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Der Einfluß der Informationsgesellschaft auf die individuelle Lebensweise


Ich bin recht sicher, daß die Informationstechnologie radikale und tiefgreifende Veränderungen im Bildungssystem, in den Strukturen von Unternehmen und Organisationen und in der Stadtentwicklung nach sich ziehen wird. Wie Sie erwähnen, sollte die »greifbare« Infrastruktur nicht im Vordergrund unserer Besorgnis um die Welt von morgen stehen. Natürlich können wir unglaubliche Entwicklungen auf dem Gebiet der Computertechnologie und der Softwareentwicklung sowie in vielen anderen Bereichen beobachten — doch die wirklich zentralen Fragestellungen sind: Wie verändert sich dadurch unsere Sichtweise der Welt? Wie verändert sich unsere Arbeitsweise? Und wie verändert sich der Ablauf unseres Lebens?

Die Fülle an Informationen hat ein globales Bewußtsein geschaffen. Jeder hat heute Zugriff auf die gleichen Informationen, und die Tatsache, daß die meisten Informationen die Realität verzerren, sollte vielleicht nicht überbewertet werden, denn jedem ist, wie schon gesagt, der Zugriff auf die gleichen Daten möglich. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, daß die Interpretation der Daten identisch ist — zum Beispiel die Auswahl dessen, was in den abendlichen Nachrichten gesendet wird.

Die Fülle der Informationen ist im Begriff, auch die Bedeutung von Lernen und Ausbildung grundlegend zu verändern — und damit auch die Bedeutung des Lehrens und Unterrichtens. Das umfaßt die Organisationsstrukturen, die Karrieren und die Perspektiven der Menschen.

In vielerlei Hinsicht wird sich auch unsere Lebensweise verändern. In Zeiten moderner Informationsfülle gibt es keine ländliche Isolation mehr. Jeder lebt im selben Informationsuniversum, das auf einem urbanen Universum basiert.

Eines kann mit einiger Sicherheit angenommen werden: Das Neue wird das Alte nicht ersetzen. Vor vierzig Jahren postulierten einige wirklich intelligente Freunde von mir, daß das Buch nach der Einführung des Fernsehens überholt sein würde. Überall auf der Welt haben Menschen nun Fernseher und nutzen ihn. Im Hinblick auf den Fernsehkonsum gibt es keine »unterentwickelten« Länder mehr. Dennoch sind Veröffentlichungen und Verkäufe von Büchern, in allen entwickelten Ländern, in Japan wie in den USA, Großbritannien und Deutschland, in astronomische Höhen geschnellt. Menschen, die nie zuvor ein Buch gekauft haben, geschweige denn es gelesen haben, kaufen es nun, nachdem sie per Fernsehen den Film gesehen haben, der nach seiner Vorlage gedreht wurde.

Etwas ganz Ähnliches fand statt, als der Buchdruck erfunden wurde. Einer der großen Denker der europäischen Renaissance, Erasmus von Rotterdam, der in den frühen Jahren des 16. Jahrhunderts lebte, weissagte, daß der Buchdruck das Ende der Handschrift bedeuten würde. Doch genau das Gegenteil bewahrheitete sich. Die große Zeit des handgeschriebenen Briefes in der westlichen Welt begann um das Jahr 1600, als das Lesen von Büchern schon recht weit verbreitet war. Es wurden nie so viele Briefe geschrieben wie am Ende des 19. Jahrhunderts, als, dank des Buchdrucks, die Alphabetisierung der Bevölkerung nahezu abgeschlossen war.

Das Neue ersetzt also nicht das Alte. Das Alte wird vielmehr durch das Neue ergänzt. Ich denke, das wird auch für die Neuerungen der Informationsgesellschaft seine Gültigkeit behalten. Die Gewichtungen werden sich jedoch verschieben.

Für meine Enkelkinder — die meisten sind nun Mitte Zwanzig und haben das College abgeschlossen — ist die moderne Fülle an Informationen selbstverständlich. Sie ist ihr Hilfsmittel, das umsetzen zu können, was ihnen vorschwebt. Und das sind Dinge, die in einer sehr alten Tradition stehen. Ein Enkelkind ist zum Beispiel Musiker, ein anderes schickt sich an, Architekt zu werden. Sie bewältigen ihre Arbeit natürlich auf eine völlig andere Art und Weise, doch ob die zu erwartende Fülle an Informationen die Kreativität und das Vorstellungsvermögen begrenzen werden, so wie Sie befürchten, wage ich ehrlich zu bezweifeln. Sie werden nur andere Formen annehmen - genau das zeichnet sich jetzt schon ab.

Das wirkliche Ausmaß, das die Weiterentwicklung der Informationstechnologien auf Wirtschaft und Gesellschaft haben könnte, ist mir erst durch Ihren Brief bewußt geworden. Wenn die Informationstechnologien einen höheren Standard erreichen, wird Outsourcing unvermeidlich, und jedes Unternehmen wird sich um ein extrem kompaktes Organisationskonzept bemühen müssen. Sollte sich dieser Prozeß fortsetzen, werden konventionelle hierarchische Organisationsmodelle sehr schnell an Effektivität verlieren. Eine Vielzahl etablierter Unternehmen wird keine andere Wahl haben, als den maximalen Nutzen, den die Informationstechnologien bieten, auszuschöpfen. Sie werden ihre Organisationsstrukturen dergestalt reformieren müssen, daß sie dem Informationszeitalter gewachsen sind. Sollten sie dies versäumen, verlieren sie ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Wie können wir unter diesen Umständen ein Organisationsmodell beschreiben, das uns in die Lage versetzt, die Vorteile der Informationstechnologien in vollem Umfang auszuschöpfen? Das Beispiel der Verbrauchermärkte ist sicherlich ein Anhaltspunkt für die Umsetzung, denn es ist außerordentlich kompakt und setzt voraus, daß jeder Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens verantwortlich wie in einer Managementposition handelt.

Ich halte diesen Punkt für außerordentlich wichtig. Wenn ein verantwortliches Handeln, wie es in einer Managementposition üblich ist, für alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen vorausgesetzt werden kann, so haben sie damit gleichzeitig auch einen Einfluß auf ihre jeweilige Situation. Das heißt aber auch, daß sie in der Lage sein müsse, ihr eigenes Wissen und ihre Fähigkeiten selbständig einzusetzen und ihrer Arbeit anzupassen. Die weitere Entwicklung der Informationstechnologien wird eine Vielzahl eigenständiger Abteilungen innerhalb eines Unternehmens schaffen und jeden Mitarbeiter dieser Abteilungen zu einer eigenverantwortlichem Führungskraft machen. Anders ausgedrückt: Die weitere Ausweitung der Informationstechnologien wird die »Führungskraft der Zukunft« schaffen, die einen Einfluß auf die Geschicke der Gesellschaft haben wird. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß eine solche Entwicklung wünschenswert ist.

 

 

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