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Die siebte Erfahrung — gelernt von Schumpeter


Eine weitere Erfahrung noch, und Sie kennen die Eckpfeiler meiner persönlichen Entwicklung. Zu Weihnachten 1949 (ich hatte gerade begonnen, Management an der New Yorker Universität zu lehren) kam mein Vater, damals dreiundsiebzig Jahre alt, zu Besuch. Er lebte in Kalifornien, wohin er sich vor einigen Jahren zurückgezogen hatte. Gleich nach Neujahr, genauer gesagt am 3. Januar 1950, besuchten er und ich einen alten Freund von ihm, den berühmten Ökonomen Joseph Schumpeter. Mein Vater war bereits pensioniert. Schumpeter jedoch, damals sechsundsechzig Jahre alt und weltberühmt, lehrte noch immer in Harvard und war darüber hinaus sehr aktiv als Vorsitzender der »American Economic Association« tätig.

Im Jahre 1902, als mein Vater als junger Beamter im österreichischen Finanzministerium arbeitete, gleichzeitig aber als Dozent der Ökonomie an der Universität tätig war, lernte er Schumpeter kennen, den brillantesten seiner Studenten und damals neunzehn Jahre alt. Zwei unterschiedlichere Menschen kann man sich kaum vorstellen - Schumpeter fiel auf, er war arrogant, geschniegelt und eitel; mein Vater dagegen ruhig, die Höflichkeit und Bescheidenheit in Person, fast bis zur Selbstaufgabe. Dennoch wurden und blieben die beiden engste Freunde.

Im Jahre 1949 war aus Schumpeter ein anderer Mensch geworden. Er war sechsundsechzig Jahre alt, auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angelangt, und es war das letzte Jahr seiner Dozententätigkeit in Harvard.

Die zwei alten Männer amüsierten sich großartig und schwelgten in Erinnerungen - beide waren in Österreich aufgewachsen und hatten dort gearbeitet, und beide waren zufällig nach Amerika gelangt, Schumpeter im Jahre 1932, mein Vater vier Jahre später. Plötzlich fragte mein Vater grinsend: »Joseph, redest du immer noch davon, was man von dir in Erinnerung behalten sollte?« Schumpeter brach in lautes Gelächter aus, und selbst ich lachte mit. Denn Schumpeter war, als er etwa dreißig Jahre alt war und gerade die ersten zwei seiner berühmten Wirtschaftsbücher veröffentlicht hatte, bekannt dafür, daß er den Menschen vor allem als »Europas größter Verehrer schöner Frauen und als Europas größter Pferdeliebhaber - und vielleicht auch als der größte Ökonom der Welt« in Erinnerung bleiben wollte. Schumpeter sagte: »Ja, diese Frage ist für mich noch immer von Bedeutung. Aber ich beantworte sie heute anders. Ich möchte heute, daß man mich als Lehrer in Erinnerung behält, der aus einem halben Dutzend brillanter Studenten erstklassige Ökonomen gemacht hat. «

Er bemerkte den erstaunten Gesichtsausdruck meines Vaters und fuhr fort: »Weißt du, Adolph, ich habe nun ein Alter erreicht, in dem ich mir darüber im klaren bin, daß es nicht genügt, wegen einiger Bücher und Theorien in Erinnerung behalten zu werden. Man verändert nichts, solange man es nicht schafft, etwas im Leben anderer Menschen zu verändern.«

Fünf Tage nachdem wir ihn besucht hatten, starb Schumpeter. (Mein Vater wollte ihn unter anderem deshalb besuchen, weil er wußte, daß Schumpeter sehr krank war und nicht mehr lange leben würde.)

Ich habe diese Unterhaltung nie vergessen. Und ich habe daraus drei Dinge gelernt: Erstens muß man sich selbst fragen, wofür man anderen in Erinnerung bleiben will. Zweitens sollte sich das, wofür man in Erinnerung bleiben will, verändern, wenn man älter wird - sowohl aufgrund der Tatsache, daß man selbst reifer wird, als auch durch das, was in der Welt passiert. Und schließlich habe ich gelernt, daß eine Sache, die es wert ist, in Erinnerung zu bleiben, die Veränderungen sind, die man im Leben anderer Menschen bewirkt.

 

 

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