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Die anderen Unternehmer - Von ,ewigen` Arbeitern und ,geborenen` Unternehmern


„Wenn“, sagt Peter Goebel, „es gelänge, in der öffentlichen Meinung den Unternehmensgründer mehr als einen kreativ Tätigen und Arbeitsplätze Beschaffenden statt als Ausbeuter und den Arbeitnehmer mehr als Arbeitsplatzwegnehmer darzustellen, dann würde noch mehr unternehmerische Kreativität freigesetzt werden.“ In der Gegenwart wird immer noch so getan, als hätten wir uns mit einer großen Klasse von ,ewigen` Arbeitnehmern und einer kleinen Klasse von ,geborenen` Unternehmern abzufinden.

Die Innovationskraft deutscher Unternehmen nahm nach den Ergebnissen des Ifo-Innovationstests in den vergangenen Jahren stetig ab. Statt aber auf Entrepreneurship zu setzen und damit auf die Entwicklung und Umsetzung neuer unternehmerischer Ideen, wurde und wird vielfach nur business administration, also Unternehmensverwaltung betrieben. Wem aber die Ideen fehlen, der kann auch mit bester Verwaltung und freundlichem Betriebsklima den Niedergang nicht aufhalten. Auch Formeln vom „visionären Management“ ersetzen nicht die Ideen und tragenden Entwürfe.

Ein Unternehmer beansprucht, Meister zu sein. Triebe ihn dieser Anspruch nicht, hätte er auch Arbeitnehmer werden oder bleiben können. Meister und Manager sind verschieden – das Wortspiel „Managers do things right, leaders do right things“ zielt auf diese Differenz. Der Absicht, unternehmerische Kreativität freizusetzen und den Zugang zu unternehmerischer Initiative zu erleichtern, vor allem aber auch dem Nutzen des eigenen Unternehmens dient ein Modell, das in Umrissen bisher nur in wenigen, kleinen Betrieben Praxis geworden ist: Statt Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt es – so das Modell – Unternehmer, die schon gestartet sind, und solche, die noch starten wollen. Ein Meister ist jemand, der über seine selbst geschaffene Welt verfügen möchte und loyale und kompetente Mitarbeiter braucht, um diese Welt mit- und weiterzuentwickeln. Ein Mitarbeiter wird dies um so leichter tun, je mehr folgendes klar ist: Er kann und soll sich selbst als künftigen Unternehmer betrachten, der eine Art Gesellenzeit durchläuft und alle Einschränkungen und disziplinierenden Regeln offen akzeptiert – in der Erkenntnis, daß sie betrieblich notwendig sind und er selbst in einer späteren Situation als Meister ebenfalls auf Loyalität und Kompetenz seiner Mitarbeiter angewiesen sein wird. Für den Gesellen ist es wichtig zu wissen, daß es sich um ein befristetes Dasein unter Einschränkungen handelt. Zu den Anreizen seiner Tätigkeit gehört die Chance, sich später mit einem spin off-Unternehmen vom Mutterschiff Vorfeld freundlich unterstützt zu werden.

Je engagierter die Gesellen sich dem Meister anschließen, je mehr es gelingt, ihre Besessenheiten nicht nur zu fördern, sondern produktiv auf den Betrieb zu beziehen, desto bessere Marktchancen wird dieses Unternehmen haben. Die Gegenleistung: Man muß das Streben der Gesellen nach späterer Unabhängigkeit nicht nur tolerieren, sondern ausdrücklich fördern – nach Möglichkeit so, daß aus den Gesellen nicht me too-Konkurrenten und Imitatoren werden, sondern Unternehmer mit originären eigenen Ideen. Sind sie gegangen, machen sie Platz für Neue mit neuem Elan. Würden sie nicht gehen, würden ihnen die Ideen wie alternden Managern leicht abhanden kommen, kleine Herren können sie dann nicht mehr werden.

In diesem Modell werden Betriebsangehörige als vorübergehende Arbeitnehmer begriffen, die die Durststrecke der Disziplinierung durchlaufen, um in das Schlaraffenland eigener Gestaltungsräume zu gelangen. Sein Vorzug liegt darin, daß der Spaltung in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Unternehmertum und Lohnarbeit entgegengewirkt wird. Geht man von der These aus, daß im Prinzip jeder Unternehmer werden kann und nur über mittelfristige Strecken Arbeiter oder Angestellter ist, dann erhält das Motto „mit vierzig in die Selbständigkeit“ noch eine zusätzliche Bedeutung: Statt als älter werdender Mensch unter der zunehmenden Bedrohung einer Kündigung zu leben, würde man rechtzeitig auf die eigenen Füße fallen. Dies ist nicht mehr weit entfernt von der klassischen Handwerkerausbildung: Der Neuling lernt beim Meister und zieht als erfahrener Geselle dann in die weite Welt – um sich mehr Überblickswissen zu verschaffen, Alternativen zu entwickeln und als neuer Meister selbständig zu werden.

Diejenigen, die sich dem harten Training zum künftigen Unternehmer mit genügender Ernsthaftigkeit nicht unterziehen wollen oder können, werden in beiderseitigem Einverständnis frühzeitig aus dieser Laufbahn verabschiedet, unter anderem, um zu verhindern, daß sie später sich selbst und ganze Belegschaften mit in den Abgrund reißen. Es wäre ähnlich wie bei einer Fluggesellschaft, die Piloten ausbildet: Wer mehrfach Abstürze in der Simulation verschuldet hat, muß mit dem Ende seiner Ausbildung zum Piloten rechnen. Steward kann er ja immer noch werden. Eine solche Auslese ist bei Fluggesellschaften notwendig aus Verantwortung künftigen Passagieren gegenüber, im Fall von Unternehmen ist sie sinnvoll auch im Hinblick auf Kunden. Untaugliche Unternehmer stehen in der Versuchung, ihre Defizite durch Betrug am Verbraucher zu kompensieren.

Ist ein solches Modell umsetzbar? Im Prinzip und Schritt um Schritt: ja. Gilt es für alle Menschen? Im Prinzip ja; unter den obwaltenden Umständen: natürlich nicht. Auf dem Weg zum eigenen Unternehmertum kommt irgendwann die Gabelung und mit ihr die Entscheidung, ob der Sprung in die Selbständigkeit riskiert wird oder nicht, ob man lieber großer Knecht bleiben oder kleiner Herr werden will. Längst nicht alle wollen oder können von ihren biographischen Erfahrungen her Unternehmer werden. Das Modell kann aber dazu anregen, unternehmerische Reserve zu mobilisieren. Geschieht dies, dann weisen auch die Zahlenwerte des Ifo-Innovationstests nicht auf Dauer nach unten.

 

 

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