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Das Zeitalter der neuen Bescheidenheit – Ausblick für Entrepreneurship


Werden nach und nach die Armen reich und die Reichen arm? Herrscht nun weltweit Sozialdarwinismus? Nein. Indessen: Die harte Arbeitsleistung der Länder des Südens erhält endlich ihre Chance. Und: Wenn alle auf der Welt den Standard der Europäer wollten, bekäme ihn niemand. Unser Planet läßt das nicht zu. Der Standard und Ressourcenverbrauch der reichen Länder liegt zu hoch.

Es gilt, beim relativen Abstieg – statt in Wut und Fremdenhaß zu verfallen – die Qualität intelligenter Askese zu entdecken. Und auch für die Aufsteigenden ist – freiwillig oder veranlaßt – Müßiggang vonnöten. Die Tage der Zügellosigkeit im Umgang mit natürlichen Ressourcen sind gezählt. Markt muß man nicht so verstehen, daß immer neue Bedürfnisse herausgekitzelt werden und wir Sklaven einer sich rascher drehenden Konsumspirale werden. Markt birgt die Chance des aufgeklärten und sparsamen Umgangs mit knappen Ressourcen.

Gefragt sind qualitativ hochwertige, ausgereifte, einfache, langlebige Produkte. Gefragt ist maximale Qualität für die Hose, die Waschmaschine, die elektrische Birne, den Fernsehapparat. Modernstes Wissen ist notwendig, um einfachste Lösungen zu finden und nicht ständig Hightech-Schrott zu produzieren. Nicht das wechselnde Äußere, vielmehr der Kern des Produkts ist wichtig. Nicht auf die Akkumulation von Hightech kommt es im Leben an, sondern auf High Quality. Gefragt sind Gerätschaften hochentwickelter Einfachheit, die nicht nur lange – möglichst lebenslang – halten, sondern so gebaut sind, daß sie kostensparend gepflegt und repariert werden können. Wer weniger kaufen muß, kommt auch mit weniger Verdienst aus. Intelligente Askese bedeutet, sich lieber einmal ein erstklassiges Produkt zu kaufen als nacheinander viele zweitklassige, bedeutet, davon entlastet zu sein, in kürzer währenden Abständen nach Neuem zu gieren, nur weil die Produktfassade out und eine neue in sein soll. Es ist das in seiner Grundkonzeption so einfache wie hochentwickelte Auto, das ohne fossile Energiequellen auskommt, und dessen auf Wiederverwendung angelegte Verschleißteile in großen Abständen und mit leichten Handgriffen ausgetauscht und überholt werden können. Verblassen würde dann die in Schrottbergen mündende Vorstellung, ständig „neue“ Automodelle mit veränderten Marginalien in Serie zu geben.

Wenn Jugendzeitschriften der „Bravo“-Art sich im wesentlichen damit befassen, was in und was out ist, wenn Lehrer das Phänomen modischer Obsoleszenz nicht zum hartnäckigen Thema machen, wenn Eltern vor ihren Masters of the Universe-, Turtles- oder Nintendo-fixierten Kindern kapitulieren, dann ist angesagt, was der Brasilianer und große Pädagoge Paulo Freire mit conscientizacäo meint, ein Bewußtwerdungsprozeß, bei dem Erwachsene sich und ihre Kinder davon überzeugen, daß Lebensqualität nicht durch die Anhäufung von immer mehr Hightech-Produkten zustandekommt, sondern beispielsweise dadurch, daß Menschen die neue Sprachlosigkeit überwinden, Nachbarschaften wiederentdecken, Gefühle ausdrücken oder künstlerisch und unternehmerisch tätig werden. Unternehmer als daseinsbereichernde Künstler schaffen keine Müllhalden, treiben die Warenproduktion nicht hoch, sondern tummeln sich in nicht-zerstörerischen Bereichen.

Die Europäer, in den langen Zeiten der Prosperität zu Prassern geworden, könnten auf einem Markt der Vielfalt und Vernünftigkeit mit gutem Beispiel vorangehen. Auf dem Weg zu mehr Schlankheit könnten sie, aus ihrer Kultur schöpfend, zu Erfindern und Förderern jener Produkte und Dienstleistungen werden, die der Überproduktion und dem Verschleiß von Ressourcen Einhalt gebieten, so, daß Lebensqualität nicht geschmälert, sondern erhöht wird.

Wäre das Handeln der Europäer stärker von dieser Klugheit geprägt, könnten die Menschen der aufstrebenden, noch von Nachwirkungen des Kolonialismus gezeichneten Länder auch leichter die Reste jenes inferiority complex abstreifen, der sie in die Konsumspirale und die Fixierung an westliche Vorbilder treibt. Die nicht-europäischen Kulturen enthalten genug Potentiale, um Lebensqualitäten von je besonderer Art und Attraktivität zu entwickeln, so daß unternehmerische Initiative der Zukunft im tertiären, aber auch – man denke an Philosophie und Religion – im quartären Sektor aus der kulturellen Vielfalt schöpfen und ihr dienen könnte. Da tauchen dann Perspektiven auf, die faszinierender sein können als bisherige Leitsätze von der Art meines ist größer als deines“ oder „auch haben“. Intelligente Askese bedarf der Bildung, des umfassenden Weltverständnisses, des Ziels, sein eigenes Leben zu unternehmen, zu sich selber zu finden und neugierig auf Reisen zum Mittelpunkt der Welt zu sein.

Unternehmer, die sich der Einsicht von der Endlichkeit natürlicher Ressourcen beugen, sind nicht weg vom Markt, sondern vorne dran, wenn sie sich auf die Entwicklung einer so verstandenen High Quality konzentrieren. Sie können dabei auf die Dialektik der Aufklärung setzen, auf das wachsende Unbehagen jener noch an Verschleiß glaubenden Kunden, die wenigstens schon an der Wiederverwendung von Verpackungen interessiert sind und darüber informiert werden können und wollen, wo sie jeweils das beste aller Produkte erwerben und mit ihm möglichst lebenslang zufrieden sein können.

Die Sackgasse, aus der wir herausfinden müssen, ist bekannt: Auch bei noch höherem Konsum würde es immer weniger Arbeitsplätze geben, weil immer perfektere Maschinen immer mehr menschliche Arbeit übernehmen. Gefragt sind unternehmerische Initiativen in anderen Bereichen, Initiativen von Künstlern, einfallsreichen Wissenschaftlern, Philosophen und Querdenkern. Sie müßten jene Nieten ablösen, die nicht nur wettbewerbsscheu, sondern auch noch mausgrau in ihren Vorstellungen darüber sind, wie man die Welt so gestalten könnte, daß sie nicht zum zivilisatorischen Schrottplatz wird. Gesucht ist der Citoyen als Unternehmer und Künstler. Er kann von der Sozialkultur der Armen lernen, von dem, was Jean Ziegler den Sieg der Besiegten genannt hat, kann verlorengegangene soziale, emotionale und intellektuelle Qualitäten zurückgewinnen, sich und anderen sinnstiftende Tätigkeiten ermöglichen. Intelligente Askese setzt nicht einfach auf Verzicht, sondern auf die ideenreiche Umgestaltung unserer Lebensgrundlagen durch eine culture of entrepreneurship.

Europa im Niedergang? Die Krise enthält die Chance der Läuterung. Wir, weiter unten angekommen, würden nicht nur weniger verdienen, sondern auch weniger bezahlen und hätten mehr Zeit für eine vergnügliche und produktive Bescheidenheit.

 

 

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