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Die vierte Erfahrung, die ich dem Chefredakteur verdanke


Die nächste Erfahrung, über die ich in dieser langen Geschichte meiner Bemühungen, geistig aktiv zu bleiben und zu wachsen, berichten will, habe ich dem Chefredakteur — einem der führenden Zeitungsmacher Europas — zu verdanken. Die Redaktion bestand aus sehr jungen Leuten, und mit zweiundzwanzig Jahren wurde ich einer von drei Redaktionsassistenten. Nicht, daß ich besonders gut gewesen wäre (tatsächlich wurde ich nie ein herausragender Journalist der Tagespresse). Aber in den Jahren um 1930 gab es die Menschen, die eigentlich Positionen wie die meine hätten innehaben sollen, in Europa nicht. Sie waren im 1. Weltkrieg gefallen. Selbst höchst verantwortungsvolle Posten mußten mit sehr jungen Menschen wie mir besetzt werden (eine recht ähnliche Situation fand ich in Japan vor, das ich erstmals in der Mitte der fünfziger Jahre, zehn Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges, besuchte).

Der Chefredakteur — zu dieser Zeit um die fünfzig Jahre alt — unternahm unendliche Anstrengungen, um sein junges Team zu schulen und zu disziplinieren. Woche für Woche diskutierte er mit jedem einzelnen von uns über die Arbeit, die wir leisteten. Und zweimal im Jahr, direkt nach Neujahr und noch einmal kurz vor dem Beginn der Sommerferien im Juni, verbrachten wir einen Samstagnachmittag und den ganzen Sonntag damit, die Arbeit der vergangenen sechs Monate zu rekapitulieren. Der Redakteur pflegte mit den Dingen zu beginnen, die wir besonders gut gemacht hatten. Dann kam er zu denen, die wir seiner Meinung nach versucht hatten, gut zu machen. Anschließend sprach er über die Dinge, in denen unsere Anstrengungen nicht groß genug gewesen waren, und schließlich endete er mit einer schonungslosen Kritik an den Dingen, die wir schlecht gemacht oder in denen wir schlicht versagt hatten. Die letzten zwei Stunden dieser Sitzung verbrachten wir dann damit, die Arbeit der kommenden sechs Monate zu beleuchten: Worauf müssen wir uns besonders konzentrieren? Was müssen wir verbessern? Was muß jeder einzelne von uns lernen? Und eine Woche später sollte jeder von uns dem Chefredakteur sein oder ihr eigenes Konzept zur Arbeit und zum Lernen in den nächsten sechs Monaten unterbreiten.

Ich habe die Sitzungen über alle Maßen genossen. Und dennoch vergaß ich sie, sobald ich die Zeitung verließ. Aber dann, fast zehn Jahre später, bereits in den Vereinigten Staaten, erinnerte ich mich wieder an sie. Ich wurde damals fast zeitgleich ordentlicher Professor einer wichtigen Fakultät, nahm meine Beratertätigkeit auf und begann, Bücher zu veröffentlichen. Zu dieser Zeit dachte ich an das, was der Frankfurter Chefredakteur mir beigebracht hatte. Seitdem behalte ich mir in jedem Sommer zwei Wochen vor, um die Arbeit des vorangegangenen Jahres Revue passieren zu lassen, angefangen bei den Dingen, die ich gut gemacht habe, aber noch besser hätte tun können oder sollen, über die Dinge, die ich nur unzureichend getan habe, bis hin zu allem, was ich versäumt habe. Und ich beschließe, wo meine Prioritäten in der Beratertätigkeit, im Schreiben, in der Lehre liegen werden.

Ich habe mich niemals wirklich an den Plan gehalten, den ich jährlich im August erstellt habe. Dennoch hat mich die bloße Existenz dieses Planes immer dazu gezwungen, nach Verdis Maßgabe, »nach Perfektion zu streben«, zu leben, obwohl sie »immer vor mir davongelaufen ist« – und sich dies nicht ändern wird.

 

 

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