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Die Notwendigkeit einer kreativen Erneuerung


Drittens lebten nur sehr wenige Menschen lange genug. Als ich geboren wurde — noch während der Meiji-Zeit — lag die durchschnittliche Lebenserwartung weit unter fünfzig Jahren, selbst in den am weitesten entwickelten Ländern. Und nur die wenigsten Menschen, die dieses Alter erreichten, waren noch in der Lage zu arbeiten. Die Arbeit sowohl in der Landwirtschaft als auch im Handwerksbetrieb und in der Fabrik — und auf diesen Gebieten arbeiteten vor fünfundachtzig Jahren praktisch alle Menschen — verlangte ein hohes Maß an körperlicher und geistiger Gesundheit. Nur wenige über fünfundvierzig Jahre aber waren noch in der Lage, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Heute ist die Lebenserwartung um einiges höher. Und eigentlich ist die Lebensarbeitszeit noch länger geworden als die rein biologische Lebenserwartung. Das Arbeitsleben dauerte vor einhundert Jahren kaum länger als zwanzig oder fünfundzwanzigJahre, und das, obwohl junge Leute schon mit zwölf oder dreizehn Jahren zu arbeiten begannen. Heute erwarten wir, daß die Menschen etwa fünfzig Jahre lang arbeiten. Demoskopische Untersuchungen zeigen, daß wir in allen »entwickelten« Ländern nicht in der Lage sein werden, Menschen zu unterstützen, die vor ihrem siebzigsten oder fünfundsiebzigsten Lebensjahr aus dem Berufsleben ausscheiden — vorausgesetzt, sie befinden sich in guter geistiger und körperlicher Verfassung, wie es die meisten Menschen heute für dieses Alter erwarten können. Dies bedeutet nicht nur, daß die Ausstattung an Lernen, Wissen, Fertigkeiten und Erfahrung, die man sich früh aneignet, für unsere gegenwärtige Lebenserwartung und die Dauer unserer Lebensarbeitszeit nicht ausreicht. Menschen verändern sich während einer so langen Zeitspanne. Sie werden zu anderen Menschen, mit anderen Bedürfnissen, anderen Fähigkeiten, anderen Perspektiven — und deshalb mit einem Bedarf an kreativer Erneuerung. Wenn Sie über ein fünfzig Jahre währendes Arbeitsleben sprechen — und dies, so denke ich, wird zunehmend zur Norm —, müssen Sie sich »selbst erneuern«. Sie müssen etwas anderes aus sich machen, statt lediglich neue Kraftreserven zu schöpfen.

Sie werden fragen, wie das Individuum und besonders die Persönlichkeit, die wissenbasierte Arbeit leistet, effektiv werden und bleiben kann — über lange Jahre, über Perioden hinweg, die von Wandel bestimmt sind, über Jahre der Arbeit und — natürlich — des Lebens.

Da sich diese Frage mit dem Individuum beschäftigt, halte ich es für angemessen, mit meiner Person zu beginnen. Ich hoffe, Sie erlauben mir, mit »SIEBEN ERFAHRUNGEN« zu beginnen, aus denen ich gelernt habe, wie ich selbst effektiv bleiben, zu Wachstum und Veränderungen fähig und in der Lage sein kann, älter zu werden, ohne als Gefangener der Vergangenheit zu enden.

»Sieben Erfahrungen«

Ich war noch keine achtzehn Jahre alt, als ich nach dem Ende der weiterführenden Schule meine Geburtsstadt Wien verließ, um als Trainee in einer Baumwollexportfirma in Hamburg zu arbeiten. Mein Vater war darüber nicht sehr glücklich. Unsere Familie hatte über Generationen hinweg Beamte, Professoren, Rechtsanwälte und Ärzte hervorgebracht, und er erwartete deshalb von mir, ein Studium an einer Universität aufzunehmen. Ich dagegen war es leid, zur Schule zu gehen, und wollte arbeiten. Um meinen Vater zu beschwichtigen — jedoch ohne ernsthafte Absichten —, schrieb ich mich in der Jurafakultät der Hamburger Universität ein. Damals — im Jahre 1927 — mußte man in Deutschland und Österreich keine Vorlesungen besuchen, um als ordentlicher Student zu gelten. Man mußte lediglich die Unterschriften des Professors in seinem Studienbuch vorweisen können. Es genügte daher vollkommen, dem Laufburschen der Fakultät ein kleines Trinkgeld zu geben, damit dieser mit dem Studienbuch zum Professor ging, um sich die Unterschrift geben zu lassen. Außerdem wurden abends keine Vorlesungen angeboten — und tagsüber arbeitete ich. Während der gesamten eineinhalb Jahre, die ich in Hamburg verbrachte, besuchte ich also keine einzige Veranstaltung an der Universität. Dennoch galt ich als Student und genoß das entsprechende gesellschaftliche Ansehen.

Für heutige Ohren mag das merkwürdig klingen — aber damals, in diesen doch wesentlich gemächlicher verlaufenden Jahren, war so etwas kein bißchen ungewöhnlich. Alles, was man damals tun mußte, um einen akademischen Titel zu bekommen, war, eine geringe jährliche Studiengebühr — so gut wie nichts — zu entrichten und sich nach vier Jahren einem abschließenden Examen zu unterziehen.

Meine Arbeit als Trainee war entsetzlich langweilig, und ich lernte so gut wie nichts. Aber die Arbeitszeit begann um 7.30 Uhr und endete um 16.00 Uhr, an Samstagen um 12.00 Uhr. So hatte ich viel Freizeit. An den Wochenenden ging ich meistens mit zwei anderen Trainees, die ebenfalls aus Österreich kamen, aber in anderen Firmen arbeiteten, in der wunderschönen Umgebung Hamburgs wandern. Wir verbrachten die Nächte in einer Jugendherberge, in der wir als Studenten kostenlos übernachten konnten. Fünf Abende an den Werktagen jedoch hatte ich für mich allein. Die berühmte Bibliothek der Stadt Hamburg war nur wenige Schritte von meinem Arbeitsplatz entfernt; und Universitätsstudenten durften so viele Bücher leihen, wie sie wollten. Und so tat ich fünfzehn Monate lang nichts anderes als lesen, lesen, lesen – in deutsch, englisch und französisch.

 

 

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