Economia48 Projekt Wirtschaftslexikon Management Lexikon Lexikon Wirtschaft
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

Die erste Erfahrung, die ich Verdi verdanke


Darüber hinaus ging ich einmal in der Woche in die Oper –die Hamburger Oper war damals wie heute eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt. Ich hatte nur sehr wenig Geld; Trainees wurden nicht entlohnt. Aber auch hier war der Eintritt für Studenten frei. Man mußte nur eine Stunde vor Beginn der Vorstellung dort sein. Wenn es zehn Minuten bevor die Vorstellung begann, noch billige freie Plätze gab, die nicht verkauft worden waren, wurden sie kostenlos an Studenten vergeben. An einem dieser Abende besuchte ich »Falstaff«, eine Oper des großen italienischen Komponisten Verdi. Heute ist es eines der berühmtesten Werke Verdis. Vor fünfundsechzig Jahren jedoch wurde es nur äußerst selten aufgeführt, weil sowohl Sänger als auch Publikum die Oper für viel zu schwierig hielten. Ich war vollkommen überwältigt. Ich hatte als Kind eine hervorragende musikalische Ausbildung genossen – das Wien meiner Kindheit war eine überaus musikalische Stadt. Aber obwohl ich schon unzählige Opern besucht hatte, hatte ich so etwas doch noch nie gehört. Ich habe den Eindruck, den dieser Abend hinterließ, niemals vergessen.

Dann suchte ich in einem Nachschlagewerk nach »Falstaff« und fand heraus, daß diese Oper mit all ihrem Witz, ihrem Lebenshunger und ihrer unglaublichen Vitalität von einem achtzigjährigen Mann komponiert worden war! Für mich, der ich gerade achtzehn Jahre alt war, erschien achtzig als ein unglaubliches Alter. Ich bezweifle, daß ich überhaupt jemanden kannte, der so alt war. Vor fünfundsechzig Jahren, zu einer Zeit, als die Lebenserwartung, sogar für gesunde Menschen, bei ungefähr fünfzig Jahren lag, war das ein sehr ungewöhnliches Alter. Dann las ich, was Verdi selbst geschrieben hatte, als er gefragt wurde, warum er, in diesem hohen Alter, als berühmter Mann, die harte Arbeit auf sich genommen hatte, eine so herausfordernde Oper zu schreiben. »Während meines gesamten Lebens als Musiker«, schrieb er, »habe ich nach Perfektion gestrebt. Ich habe sie nie erreichen können. Ich hatte also die Pflicht, es noch einmal zu versuchen. «

Ich habe diese Worte niemals vergessen – sie hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck auf mich. Verdi war, als er so alt war wie ich damals – also mit achtzehn Jahren –, natürlich schon ein gefeierter Musiker. Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden würde – ich wußte zu dieser Zeit nur, daß ich es im Export von Baumwolltextilien kaum zu etwas bringen würde. Mit achtzehn war ich so unreif, so unerfahren, so naiv, wie es nur ein Achtzehnjähriger sein kann. Erst fünfzehn Jahre später, etwas über dreißig Jahre alt, war ich mir darüber klar geworden, was ich wirklich konnte und wohin ich gehörte. Aber in diesem Moment beschloß ich, daß, welche Arbeit auch immer ich tun würde, Verdis Worte mein Leitstern sein würden. In diesem Moment beschloß ich, daß ich, wenn ich jemals ein so hohes Alter erreichen würde, nicht aufgeben, sondern weitermachen würde und daß ich zeit meines Lebens nach Perfektion streben würde, obwohl sie, wie ich sehr wohl wußte, auch vor mir immer davonlaufen würde.

 

 

Diese Seite als Bookmark speichern :

 

 

Weitere empfehlenswerte Webseiten:

Das Muster kleinbetrieblicher Wachstumsprozesse im Detail - Beschäftigungsbeitrag und Wachstumsmuster kleiner Betriebe

Die Verbreitung des angstbasierten Managements

Wettbewerbsmaßnahmen

 

Startseite | Themen | Projekt | Kontakt | Impressum | Rechtliche Hinweise

1| 2| 3| 4| 5| 6| 7| 8| 9

Copyright © 2011 All rights reserved. Wissensarchiv für Wirtschaft