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Den Pädagogen die antiökonomischen Affekte nehmen – Ausblick für Entrepreneurship


Auch wenn die Europäer sich in den kommenden Jahrzehnten zunehmend als Normalbürger dieser Welt wiederfinden, wird – bei genauer Betrachtung – der relative Abstieg in eine Topographie sozio-ökonomischer Heterogenität, in eine Drei-Drittel-Gesellschaft führen. Unter der Voraussetzung, daß dieser Abstieg von der Öffentlichkeit und ihrer politischen Vertretung nicht als Herausforderung begriffen und – im weitesten Sinn – mit einer Kultur unternehmerischen Handelns beantwortet wird, entstehen konfliktive Szenarien, die denen implodierender Hegemonien ähneln. Für den Bereich des Bildungswesens und der Jugendhilfe droht dabei ein Auseinanderdriften des privaten und öffentlichen Sektors. Wohlhabende Bevölkerungsgruppen werden sich zunehmend privater Bildungs- und Betreuungsinstitutionen bedienen, während die Mehrheit auf den öffentlichen oder öffentlich bezuschußten Sektor bei zunehmend schlechten Bedingungen verwiesen sein wird.

Dem Realitätsprinzip Weltmarkt angemessen wäre es, eine gesellschaftliche Wende und Anstrengung großen Stils einzuleiten und eine unternehmerische Kultur neu zu entwickeln, wie sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts und dann noch einmal Anfang der fünfziger Jahre in Deutschland zu beobachten war.

Dies würde unter anderem bedeuten, daß professionelle Pädagogen, bisher an einen nahezu lebenslangen Marsch durch die pädagogischen Institutionen gewöhnt und biographisch eher defensiv gestimmt, dies ebenfalls lernen und modellhaft unter Beweis stellen. Hier reicht es keinesfalls, sich auf die Förderung von Arbeitnehmerqualifikationen zu beschränken und an der Fiktion von Vollbeschäftigung festzuhalten, so, als fielen arbeitsbeschaffende Menschen mit entsprechenden Ideen vom Himmel; notwendig ist vielmehr – im weitesten Sinne – eine Erziehung zum Unternehmensgeist, die früh einsetzt und Entrepreneurship weniger wie bisher als biographische Absonderlichkeit, vielmehr als Grundqualifikation des Citoyen versteht.

Vor diesem Hintergrund können Bildungsprozesse, -inhalte und -institutionen zum kontraproduktiven Problem werden: die Prozesse, sofern sie einem Lerntypus verhaftet bleiben, der in Parametern der Scheinsicherheit angelegt ist und sich auf die Unsicherheiten eines Lernens in Realsituationen nicht einläßt; die Inhalte, sofern sie Schlüsselprobleme eines Lebens unter zunehmend schwierigen Verhältnissen ausblenden; die Institutionen, sofern sie strukturell und organisatorisch eher dem Syndrom eines administrativen overhead verhaftet sind.

Wenn Soziologen hier – wie Ralf Dahrendorf – beobachten, daß die eigentlich interessanten und relevanten Lernprozesse außerhalb der durch ökonomisch inkompetente Pädagogen geprägten Institutionen organisiert würden, trifft sich eine solche Einschätzung mit der führender Ökonomen aufstrebender Länder: Diese Länder hielten, so etwa Hernando de Soto, ein Bildungswesen modernisiert-kolonialer Prägung gerade noch aus, weil die Lernchancen des sozio-ökonomischen Umfeldes groß genug seien, um Absolventen oder Abbrecher von Bildungseinrichtungen ihre eigentlichen Lehr- und Gesellenjahre draußen erleben zu lassen, so daß die meisten – in Kenntnis dieser Chance – auch nicht Gefahr liefen, zu Dauerjugendlichen pädagogischer Institutionen zu werden.

Die Jugendhilfe kompensiert mit ihrer insgesamt immer noch beschäftigungspädagogischen und assistentiellen Tendenz die Mängel des Bildungswesens nicht. Wenn aber das Bildungswesen wie die Jugendhilfe aufgrund ihrer Verfaßtheit, Prägung und Arbeitsweise zunehmend zum Ko-Faktor für die Entwicklung von wachsender Arbeitslosigkeit werden, ist es auch an ihnen, Konsequenzen daraus abzuleiten: ihr Klientel mithin nicht Situationen der Hilflosigkeit entgegentreiben zu lassen, sondern ihm frühzeitig zu vermitteln, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Bildungs- und Jugendpolitik ist Wirtschaftspolitik – nicht mehr, indem das Bildungswesen Qualifikationen und das Beschäftigungswesen Arbeitsplätze bereitstellt, vielmehr sind das Bildungswesen wie die Jugendhilfe aufgerufen, Unternehmensgeist zu fördern und damit dem galoppierenden Funktionsverlust des Beschäftigungswesens angemessen zu antworten.

Insbesondere in den USA und Großbritannien haben Überlegungen Kontur gewonnen, wie man Entrepreneurship fördern könne. Während in den Entwicklungsländern der informelle ökonomische Sektor – so Hernando de Soto – eine Schule der Nation darstellt und generationsübergreifend Unternehmer von unten heranbildet, die als risk takers mit äußerster Knappheit wirtschaften lernen (und es dort darum geht, den ,In-formellen` den Zugang zum regulären Markt zu erleichtern und ihre unternehmerischen Ideen zu elaborieren), entwickelt sich in den USA eine bildungspolitisch neue Akzentuierung: Dort sind inzwischen viele Lehrstühle für Entrepreneurship eingerichtet worden, außerschulische Einrichtungen, Schulen, Colleges und Universitäten bieten Entrepreneurship-Programme an. In Großbritannien entstand im Verbund von Wirtschaft und Community Schools des Primar- und Sekundarbereichs die Initiative der education for enterprise mit der Entwicklung von mini enterprises; es entwickelten sich Schulen, die einen Teil ihrer Einnahmen erwirtschaften und selbst zum unternehmerischen Modell werden.

Eine Diskussion darüber, wann mit einer Erziehung zu Entrepreneurship begonnen werden kann, wird von der Realität eingeholt, wenn man die unternehmerisch tätigen Kinder an den sozio-ökonomischen Peripherien dieser Welt in den Blick nimmt. Es handelt sich um Ernstfälle anderer Qualität als bei uns, zugleich aber auch um Vorerfahrungen und Qualifikationsprofile von Kindern, die, was Überlebensfähigkeit, Autonomie und lebenspraktische Kompetenz anbelangt, europäisch ,verkindlichten` Kindern überlegen sein dürften. Es stellt sich dann die Frage, ob – bei aller Berücksichtigung auch der gravierenden und brutalen Aspekte einer solchen Kindheit des Südens – jenes mitteleuropäische Konstrukt von Kindheit das Qualifikations- und unternehmerische Potential von Kindern nicht deutlich unterschätzt.

Bei der Analyse von Unternehmerbiographien (Goebel 1990, Munz 1973, Riesterer 1989) fällt auf, daß die überwiegende Zahl von Menschen, die den Sprung ins unternehmerische Handeln riskieren, in ihrer Kindheit bereits von bestimmten Ideen ,besessen` waren, einen ,Fimmel` sowie Sinnierkraft entwickelten, dazu Phantasie und Zähigkeit, um die kleinen Visionen umzusetzen. Die meisten haben im Mikrokosmos praktische unternehmerische Erfahrun;en gemacht, Ökonomie im Kleinen betrieben und erlebt, daß man mit der Idee ruf einen Markt trifft und bei ihrer Umsetzung Gratifikationen erhalten kann. iinnierkraft meint den Prozeß eines immer wiederkehrenden Umgangs mit der Idee, das Tüfteln, die Auswertung von Erfahrungen anderer, den Drang nach Jestaltung und Entfaltung. Sinnieren könne, so Goebel, der zahlreiche Anamiesen mit Jungunternehmern durchgeführt hat, als Rausch, Arbeit als lustvoll erebt werden. Gedankengebilde entstehen, deren Logik in zunehmender Geuauigkeit recherchiert und deren Umsetzung zum kalkulierbaren Wagnis werfen. Querdenker sind gefragt, Kinder und Jugendliche, deren Drang nach Ge;taltung und Unabhängigkeit beschäftigungspädagogisch nicht neutralisiert wird. Deutlich wird bei einer Analyse von Unternehmerbiographien auch, daß viele Ton ihnen als Kinder und Schüler Mühe hatten, mit der Reglementierung ihres Sinnierwillens, mit veranlaßten Unterbrechungen der Ideengenerierung zurechtzukommen. Sie haben oft gegen widrige Umstände am Entwurf und an dessen Umsetzung festgehalten: Pädagogen als frühzeitige Verhinderer von Entrepreneurship? Es wäre schon einiges gewonnen, wenn das zu vermutende Ausmaß solcher Verhinderungen verringert werden könnte.

Nimmt man die Altersspanne von Kindern, die Tageseinrichtungen besuchen, so wird es sich, will man eine culture of entrepreneurship fördern, im wesentlichen um die Förderung von qualifikatorischen und persönlichen Voraussetzungen dazu handeln, um – in Paraphrase einer Bemerkungen von Ivan Illich – die Chance zum Lernen durch möglichst ungehinderte Teilhabe an entsprechend relevanter Umgebung.

Einige Kindertagesstätten in den neuen Bundesländern haben sich in unterschiedlicher Weise auf den Weg gemacht, Unternehmensgeist zu entwickeln. Anlaß waren und sind in der Regel Entwicklungen in der Folge des Geburtenrückgangs – bevorstehende Entlassungen von Erzieherinnen oder drohende Schließungen von Einrichtungen. In mehr als einem Fall setzte dies den Abschied vom bisherigen Träger (der diese Entlassung und Schließung vollzogen hätte) voraus und die Transformation der Einrichtung in eine juristisch eigenständige Institution. Für das beteiligte Personal bedeutete das, Abschied vom Versorgungsdenken zu nehmen und unternehmerische Ideen zu entwickeln, um Diskrepanzen zwischen öffentlicher Zuwendung und realem finanziellem Bedarf zu schließen. Die Entwicklung, die sich hier abzeichnet, steht erst am Anfang, im angloamerikanischen Raum wird sie unter dem Begriff Community Business gefaßt. Gemeint ist damit unter anderem der Versuch, Institutionen mit unzureichender finanzieller Ausstattung in Betriebe zu verwandeln, Produkte und/oder Dienstleistungen anzubieten, zunehmend markt- und wettbewerbsfähig zu werden und sich – auf Sockelbeträgen aufbauend – fehlende Mittel selbst zu erwirtschaften.

Im Zusammenhang mit der Durchsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz sind auch die Kommunen und freien Träger veranlaßt, bei der Schaffung neuer und der Erhaltung vorhandener Kindergartenplätze effiziente Kosten/Nutzen-Relationen durchzusetzen. Auch hier sind Strukturen erforderlich, die die selbständige Verwaltung der finanziellen Mittel ermöglichen, unternehmerisches Handeln und produktive Wettbewerbsmodelle fördern.

Interessant ist, daß hier über den Umweg Markt Kindergärten und Tagesstätten neu gedacht, Verdinglichungen abgebaut werden und ein Kinder-Service angeboten wird, der sich am Bedarf orientiert und vom Babysitten über die spitalexterne Betreuung kranker Kinder bis zum temporären Ferienhotel für Familien reicht. Geboten wird unter anderem eine Betreuung von Kindern in häuslicher Umgebung, ein Service zur Ausrichtung attraktiver Geburtstagsfeste für Stadtteilbewohner oder – ein Züricher Projekt – die 24 Stunden rund um die Uhr ansprechbare „Störerzieherin“, die nach Hause kommt und für einen gewünschten Zeitraum beispielsweise die gestreßten Eltern eines mehrfachbehinderten Kindes entlastet und in den Kurzurlaub schickt.

Erzieherinnen als soziale Unternehmerinnen: Dieses Modell überträgt sich, so die Aussagen Beteiligter, auf die Kinder. Das Leben in der Kindertagesstätte wird spannender, wenn Kinder selbstgebackenen Kuchen im Catering Service anbieten oder Regenwürmer für den nächsten Kleingärtner züchten, sich dies vergüten lassen, zu investieren lernen und Rücklagen bilden. Es ist ein Spiel nicht mit Spiel-, sondern mit Ernstzeug; es wird in Realsituationen gelernt, in einem Prozeß des forschenden, entdeckenden, Irrtümer tolerierenden Lernens. 200 Jahre lang – seit Fröbel – hätten dessen Nachfolger, so ein Kommentar in der Zeitschrift „klein und groß“, Kinder aus Sorge vor Kinderarbeit und -ausbeutung zum Spielen verurteilt und über die Maßen verkindlicht. Nun sei es an der Zeit, sich um die Rekonstruktion eines kindgemäßen Arbeitsbegriffs zu bemühen und Kindern die Chance zu geben, an Tätigkeitsfeldern der Erwachsenen mehr als bisher teilzuhaben: Entrepreneurship ist nicht Kinderarbeit, sondern ein Spiel, das Leidenschaft erzeugen kann, das nicht monoton ist, sondern für überraschende Momente sorgt und Erfindungsgeist freisetzt.

 

 

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