alle vorangegangenen, die wichtiger und der Vollkommenheit noch ein wenig näher sein werden.

Einige Jahre nach diesen einschneidenden Erlebnissen zog ich nach Frankfurt. Zuerst arbeitete ich als Trainee in einem Börsenmaklerbüro. Dann, nach dem New Yorker Börsencrash im Oktober 1929 — der prompt den Bankrott des Maklerbüros zur Folge hatte —, nahm ich an meinem zwanzigsten Geburtstag eine Stelle bei Frankfurts größter Zeitung an, um dort über Finanzen und Außenpolitik zu schreiben. Ich war weiterhin als Jurastudent immatrikuliert (damals konnte man leicht von einer europäischen Universität zur nächsten wechseln), hatte aber noch immer kein Interesse an den Rechtswissenschaften. Doch ich erinnerte mich sehr wohl an die Lektionen Verdis und Phidias. Ein Journalist hat über viele Themen zu schreiben. Deshalb beschloß ich, daß ich über möglichst viele Themen etwas wissen mußte, um wenigstens ein kompetenter Journalist zu sein.

 

 

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