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Die Lektion der Meiji-Zeit


Eine bedeutende Ausnahme dessen, was ein amerikanischer Philosoph, Brooks Adams, zu Beginn dieses Jahrhunderts »Das Gesetz von Zivilisation und Verfall« nannte, findet sich in Japan und heißt Meiji. Während dieser Zeit gelang es einer alten Gesellschaft, die durch Auflösungserscheinungen im Innern und durch Aggressionen von außen bedroht war, erfolgreich, sich selbst zu erneuern. Und deshalb hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, die Antwort auf Ihre Frage »Wie kann eine Gesellschaft sich selbst wieder-beleben?« zu erklären versuche, in dem ich schildere, was damals geschah.

Ich habe diese Frage seit nunmehr sechzig Jahren immer wieder gestellt – seit 1934, da ich, noch sehr jung, in einer Londoner Bank arbeitete und (ganz zufällig) die japanische Kunst für mich entdeckte. Die Tatsache, daß ich die japanische Schrift und Sprache nicht beherrsche, behindert mich ein wenig, und ich bin auf Übersetzungen angewiesen. Aber soweit ich es beurteilen kann, ist man sich weder in Japan noch im Westen der Einzigartigkeit der japanischen Erfahrungen und ihrer Bedeutung bewußt. Die japanischen Historiker scheinen sich nicht darüber im klaren zu sein, daß die Meiji-Zeit eine Ausnahme in der Geschichtsschreibung darstellt. Und so ist die Erklärung, auf die ich gestoßen bin, meine eigene und kann nicht für sich in Anspruch nehmen, auf gründlichem geschichtlichem Wissen und Studium zu beruhen. Aber in meinen Augen scheint es eine überzeugende Erklärung zu sein.

Die Bunjin-Dynastie hatte einhundert Jahre zuvor bereits das neue Japan geschaffen. Westliche Ideen, westliche Technologien und westliche Institutionen wurden damals einfach zu Werkzeugen, um die grundsätzlich neue, wenn auch grundsätzlich japanische Zivilisation und Gesellschaft, die die Bunjin-Dynastie bereits in ihren Werten und Glaubensgrundsätzen etabliert hatte, zu festigen. Die BunjinKultur war eher eine private denn eine offizielle Kultur. Als jedoch die offizielle Kultur zusammenbrach — und das geschah sowohl durch ihren inneren Zerfall als auch durch Druck von außen — stand die Bunjin-Kultur schon zur Übernahme und zur Schaffung des neuen Japan bereit.

Wie ich schon sagte, ist Japan die einzige Ausnahme vom sogenannten »Gesetz von Zivilisation und Verfall«. Und die eine Sache, die im Japan jener Zeit einzigartig und außergewöhnlich ist, sind die Bunjin beziehungsweise der »gemeinnützige« »soziale Sektor«, den sie geschaffen haben. Die meisten Abhandlungen über die Bunjin, die ich lesen konnte, beschreiben sie als Künstler, zum Beispiel als Maler oder Kalligraphen. Tatsächlich aber stellt die Bunjin-Bewegung eine wahre Renaissance dar und umfaßt eine enorme Bandbreite an Bildung und an Disziplinen — Mathematik, Geschichte (insbesondere japanische Geschichte), Philosophie, Medizin und so weiter. Mit anderen Worten: Die Werte, die die Bunjin hervorbrachten und repräsentierten, durchdrangen die japanische Gesellschaft — und letztendlich wurden sie zum entscheidenden Faktor der japanischen Gesellschaft. Und diese Werte wurden zu den Werten, auf denen die Meiji-Zeit wachsen konnte und die sie befähigten, die fremden, die westlichen Institutionen und Praktiken als Werkzeuge zu nutzen, um die japanische Gesellschaft zu erneuern.

Die Lehre aus der Geschichte der Meiji-Zeit ist zumindest für mich, daß es, um eine Gesellschaft zu erneuern, eines sozialen Sektors bedarf, der die Gemeinschaft wiederherstellt. Dies muß auf der Grundlage der Leistung des Individuums sowie in dem Bemühen um die Gemeinschaft — also auf der Basis von Werten — geschehen. Und dieser Sektor muß sich von der Politik und Verwaltung abgrenzen.

Was Verwaltung und Politik leisten können, wird, wie wir im nächsten Kapitel dieses Dialoges erörtern werden, im kommenden Jahrzehnt zu einer der zentralen Fragen in Politik, Verwaltung und Politikwissenschaften werden. Es ist ein höchst kontrovers diskutiertes Thema — und alles andere als eindeutig.

 

 

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