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Die Notwendigkeit kontinuierlichen Lernens


Eine weitere Veränderung — auf einem anderen Gebiet — ist ebenso absehbar. Ein neuer Bereich im Bildungssektor gewinnt zunehmend an Bedeutung: die kontinuierliche Weiterführung der Ausbildung bereits ausgebildeter Erwachsener.

Da Bildung und Wissen von zentraler Bedeutung für ein modernes Wirtschaftsgefüge sein werden, wird an dieser Form der Ausbildung kein Weg vorbeiführen. Wissen ist per definitionem nach einigen Jahren überholt, und somit sollten Menschen, die mit Wissen arbeiten, dann wieder eine Schule oder Universität besuchen. Seien es Geschäftsführer oder Einkäufer für den Einzelhandel, wie sie an Ihrer Universität ausgebildet werden, Mediziner oder Ingenieure — nach einigen Jahren müssen sie alle ihr Wissen auffrischen und erneuern. Anderenfalls können sie nicht mehr zeitgemäß handeln.

Auf Universitäten und Schulen wird diese Entwicklung einen ungeheuren Einfluß haben, genauso wie auf die Arbeitgeber. Wir werden die Tatsache akzeptieren müssen, daß Lernen in einer wissensbasierten Gesellschaft sich über das gesamte Leben erstrecken wird und nicht mit dem Abschluß einer Prüfung beendet sein wird, sondern eigentlich erst richtig beginnt. Doch das sind immer noch ausschließlich Veränderungen innerhalb des Systems.

Ihre Frage »Was macht einen gebildeten Menschen aus?« zielt direkt auf das Grundverständnis von Lernen und Ausbildung und damit auf den Kern des Bildungssystems. Ich sehe mich kaum in der Lage, diese Frage zu beantworten. Auf eine Art hoffe ich, daß es uns möglich sein wird, die auf dem traditionellen »Bildungsbürgertum« beruhende Verbundenheit zwischen Tradition und Vergangenheit beizubehalten, sei es nach der japanischen Definition eines Bildungsbürgers, von den Bunjin während der Blütezeit Edos oder nach der westlichen, die von den großen Pädagogen des 18. Jahrhunderts entwickelt worden ist — der Definition, die der Erziehung, die Sie und ich genossen haben, als wir noch jung waren, zugrunde liegt. Doch das allein, so denke ich, wird nicht ausreichen, denn diese Definition setzt voraus, das Lernen ein endlicher Prozeß ist. Es wird vorausgesetzt, daß ein gebildeter Mensch gelernt hat während er jung war und daß dieser Prozeß beendet war, sobald er eine Arbeit aufnahm.

Diese Definition, so meine ich, muß nun um das ergänzt werden, was eine der herausragenden Persönlichkeiten der Meiji-Zeit durchzusetzen versucht hat. Fukuzawa Yukichi —wahrlich eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts — war der festen Überzeugung, daß ein wirklich gebildeter Mensch in der Lage ist und sogar danach strebt, kontinuierlich weiterzulernen. Das wird um so bedeutender, wenn Sie bedenken, daß eine immer größere Anzahl junger Menschen zumindest ihre frühen Karrieren als Spezialisten machen werden.

Ein Spezialist ist für mich ein Mensch, der über sehr viel Wissen verfügt — aber er ist kein gebildeter Mensch. Ein gebildeter Mensch verfügt über die Fähigkeit, sein oder ihr spezielles Wissensgebiet mit dem universellen Wissen und menschlichen Erfahrungen zu verknüpfen. Dazu aber sind jüngere Menschen nicht mehr in der Lage. Wie Sie wissen, unterrichte ich Führungskräfte aus Unternehmen, Regierung und gemeinnützigen Institutionen. Sie wissen eine ganze Menge — aber sie wissen nicht, das sie es wissen. Sie können zum Beispiel etwas, das sie über wirtschaftliche Abläufe wissen, nicht mit ihrer eigenen Arbeit verbinden. Sie können das, was sie über ihre eigene Welt wissen, nicht in Beziehung zu einem anderen Bereich setzen. Sie sind nicht in der Lage, beziehlich zu denken.

Dies zu verändern, so vermute ich, ist die große Herausforderung, die vor uns liegt, und es ist die Herausforderung, der sich die nächste Generation führender Pädagogen stellen muß. Sollten wir diese Chance nicht nutzen, werden wir über sehr viel hochspezialisiertes Wissen verfügen – aber kaum über mehr.

Wir sollten diese Herausforderung nutzen, um Wissen wieder als ein Mittel für eine positive menschliche Entwicklung einzusetzen. Wissen sollte weit mehr als nur ein Werkzeug sein, und Erziehung muß wieder der Pfad zur Weisheit werden. Genau das versuche ich in meinen Seminaren zu vermitteln, und es ist der einzige Grund, warum ich in meinem Alter noch unterrichte. Doch selbst wenn mein Unterrichten erfolgreich wäre – woran ich sehr zweifle –, wüßte ich nicht, wie ich es anderen vermitteln könnte. Ich wüßte nicht einmal, wie ich es in ein System fassen könnte, in einen Lehrplan oder nach welchen pädagogischen Leistungsvorgaben zu arbeiten wäre.

Es ist auf eine bestimmte Weise das, was schon immer einen gebildeten Menschen ausgemacht und was auch die freien Künste schon immer ausgezeichnet hat. Es ist das, was Erziehung, im Gegensatz zur Vermittlung von Wissen, schon immer geleistet hat und in Zukunft auch wieder leisten muß.

Ich fühle mich nicht in der Lage, die Kreativität von Kunst einzuschätzen, doch ich persönlich empfinde, daß weder die Jugend noch verantwortliche Persönlichkeiten in Japan Individualität ausstrahlen.

In der Vergangenheit lebten die meisten Japaner in einer bäuerlichen Gesellschaft, anspruchslos und genügsam. Mitglieder einer solchen Gesellschaft empfinden es als sehr schwierig, sich als unverwechselbare Individuen zu betrachten. Es erscheint naheliegend, daß diejenigen, die an der Macht waren, diese nationalen Eigenheiten gepflegt haben.

Die Vorliebe für uniforme Kontinuität ist auch heute noch, wenn auch in anderer Form, anzutreffen. Sie wird von Unternehmen, Eltern und Kindern übernommen und verinnerlicht. Das gesellschaftliche Ergebnis sind die schon erwähnten Prüfungsängste und jene pädagogischen Methoden, die die Studenten dahin drängen, auf einen Arbeitsplatz bei einem sehr angesehenen Unternehmen hinzuarbeiten, um dort später befördert zu werden.

Ich bin nicht sehr optimistisch, daß sich die Menschen in Japan die Schwäche des Systems vergegenwärtigen. Es ist kaum anzunehmen, daß sie erkennen werden, daß es möglich ist, um etwas Einzigartiges zu erreichen und davon profitieren zu können, jene Kreativität und Eigenständigkeit aufzuspüren, die in der japanischen Gesellschaft verborgen sein mag.

 

 

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