Economia48 Projekt Wirtschaftslexikon Management Lexikon Lexikon Wirtschaft
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

Die fünfte Erfahrung, die ich dem älteren Teilhaber verdanke


Meine nächste Lebenserfahrung erwartete mich einige Jahre später. Von Frankfurt aus zog ich im Jahre 1933 nach London, wo ich erst als Effektenberater in einem großen Versicherungsunternehmen beschäftigt war, ein Jahr später jedoch zu einer kleinen, aber schnell expandierenden Privatbank wechselte. Dort arbeitete ich als Volkswirtschaftler und als Assistent der drei Geschäftsführer – einem Mann in den Siebzigern, dem Gründer der Bank, und zwei anderen, Mitte Dreißig.

Zunächst beschränkte sich meine Zusammenarbeit auf die beiden jüngeren Männer. Aber nachdem ich etwa drei Monate lang in dem Unternehmen tätig war, bestellte mich der Gründer der Bank in sein Büro und wetterte: »Ich habe nicht viel von Ihnen gehalten, als Sie hier angefangen haben, und ich halte noch immer nicht viel von Ihnen, aber Sie sind sogar noch dümmer, als ich vermutet hatte, und weitaus dümmer, als Sie es sich erlauben können!« Da die beiden jüngeren Teilhaber mich Tag für Tag in den Himmel gelobt hatten, starrte ich ihn sprachlos an.

Und dann sagte der alte Herr: »Ich weiß, daß Sie als Effektenberater des Versicherungsunternehmens sehr gute Arbeit geleistet haben. Wenn wir gewollt hätten, daß Sie weiterhin als Effektenberater tätig sind, hätten wir Sie dort gelassen, wo Sie waren. Sie sind jetzt Vorstandsassistent. Und dennoch fahren Sie fort, ihre frühere Arbeit zu tun. Was sollten Sie Ihrer Meinung nach jetzt tun, um in Ihrem neuen Job effektiv zu sein?« Ich war stink wütend. Und dennoch war mir klar, daß der alte Mann recht hatte – und ich veränderte meine Arbeit und mein Verhalten von Grund auf. Seitdem frage ich mich, wenn ich eine neue Aufgabe vor mir habe: »Was muß ich nun, angesichts der neuen Tätigkeit, tun, um effektiv zu arbeiten?« Und es ist jedesmal etwas anderes.

Ich bin seit nunmehr fünfzig Jahren als Berater tätig. Ich habe mit vielen Organisationen und in vielen Ländern gearbeitet. Die größte Verschwendung menschlicher Arbeitskraft, die ich erlebt habe, sind die fehlgeschlagenen Beförderungen. Nicht viele der durchaus fähigen Leute, die in eine andere Position versetzt werden, sind dort erfolgreich. Eine Menge sind regelrechte Versager. Und eine viel höhere Zahl sind weder erfolgreich noch Versager, sie sind schlicht Durchschnitt.

Aber warum sollten Menschen, die zehn oder fünfzehn Jahre lang als kompetente Mitarbeiter galten, plötzlich inkompetent werden? Der Grund in fast allen Fällen, die mir bekannt wurden, ist, daß sie das tun, was ich vor sechzig Jahren in der Londoner Bank getan habe. Sie fahren in ihrer neuen Position fort, die Arbeit zu leisten, die sie in der alten erfolgreich gemacht und die ihnen die Beförderung eingebracht hat. Und dann gelten sie plötzlich als inkompetent – nicht, weil sie es wirklich werden, sondern weil sie die falschen Dinge tun.

Vor vielen Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, diejenigen unter meinen Kunden, die wirklich effektive Arbeit leisten — und vor allem die, die wirklich effektive Führungskräfte in großen Organisationen sind —, zu fragen, worauf sie ihre Effektivität zurückführen. Und fast immer wird mir dann erzählt, sie verdankten ihren Erfolg — so wie ich — einem längst verstorbenen Chef oder Vorgesetzten, der das gleiche getan hat wie der alte Herr in London in meinem Fall: mich gezwungen, darüber nachzudenken, welche Anforderungen aus der neuen Position erwachsen.

Niemand macht diese Entdeckung, jedenfalls soweit meine Erfahrung reicht, von ganz allein. Irgend jemand muß es ihnen beibringen! Aber sobald man es gelernt hat, vergißt man es nie wieder und ist — fast ausnahmslos — auch nach der Beförderung erfolgreich. Es bedarf keineswegs größeren Wissens oder eines größeren Talents als zuvor. Es bedarf lediglich der Konzentration auf die Dinge, die die neue Position erfordert, die Dinge, die für die neue Herausforderung, den neuen Job, die neue Aufgabe von entscheidender Bedeutung sind.

 

 

Diese Seite als Bookmark speichern :

 

 

Weitere empfehlenswerte Webseiten:

Lean Management

Charta des Managements von Veränderungen bei Change Management

Aus Ideen werden Unternehmer - Wo ist die Geschäftsmöglichkeit?

 

Startseite | Themen | Projekt | Kontakt | Impressum | Rechtliche Hinweise

1| 2| 3| 4| 5| 6| 7| 8| 9

Copyright © 2011 All rights reserved. Wissensarchiv für Wirtschaft