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Das Schicksal der Industrienationen


Viele große Ökonomen der Vergangenheit haben dem Schicksal des Kapitalismus ein tragisches Ende prophezeit. So sprach Adam Smith von der Sättigung der Nachfrage und der Degenerierung der Arbeitskraft, Karl Marx von der Entfremdung der Arbeiterklasse, Keynes von anhaltender Unterbeschäftigung und Schumpeter von der Verkommenheit und dem Ende der Kultur Immer wenn ich über die verschlüsselte Bedeutung nachdenke, die uns mit diesen Worten übermittelt worden ist, denke ich, daß Japan, wie alle anderen Industrienationen auch, das gleiche Schicksal ereilen wird wie das Römische Reich, das als Ergebnis seines Überflusses triumphierend seinem Untergang entgegenging.

Wir, die verantwortlichen Führungskräfte der Industrienationen der Welt, dürfen jedoch der Erde nicht erlauben, ebendieses Schicksal des Römischen Reiches zu teilen. Ich glaube, daß der Schlüssel, der uns dazu befähigen wird, das zu vermeiden, Management und Innovation heißt.

Einfach ausgedrückt ist es, wie Sie es schon in »The Postcapitalistic Society« (dt. »Die Postkapitalistische Gesellschaft«) andeuteten, durch die Anwendung von Wissen, mit der beständig Innovation geschaffen wird, und durch die zunehmende Produktivität des Managements möglich, alle Mitglieder einer Organisation dazu zu bewegen, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und die Organisation so zu einer sozialen Einheit zu machen, die ihrerseits das Ziel hat, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Ich glaube, daß dies die effektivsten und die einzig denkbaren praktischen Methoden sind, um unsere fortschrittlichen Nationen vor Niedergang und Dekadenz zu bewahren, und daß dies die Themen höchster Priorität sind, deren Erfüllung in der Verantwortung der Führungskräfte liegt.



Wirtschaftsunternehmen und gemeinnützige Organisationen

Wenn wir diese Argumentation bis an ihr logisches Ende verfolgen, müssen sich Wirtschaftsunternehmen mehr und mehr gemeinnützigen Organisationen annähern, um zu sozialen Einheiten zu werden, die einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Die Bedeutung von Organisationen dagegen, die nicht diesem gemeinnützigen Typus entsprechen, muß in Zukunft in dramatischen Ausmaßen abnehmen. In Japan hat sich dieses Konzept der gemeinnützigen Organisationen noch nicht durchgesetzt, und es bleibt im unklaren, was zu seiner Etablierung als Vorbild dienen soll. Insbesondere die rein privaten gemeinnützigen Organisationen in meinem Land sind bislang nicht über das Anfangsstadium hinausgelangt. In Ihren zahlreichen Veröffentlichungen haben Sie Ihre Gedanken zu diesem Thema schon mehrfach geäußert. Deshalb habe ich vollstes Verständnis dafür, daß es Sie extrem langweilen muß, die Bedeutung von Innovation für das Bestreben, den Niedergang der Gesellschaft zu verhindern, zu erläutern. Ich glaube jedoch, daß dies von großer Bedeutung wäre sowohl für die japanischen Führungskräfte, die trotz ihrer gewöhnlichen Erstklassigkeit unter der wirtschaftlichen Talfahrt leiden und beginnen, sich nach der Vergangenheit zu sehnen, als auch für die jungen Menschen, die in die Zukunft blicken und sich mehr und mehr darauf vorbereiten müssen, sich auf eine neue Vision der Zukunft einzustellen. In der Hoffnung, hier einen Weg zu sehen, mit dem man die Industrienationen davor bewahren kann, die gleichen Fehler zu begehen wie das Römische Reich, möchte ich Sie fragen, was Wirtschaftsunternehmen Ihrer Meinung nach hinsichtlich ihrer Innovationsleistungen und ihres Managements von gemeinnützigen Organisationen lernen können.



Der Zusammenbruch des Römischen Reiches

Lieber Herr Nakauchi, Sie fragen, was Gesellschaften tun können und müssen, um zu verhindern, daß sie das gleiche Schicksal ereilt wie das Römische Reich, dessen Gesellschaft sich so weit aufspaltete, daß die Barbaren die Macht ohne großen Widerstand übernehmen konnten.

Wie der Zusammenbruch dieses Imperiums erklärt werden kann, ist eine alte Frage, die schon einige der berühmtesten Denker des Westens beschäftigt hat. Es ist wirklich eine schwierige und rätselhafte Frage. Zweihundertfünfzig oder dreihundert Jahre lang, von der Zeit des Augustus im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt bis in das 4. Jahrhundert hinein war das Römische Reich vermutlich das stabilste und friedvollste politische System, das die Welt jemals gesehen hatte. Tatsächlich hat es, wie immer wieder geschrieben wird, vermutlich keinen anderen Zeitabschnitt in der Menschheitsgeschichte mit einer so langen Periode des Friedens, des Wohlstandes und der Sicherheit gegeben (obwohl diejenigen, die dies sagen, noch nichts über die Tokugawa-Zeit, 1603-1867, in Japan gehört zu haben scheinen). Nur ein Jahrhundert bevor die Barbaren das Römische Reich überrannten, erneuerte die römische Gesellschaft sich auf spektakuläre Art und Weise, als sie das Christentum übernahm. Und Rom hatte bis zu dem Moment, als die Barbaren eintrafen, das produktivste intellektuelle Leben vorzuweisen – bereits im ersten Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts wurde von den Philosophen und Theologen, die das griechische Erbe der klassischen Antike, und besonders Platons, mit der christlichen Spiritualität verschmolzen, der Grundstein für die heutigen westlichen Zivilisationen gelegt. Und dennoch, als die Barbaren die militärischen Schutzwälle des Reiches überrannten, hieß die Bevölkerung in den meisten Gebieten sie sogar willkommen – oder duldete sie zumindest. Es hat viele Versuche gegeben, dieses Phänomen zu erklären –jeder Ansatz findet eine andere Erklärung. Keiner jedoch ist völlig überzeugend.

Die Schlußfolgerung, die die Geschichtsphilosophen daraus gezogen haben – die herausragenden Beispiele in jüngerer Zeit sind (im 19. Jahrhundert) der Schweizer Jakob Burckhardt sowie (Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts) der Engländer Arnold Toynbee –, ist simpel: Ihrer Meinung nach gibt es natürliche Lebenszyklen von Zivilisationen und Gesellschaften, die ebenso wenig umkehrbar oder wenigstens aufzuhalten sind wie das Altern des Menschen.

Wenn man diese Philosophie akzeptiert, ist es nicht sehr sinnvoll zu fragen, was eine Gesellschaft tun kann, um sich selbst zu erneuern. Die richtige Frage lautet dann vielmehr: »In welchem Stadium des Lebenszyklus der Gesellschaft befinden wir uns gerade?«

Heute würde die Antwort auf diese Frage sicher nicht besonders optimistisch klingen. Es gibt keinen Zweifel, daß die Gesellschaft der »entwickelten« Länder der Erde sich in einer Situation befindet, die von ernsthaftem Streß und Druck gekennzeichnet ist. In vielerlei Hinsicht könnte man sagen, daß der Informationsüberfluß für die heutige Gesellschaft das ist, was die Barbaren für das Römische Reich bedeuteten. Er löst bestehende, traditionelle Gemeinschaften auf, Familien und Kleinstädte beispielsweise, und er relativiert verwandtschaftliche Verhältnisse.

 

 

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