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Der informelle Sektor – Woher die Arbeitsplätze kommen.


Informalität hat verschiedene Schattierungen und Variationen, angefangen vom städtischen Unternehmer, der ohne Erlaubnis tätig ist, bis hin zum Bauern, dem per Gesetz das Recht vorenthalten wird, sein Land zu beleihen, zu verkaufen oder zu vererben. Doch trotz zahlreicher Unterschiede sind alle im informellen Sektor Tätigen Opfer der gleichen Form wirtschaftlicher Ausbeutung, deren Ursache in der diskriminierenden Gesetzgebung liegt, und die die Menschen daran hindert, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen. Marx begründete eine einflußreiche Denkschule, die auf der Grundidee der Ausbeutung und der Existenz sozialer Klassen beruht; wir vom ILD erkennen an, daß die im informellen Sektor Tätigen durch diskriminierende Gesetze ausgebeutet werden, und daher im Sinne der Marx'schen Begrifflichkeit als Klasse bezeichnet werden können.

Die Stärke der kommunistischen und populistischen Bewegungen Lateinamerikas, vom Ersten Weltkrieg bis in die späten achtziger Jahre, beweist die Zugkraft dieses Appells an die Klasse. Die Führer dieser Bewegungen boten ihren Anhängern nicht nur eine Erklärung ihrer Armut sowie eine verständliche Interpretation ihrer Geschichte und ihrer sozialen Realität, sondern auch Strategien zur Durchsetzung ihrer Forderungen. Die peruanische Widerstandsbewegung „Sendern Luminoso“, Leuchtender Pfad, verkündete z.B., daß Peru eine kapitalistische Gesellschaft sei, in der sich zwei Hauptklassen in einem unversöhnlichen, dialektischen Gegensatz befänden: auf der einen Seite das Proletariat und die Bauern, auf der anderen Seite die Bourgeoisie. Laut „Leuchtender Pfad“ wird letztere von einer Handvoll von Ausbeutern beherrscht, die die Produktionsmittel kontrollieren und sich den von den Arbeitern produzierten Mehrwert mittels ungerechter Löhne aneignen. Mitte der achtziger Jahre, als Perus Wirtschaft sich in einer Rezession befand, wuchs die Anzahl der Peruaner, die mit dem „Sendero Luminoso“ sympathisierten oder ihm tatsächlich beitraten.

Die Vertreter der Marktwirtschaft sind weder in der Lage, eine überzeugende Erklärung für die allgegenwärtige Armut in den Ländern der Dritten Welt zu bieten, die vorgeblich eine marktwirtschaftliche Politik verfolgen, noch können sie das Scheitern der privaten Unternehmen, für die große Mehrheit der Lateinamerikaner Wohlstand zu schaffen, oder die Existenz der krassen Klassenunterschiede in dieser Gesellschaft erklären.

Die Vertreter von Markt und Demokratie waren nicht in der Lage, mit der politischen Anziehungskraft der marxistischen Bewegungen in Lateinamerika zu konkurrieren. Doch folgt daraus nicht, daß die marxistische Analyse richtig ist. Die Forschungen des ILD zeigen, daß das marxistische Modell des kapitalistischen Staates mit einem ausgebeuteten Proletariat auf Lateinamerika einfach nicht zutrifft: Nur 9 % des peruanischen Proletariats sind organisiert, und in den formellen Institutionen sind nur etwa 20 % der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung vertreten. Niemand kann an der Tatsache vorbei, daß 60 % der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung Perus im informellen Sektor arbeiten. Dieses Ergebnis widerlegt die orthodoxe marxistische These von der Ausbeutung des Proletariats durch die Aneignung des Mehrwertes und zeigt, daß die Mehrheit der peruanischen Gesellschaft kein lohnabhängiges Proletariat bildet; ihre Einkommensquellen sind kleine, unabhängige unternehmerische Aktivitäten.

Doch wenn unsere Forschung auch beweist, daß die meisten Mitglieder des informellen Sektors nicht an Ausbeutung des Mehrwerts im Marx'schen Sinne leiden, so sind sie doch nichts desto trotz sehr arm. Um herauszufinden, was die kleinen Unternehmer in Armut hält, haben wir verschiedene Simulationen durchgeführt, mit dem Ziel, das Leben der Informellen aus ihrer Sicht zu verstehen. Wir begannen mit den Berechnungen der Zugangskosten zu formellen wirtschaftlichen Aktivitäten. Als erstes eröffnete im Sommer 1983 ein Team von uns eine kleine Schneiderei in einem Vorort von Lima und unterzog sich den zahlreichen bürokratischen Prozeduren, die nötig sind, um legal ein Geschäft zu eröffnen. Die Eintragung ins Handelsregister kostete das Team 298 Tage Arbeit, 6 Stunden täglich. Obwohl geplant war, die Schneiderei mit nur einer Person zu betreiben, betrugen die Kosten einer legalen Registrierung das dreißigfache des monatlichen Mindesteinkommens, nämlich genau l 231 US-$.

Wir setzten derartige Simulationen fort, um die Zugangskosten zu weiteren formellen Aktivitäten zu ermitteln. Für eine Bauerlaubnis braucht ein Informeller sechs Jahre und 11 Monate, in denen er acht Stunden täglich unterwegs sein muß, um in 52 verschiedenen Büros 207 Schritte bei den Behörden zu unternehmen. 278 von 331 Markthallen in Lima wurden von informellen Straßenverkäufern gegründet, die im Durchschnitt 13 Jahre lang in der Informalität bleiben mußten. Einen Busfahrer kostet es durchschnittlich 26 Monate Arbeit, bis er die offzielle Anerkennung seiner Buslinie erhält.

Doch diese Zugangskosten zur formellen Geschäftstätigkeit und zum formellen Arbeitsmarkt waren nicht die einzigen, die die Informellen zu tragen hatten. Hinzu kamen noch die Aufwendungen, die im informellen Sektor anfallen, um im Geschäft zu bleiben, wie Bestechungs- und Schmiergelder an die Behörden, was etwa 10 bis 15 °A° des Einkommens eines Informellen verschlingt. Rechnet man ferner die Kosten zur Vermeidung von Geldstrafen wegen Handels außerhalb der legalen Kanäle hinzu, sowie Kosten zur Umgehung von Steuern und Arbeitsrecht, dann ist die Situation der informellen Unternehmer im Vergleich zu denen, die legal arbeiten und Steuern zahlen, erheblich schlechter.

So wie es Kosten gibt, die anfallen, um in den formellen Sektor zu gelangen, gibt es auch solche, die entstehen, um im informellen Sektor zu bleiben, beide haben wir berechnet. Am meisten fielen die Kosten ins Gewicht, die durch das Fehlen von Rechtsgrundlagen hervorgerufen werden, d.h. durch den Mangel an institutionellen Anreizen für diejenigen, die ihre wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten nutzen wollen, um sich auf dem Markt zu spezialisieren. Solange die informellen Unternehmer nicht in der Lage sind, legal tätig zu werden, können sic weder wirksam Eigentum erwerben und Verträge vor Gericht durchsetzen, noch die Unsicherheit ihrer Lebenssituation durch der Abschluß von Versicherungen mindern oder ihre Haftung beschränken. Zur Risikominderung können sie keine Aktiengesellschaften gründen und kein zusätzliches Kapital ansammeln und sich auch nicht dadurch absichern, daß sie Kapital für den Einstieg in die industrielle Produktion ansparen. Überdies fehlen Anreize zur Innovationen und zum Erwerb von Patenten oder Lizenzen.

Um die Bedeutung dieser Diskriminierung im Zugang zu institutioneller Unterstützung zu illustrieren, hat das ILD den Mangel an formellen Eigentumsrechten gegenüber tatsächlichem Besitz im einzelnen untersucht. Wir haben herausgefunden, daß etwa 90 % des ländlichen und 50 % des städtischen Eigentums nicht durch formelle Rechtstitel geschützt waren. Das bedeutet, daß sie „informell“ sind und sich ein Austausch auf enge Kreise von Handelspartnern beschränkt, was die Vermögenswerte der informellen Bürger von den offiziellen, expandierenden Märkten ausschließt. Im Ergebnis haben die Informellen keinen Zugang zu Krediten, mit denen sie expandieren könnten. In den Vereinigten Staaten z.B. erhalten bis zu 70 % aller Unternehmensgründer Kredite, indem sie formelle Titel als zusätzliche Sicherheit für Hypotheken nutzen. Informalität bedeutet auch, daß die Anreize für Investitionen fehlen, die durch legale Sicherheit gegeben ist. In Peru ist zu beobachten, daß Investitionen sich verneunfachen, wenn die informellen Siedler nach zehn Jahren das formelle Eigentumrecht an ihren Häusern erlangen.

Dies zeigt, daß der informelle Sektor eine Klasse bildet, zwar nicht im Marx'schen Sinne, sondern aufgrund der diskriminierenden Gesetze und Bestimmungen, die alle im informellen Sektor Tätigen zur Armut und die ganze Nation zur Unterentwicklung verdammen. Die Entdeckung des informellen Sektors, seiner Ursachen und seiner Funktionsweise liefert viele Ansätze zum Verständnis der historischen Dimensionen von Unterentwicklung und den Möglichkeiten des Übergangs zur modernen Marktwirtschaft und zum demokratischen Staat. Nachdem wir dieses Phänomen in der gegenwärtigen Dritten Welt entdeckt hatten, begannen wir uns zu fragen, ob der informelle Sektor in der modernen Zeit einzigartig sei, oder ob es in der Geschichte der entwickelten Länder möglicherweise Parallelen gegeben hat.

 

 

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