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Der Wettbewerbsvorteil der Niedriglohnländer


Die vierte Fehleinschätzung: Niedriglohnländer haben einen Wettbewerbsvorteil. Es stimmt, Niedriglohnländer sind inzwischen sehr schnell in der Lage, eine ähnliche Produktivität an den Tag zu legen wie Länder mit einem hohen Lohnniveau. Im 19. Jahrhundert und selbst noch bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts galt, daß in Niedriglohnländern auch die Produktivität niedrig war. Es folgte eine kurze Periode — nach dem 2. Weltkrieg —, in der die Niedriglohnländer einen Vorteil verzeichnen konnten. In den fünfziger und sechziger Jahren waren Länder wie Japan (und zehn Jahre später Korea) dadurch in der Lage, für einige Jahre mit einem beachtlichen Wettbewerbsvorteil in der Weltwirtschaft zu agieren. Die Produktivität war dort nun ähnlich hoch wie in den Ländern mit einem hohen Lohnniveau. Die Folge war, daß sie die Kalkulationen der Länder mit einem hohen Lohnniveau unterbieten konnten.

Doch das ist, anhand eines Beispiels verdeutlicht, nicht mehr aktuell: Die Lohnkosten spielen für die meisten Herstellungsprozesse keine wichtige Rolle mehr. Als die Lohnkosten vor dreißig Jahren noch 40 Prozent der Betriebskosten ausmachten, waren sie wichtig und ausschlaggebend für oder gegen eine Standortentscheidung. In wirtschaftlich entwickelten Ländern wie Japan oder den USA werden Herstellungsprozesse mit einem Anteil von mehr als 20 Prozent der direkten Lohnkosten an den Betriebskosten immer mehr zur Ausnahme. Meist sind diese Unternehmen ineffektiv, veraltet und bedürfen des Re-engineerings. Dieser Prozeß ist in der US-Stahlindustrie wahrscheinlich am weitesten fortgeschritten. Mit Ausnahme der ältesten und ineffektivsten Fabriken konnte dort der Anteil der Lohnkosten an den Betriebskosten von annähernd 40 Prozent in den siebziger Jahren auf heute unter 20 Prozent gesenkt werden.

Die meisten industriellen Herstellungsprozesse — auch alle neuen und innovativen Industrien — kalkulieren mit einem Anteil der direkten Lohnkosten von weniger als 20 Prozent, in den meisten Fällen liegen sie sogar unter 15 Prozent. Wenn der Anteil der direkten Lohnkosten unter 12 Prozent sinkt, sind niedrige Lohnkosten kein Wettbewerbsvorteil mehr. Selbst wenn die Produktivität bei niedrigen Löhnen hoch ist, sind damit unter diesen Voraussetzungen keine Gewinne mehr zu erzielen. Allein die Frachtkosten von —zum Beispiel — Indonesien nach Japan betragen häufig 5 bis 7 Prozent des Warenwertes.

Mit anderen Worten: Ein Entwicklungsland wird auf dem Weltmarkt in Zukunft kaum mehr aufgrund niedriger Lohnkosten konkurrenzfähig sein können — zumindest nicht bei vielen Produkten.

Immer mehr Unternehmen aus den USA verlagern daher Arbeitsprozesse, die sie vor zwanzig, dreißig Jahren ausgelagert hatten, wieder zurück in die USA. Der Anteil der direkten Lohnkosten an den Gesamtkosten ist einfach zu gering geworden. Selbst arbeitsintensive Produktionsprozesse (zum Beispiel in der Textil- und Schuhindustrie) werden inzwischen wieder zurückgeholt. Die Differenz der Lohnkosten reicht nicht mehr aus, eine Produktion so weit vom Markt entfernt zu rechtfertigen.

Somit sollten Unternehmen Produktionsverlagerungen ins Ausland in erster Linie als Möglichkeit betrachten, sich auf auswärtigen Märkten zu etablieren, und nicht als Möglichkeit, auf diese Weise die heimischen Märkte zu versorgen. Genau das geschieht zur Zeit in Japan wie auch in den USA.

Die Annahme — besonders ausgeprägt unter Gewerkschaftsführern und Politikern in den USA —, daß eine Produktion mit niedrigen Lohnkosten im Ausland Grund für das US-amerikanische Handelsdefizit sei, ist daher völlig unbegründet. Die USA importieren zur Zeit ungefähr 12 Prozent ihres Bedarfs an produzierten Gütern — immer noch nur die Hälfte dessen, was die meisten europäischen Länder importieren. Doch nur ein vernachlässigenswerter Teil dieser Güter kommt aus Niedriglohnländern — nur 3 Prozent. (Das US-amerikanische Außenhandelsdefizit wird zum einen durch den Erdölimport, der ungefähr die Hälfte ausmacht, und ansonsten in erster Linie durch Automobilimporte und Importe von Unterhaltungselektronik aus Japan und von Werkzeugmaschinen jedweder Art aus Japan und Deutschland verursacht. Somit aus Ländern, in denen die Löhne eher höher denn niedriger als in den USA sind.) Und nur die Hälfte dessen — also 1,5 Prozent des Konsums — besteht aus Importen von industriell gefertigten Waren aus diesen Niedriglohnländern, einschließlich des chinesischen Festlandes. Doch genau diese Importprodukte — es handelt sich meist um einfache Konsumgüter wie Segeltuchschuhe oder Spielzeuge — fallen in den Auslagen der Geschäfte auf.

Bevor ich mich der Rolle widme, die Japan für eine wirtschaftliche Entwicklung in Asien und darüber hinaus weltweit spielt, möchte ich meine persönlichen Erfahrungen vorausschicken. Ich war einer der ersten Förderer von Entwicklungshilfeprogrammen und darüber hinaus, als Berater der ersten beiden Präsidenten der Weltbank, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre, wohl einer derjenigen, die diesen Begriff geprägt haben. Auch arbeitete ich in diesen Jahren ganz konkret an Einzelprojekten. Als Beispiel sei hier der Marshallplan für den Wiederaufbau des nach dem Kriege völlig zerstörten Europas genannt. Ich war ein begeisterter Verfechter von Präsident Trumans »Punktvier-Programm« (1949), durch das die Entwicklungshilfe ein offizieller Teil der US-Politik wurde. Die USA waren somit das erste Land, in dem die Entwicklungshilfe einen solchen Stellenwert erlangte. Ich war ein ebenso begeisterter Verfechter von Präsident Kennedys »Allianz für den Fortschritt«, deren Ziel die Entwicklungshilfe in Lateinamerika war und in die ich während der sechziger Jahre eine Menge Zeit und Arbeit investiert habe.

Doch diese Arbeit hat mir meine Illusionen genommen. Ich mußte lernen, daß eine Entwicklungshilfe auf Regierungsebene zum Scheitern verurteilt ist. Wir wissen inzwischen, daß eine bilaterale Entwicklungshilfe — und die Weltbank ist in diesem Kontext eine Regierungsorganisation — entweder zur Militärhilfe verkommt oder aber in privaten Taschen versickert. Oder, schlimmer noch, das Geld wird für bombastische Projekte in Ländern verschwendet, die entweder nicht über die notwendigen Ressourcen oder die erforderlichen Märkte verfügen. Viele Projekte der Weltbank sind so gescheitert.

Was jedoch funktionierte, und zwar außerordentlich gut, waren Projekte, die auf privater Initiative beruhten. Solche Länder, die in den letzten fünfzig Jahren die größten Fortschritte in ihrer Entwicklung verzeichnen konnten, haben dies entweder gänzlich ohne Entwicklungshilfe geschafft, wie zum Beispiel Japan, oder mit einem Minimum an Entwicklungshilfe, wie zum Beispiel Südkorea oder zur Zeit die VR China.

 

 

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