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Die Rolle der Wirtschaft


Ich sage bewußt »nicht öffentlich« und nicht »nicht gewinnorientiert«. Denn bis zu einem gewissen Punkt ist allein die Wirtschaft darauf vorbereitet, soziale und gemeinschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen.

Das beste Beispiel, das ich in diesem Zusammenhang nennen kann, ist, wie die japanische Wirtschaft ein zentrales soziales Problem Japans nach dem 2. Weltkrieg löste: den Konflikt zwischen dem sozialen Bedürfnis, den kleinen und unbedeutenden Einzelhandel aufrechtzuerhalten – den »Tante-Emma-Laden« –, und dem wirtschaftlichen Bedarf nach einem effizienten Distributor.

Als ich Japan vor vierzig Jahren zum ersten Mal besuchte, wußte bereits jeder, daß der japanische Absatzmarkt hoffnungslos veraltet war und längst nicht mehr den Bedürfnissen einer modernen Wirtschaft entsprach, ganz abgesehen davon, daß er sich als verschwenderisch teuer herausstellte. Und dennoch, die kleinen »Tante-Emma-Läden« erfüllten zu dieser Zeit eine wesentliche soziale Funktion. Sie waren das »soziale Netz« der japanischen Gesellschaft. Dies war lange Zeit die – nicht immer ganz berechtigte – Erklärung dafür, warum Japan ein Distributionssystem benötigte, das dem Land und seinen Verbrauchern exorbitante Preise auferlegte. Und dann verwandelten die neuen Distributoren das soziale Problem des »Tante-Emma-Ladens« in eine profitable wirtschaftliche Chance – indem sie die »Tante-Emma-Läden« zu Franchise-Nehmern machten. So konnten sie deren soziale Funktion aufrechterhalten, gleichzeitig aber ein ebenso effizientes Distributionssystem wie in jedem anderen Land der Welt aufbauen.

Soziale Probleme und soziale Herausforderungen in gewinnbringende Geschäftsmöglichkeiten zu verwandeln ist die optimale Lösung für die Probleme des sozialen Sektors.



Die Rolle des sozialen Sektors

Aber diese Lösung ist nicht immer verfügbar. Für die Mehrheit der sozialen und gemeinschaftlichen Probleme benötigen wir spezielle Institutionen, die ich Institutionen des »sozialen Sektors« nennen möchte. Üblicherweise werden sie als »nicht gewinnorientiert« bezeichnet. Die meisten Menschen nehmen an, sie seien »gemeinnützig«. In zunehmendem Maße werden diese Institutionen jedoch nicht mehr auf Wohltätigkeitsbasis, das heißt mit Spenden, finanziert. Sie werden statt dessen als Vertragspartner der öffentlichen Hand von dieser bezahlt. Oder aber sie finanzieren sich selbst, indem sie Gebühren erheben.

Ein Beispiel für eine Institution des sozialen Sektors, die als Vertragspartner der öffentlichen Hand finanziert wird, seien die größtenteils privaten Krankenhäuser in Japan und den Vereinigten Staaten zu nennen, die aus den steuerlichen Mitteln der Krankenversicherungssysteme ihrer Staaten finanziert werden. Und zunehmend werden die Institutionen des sozialen Sektors auch durch Gebühren, und nicht mehr nur durch Spenden, finanziert. Ein Beispiel ist die Methode, wie die privaten Universitäten in Japan es schaffen, sich vor allem durch Gebühren, die sie für Aufnahmeprüfungen und Zulassungen erheben, zu finanzieren.

»Nicht gewinnorientiert« ist aber keine ganz korrekte Bezeichnung. Es macht kaum einen Unterschied, ob diese Institutionen offiziell als gewinnorientiert geführt werden oder ob sie sich selbst als nicht gewinnorientiert bezeichnen. Eine Vielzahl US-amerikanischer Krankenhäuser etwa - besonders die großen - haben in den letzten vierzig Jahren den Status der Gewinnorientiertheit angenommen. Aber es macht absolut keinen Unterschied für die Patienten, für die Ärzte, die an diesem Krankenhaus arbeiten, oder für das Personal, ob das Krankenhaus vor dem Gesetz als gewinnorientiert oder als nicht gewinnorientiert bezeichnet wird. Es funktioniert auf genau die gleiche Weise.

Was diese sogenannten nichtgewinnorientierten Institutionen des sozialen Sektors auszeichnet, ist ihr Zweck. Eine Regierung fordert Übereinstimmung mit der politischen Grundeinstellung. Ein Wirtschaftsunternehmen verkauft Waren oder Dienstleistungen. Die Institutionen des sozialen Sektors haben die Absicht, den Menschen zu verändern. Der Zweck des Krankenhauses ist nicht der »zufriedene Kunde« - es ist vielmehr der geheilte Patient. Der Zweck der Schule ist ebenfalls nicht der zufriedene Kunde - es ist der Schüler, der genug gelernt hat, um eine andere Person zu werden, ein anderes Leben zu führen und um beruflich erfolgreich zu werden.

Weil das Ziel der Institutionen des sozialen Sektors ein veränderter Mensch und eine veränderte Gesellschaft sind, ist die öffentliche Hand nicht in der Lage, diese Aufgaben befriedigend zu lösen. Aber aus diesem Grunde stellen diese Aufgaben auch eine Herausforderung für die Wirtschaft dar. Sie erfordern Institutionen, die verschiedene Werte und Ziele haben. Diese Institutionen bedürfen ebenso wie Wirtschaft oder Verwaltung eines fähigen Managements. Eigentlich verlangen sie sogar nach einem besseren Management, weil sie, im Gegensatz zu Wirtschaftsunternehmen, nicht über die Disziplin einer finanziellen Basis verfügen. Sie verlangen darüber hinaus nach einer ganz anderen Form des Managements.

 

 

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