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Der »Ausverkauf« der japanischen Wirtschaft —eine Fehlinterpretation


Ich möchte mich nun dem »Ausverkauf« der japanischen Wirtschaft zuwenden. Sie fragen, ob eine leistungsfähige produzierende Industrie die Voraussetzung für eine starke und führende Wirtschaftsmacht ist. Die Antwort muß eindeutig »Ja« lauten. Es ist jedoch keine große Zahl von Arbeitnehmern mehr in der produzierenden Industrie erforderlich, um konkurrenzfähig arbeiten zu können.

Ihre Frage ist von der Überzeugung bestimmt, daß in Japan die einhellige Meinung vorherrscht, daß eine Auslagerung der Produktion den Standort Japan gefährdet und somit die Angst vor einem Ausverkauf schürt. Doch die Angst läßt sich auf vier Fehleinschätzungen zurückführen. In letzter Konsequenz sichert eine Auslagerung der Produktion auf das asiatische Festland eher den Wirtschaftsstandort Japan. Nun eine Auflistung der vier Punkte:

0 Trennung von Produktion und Beschäftigung Produktionsleistung und Beschäftigungsgrad in der herstellenden Industrie steigen oder sinken nicht im gleichen Verhältnis zueinander. Politiker, Ökonomen, Journalisten und die gesamte Öffentlichkeit sind jedoch der Überzeugung, daß dies der Fall sein muß. Doch diese Einschätzung ist außerordentlich unrealistisch. Eher muß gesagt werden, daß, je niedriger der Beschäftigungsgrad ist, eine höhere Produktionsleistung um so wahrscheinlicher ist.

Eine ähnliche Entwicklung konnten wir schon im Bereich der Landwirtschaft beobachten. Zum Ende des 2. Weltkrieges waren mehr als ein Viertel der Bevölkerung der USA in diesem Sektor beschäftigt. Heute machen die in der Landwirtschaft Beschäftigten nur noch 3 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in den USA aus. Die Produktion der landwirtschaftlichen Betriebe ist jedoch seit 1950 auf das Siebenfache gestiegen. In Japan betrug, ganz ähnlich, der in der Landwirtschaft arbeitende Bevölkerungsanteil am Ende des Krieges im Pazifik 60 Prozent. Heute sind es nur noch einige wenige Prozent, und der größte Teil der Arbeit wird nebenberuflich geleistet. Dennoch ist die japanische Agrarproduktion mindestens genauso hoch wie damals.

Fast die Hälfte der Arbeitnehmerschaft in den USA — in Fabriken, auf den Farmen, in Bergwerken und im Transportwesen — war vor dreißig Jahren damit beschäftigt, Dinge herzustellen und zu transportieren. Heute wird für diese Arbeiten gerade ein Fünftel der Arbeitnehmerschaft benötigt. Berücksichtigt man auch die Angestelltenverhältnisse in der Produktion, sind das nicht mehr als 15 Prozent. Vor dreißig bis vierzig Jahren waren es noch 35 Prozent. Trotzdem ist die Produktionsleistung in den USA genauso schnell gewachsen wie das Bruttosozialprodukt, wenn nicht sogar ein wenig schneller. Damit stieg die Produktionsleistung in den USA annähernd so schnell wie in den letzten fünfzehn Jahren in Japan. Sie macht nun das Zweieinhalbfache dessen aus, was im Jahr 1980, also vor fünfzehn Jahren, erwirtschaftet worden ist. Während dieser Zeit hat sich die Beschäftigtenzahl der Industriearbeiter aber um fast die Hälfte reduziert.

Der Grund für diese Entwicklung ist nicht in der zunehmenden Automatisierung zu suchen. Im Gegenteil, die Unternehmen, die versuchten, ihre Konkurrenzfähigkeit mit Hilfe enormer Investitionen in diesem Bereich zu sichern, verloren fast ausnahmslos Marktanteile und Konkurrenzfähigkeit. Bestes Beispiel für eine solche Entwicklung ist General Motors — immer noch das größte produzierende Unternehmen der Welt und immer noch der größte Automobilhersteller. General Motors verfügte zu Anfang der achtziger Jahre über eine ähnliche Kapitaldecke wie Toyota heute und hatte somit weitaus mehr Kapital zur Verfügung, als dies für die Zwecke des Unternehmens notwendig war. General Motors investierte fast alles, 30 Millionen Dollar, in die Automatisierung seiner Produktionsstätten. Mit dem Ergebnis, daß die Kosten in die Höhe schnellten, Produktivität und Qualität jedoch auf der Strecke blieben. Und: General Motors verlor kontinuierlich Marktanteile, nicht nur an japanische Konkurrenten, sondern vielmehr an die amerikanischen Konkurrenten Ford und Chrysler. General Motors hat den schlimmsten Fehler begangen, den sich ein Unternehmen leisten kann: Das Unternehmen hat versucht, kreatives Potential durch Geld zu ersetzen.

Toyota hat, auch wenn ausreichende Kapitalmengen zur Verfügung standen, nicht sehr viel in die Automatisierung investiert. Ford verfügte erst gar nicht über die Mittel, um derartige Investitionen zu tätigen. Stattdessen investierten beide Unternehmen sehr viel in ihr kreatives Potential. Sie revolutionierten den Produktionsprozeß in der Automobilindustrie. Mit dem Ergebnis, daß diese zwei Unternehmen (und vielleicht noch Nissan mit der Produktionsanlage in den Midlands, Großbritannien) nun die produktivsten und effizientesten Automobilhersteller der Welt sind (wobei die Fertigungsanlagen von Toyota in den USA wahrscheinlich noch effektiver arbeiten als die Produktionseinrichtungen in Japan). Toyota, Ford und Nissan investierten unerhört viel Zeit und harte Arbeit in das Überdenken ihrer grundlegenden Produktionsprozesse und in das Re-engineering unter Berücksichtigung von Kommunikationsstrukturen und nach Grundlagen des Teamworks. Mechanisierungs- und Automatisierungsprozesse spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Mit anderen Worten: Wir leben in einer Zeit, in der Produktionsabläufe grundlegend neu überdacht werden, in der die Industriearbeit von wissens- und informationsorientierter Arbeit abgelöst wird. Arbeitsintensive Produktionsprozesse sind ein eindeutiges Zeichen für ein nicht mehr zeitgemäßes Handeln. Zur Jahrtausendwende wird kein Produktionsablauf konkurrenzfähig sein, wenn seine direkten Lohnkosten im Fertigungsbereich mehr als 10 oder 12 Prozent ausmachen. Das heißt, daß der Anteil der Industriearbeit in den Industrienationen sich in Zukunft proportional auf dem Level der heute in der Agrarwirtschaft beschäftigten Menschen einpendeln wird, und wie dort wird die Produktionsleistung um ein Vielfaches höher sein.

In den USA ist dieser Wandel in vielen Bereichen schon abgeschlossen, oder man ist kurz davor. In Japan haben die meisten Industriebereiche diese Veränderungen noch vor sich. Es ist absehbar, daß der Anteil der Industriearbeit in Japan in den nächsten Jahren sinken wird, vielleicht nicht so schnell wie in den USA, doch mit Gewißheit und wahrscheinlich in ähnlichem Umfang. Gleichzeitig wird die Produktionsleistung wie bisher steigen — und zwar rasch.

 

 

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