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Annäherung an das Realitätsprinzip Aus der Höhe betrachtet – Ausblick für Entrepreneurship


Man nehme einen Thron, stelle ihn auf den Hügel einer hundertfünfzigjährigen Geschichte der Industrialisierung und betrachte die Welt. Zu sehen sind: Niedriglöhne. Niedriglöhne sind vor allem dann niedrig, wenn man die Welt vom Westen her zu begreifen versucht. Wir leben unter extrem privilegierten Bedingungen. Westliche Industrielöhne sind im globalen Maßstab eine große Ausnahme. Müßten sie auf dem Weltmarkt ausgehandelt werden, würden sie um vieles bescheidener ausfallen. Immerhin würden unsere Lohneinbußen zu Lohnerhöhungen bei den Armen führen. Die Vorstellung, daß wir unsere Standards weltweit setzen oder halten könnten, ist schon aus ökologischen Gründen illusionär, würde die Ressourcen überfordern und wäre ein imperialer Akt ohne Verständnis dafür, daß es andere Kulturen mit anderen, gleichwertigen Lebensformen und ihnen immanenten, anderen Entwicklungschancen gibt. Die Welt wird nicht daran genesen, daß alle sich einer zunehmend beschleunigenden, überbordenden, ausufernden Konsumtion anheimgeben und Hedonismus mit der Quantität und Geschwindigkeit des Warenverbrauchs gleichgesetzt wird, eher schon daran, daß wir selbst vom Thron geholt und zu neuer Askese angehalten werden.

Die Verwirklichung der – westlichem schlechtem Gewissen entspringenden – Forderung, Menschen sollten für die gleiche Arbeit den gleichen – westlichen – Lohn erhalten, würde einem massiven planwirtschaftlichen Eingriff in regionale Wirtschaftssysteme gleichkommen, die Ökonomie vieler Länder schweren Turbulenzen aussetzen und ihren Kollaps bewirken. Wenn man diese Forderung auch nur gedanklich weiterspinnen will, wäre nicht die deutsche Industriestadt, sondern besser das indische Dorf zum Maßstab zu nehmen. Die Lebensbedingungen dort gleichen den Lebensbedingungen von achtzig Prozent der Weltbevölkerung. Das indische Dorf entspricht eher dem Weltdurchschnitt und wäre auch ökologisch ein gutes Vorbild. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Nun gut, dann aber nach indischen, nicht nach deutschen Maßstäben, dort liegt die Mitte der Welt, und wir kämen dem Realitätsprinzip schon viel näher.

Die in den aufkommenden Industrien der Dritten Welt gezahlten Niedriglöhne sind als Stundenlöhne in ihrem Umfeld Höchstlöhne, verglichen mit landwirtschaftlichen Löhnen oder den Löhnen des informellen Sektors. Löhne in exportierenden Betrieben dieser Länder sind – darauf gibt es deutliche Hinweise – höher als in Betrieben, die nur für den Binnenmarkt arbeiten. Die Orientierung am Weltmarkt ist auch für die Arbeitnehmer von Vorteil. Die Löhne sind adäquater Ausdruck der dortigen Ökonomie. Diese Ökonomie hat eine andere Geschichte und ist Ausdruck einer anderen Kultur. Die Höhe des Lohns ist ein, aber kein zureichender Indikator für die Leistungsfähigkeit dieser Ökonomie. Eine Ökonomie beispielsweise, die als family business oder als die Ökonomie eines Dorfes betrieben wird, in dem fast jeder mit jedem verwandt ist, die Ökonomie der chinesischen Clans jenseits von China, läßt sich mit westlichen Maßstäben nur unvollkommen erfassen.

Entscheidender aber ist, daß Niedriglöhne sich zur wichtigsten Waffe der Dritten Welt gegenüber den Industrienationen entwickelt haben. Der christlich motivierte Satz »wir dulden nicht mehr, daß Menschen in der Dritten Welt für einen Hungerlohn arbeiten, damit bei uns die Bastkörbe und T-Shirts zu Schleuderpreisen zu haben sind«, würde, auch nur mit einiger Konsequenz umgesetzt, auf den Versuch einer Entschärfung dieser Waffe hinauslaufen. Nein, schmerzhafter für uns, aber besser für sie ist der Weg über den Markt.

Wenn Westdeutschland in den fünfziger Jahren zunächst selbst als Niedriglohnland startete und in den sechziger Jahren dann angesichts des Mangels an Arbeitskräften Migranten anwarb, handelte es in zweierlei Hinsicht problematisch:

Erstens wurde ein Millionenheer von Menschen entwurzelt und nur mühsam im Aufnahmeland integriert, zweitens entging den abgebenden Ländern der technologische Schub, den eine in Teilen ausgelagerte deutsche Industrie dort bewirkt hätte.

Die These, daß moderne Maschinen mit einfacher Bedienung Menschen in armen Ländern dequalifizieren, sollte besser andersherum formuliert werden: Eine einfache Bedienung auch komplizierter Maschinen wird gerade zum Vorteil für die Entwicklungsländer, weil sie wegen ihrer Lohnstrukturen Standortvorteile aufweisen. Die Zeiten, daß Deutschland und die westliche Welt eine höhere Produktivität aufwiesen und daraus ein höheres Lohnniveau ableiteten, laufen aus. Weder sind unsere Maschinen besser noch unsere Ingenieure. Eine Textilmaschine von Schubert und Salzer unterscheidet sich in Preis, Qualität und damit verbundenen Serviceleistungen kaum noch von einer Textilmaschine aus Japan, Südkorea oder Singapur. Sie alle werden weltweit angeboten. Die Ingenieure und Wartungsspezialisten müssen heute nicht mehr aus dem Westen kommen, sie können genauso gut aus Indien oder China stammen. Sie sind preiswerter zu haben und oft auch noch schneller dazu. Daß unsere Produktivität stets höher gehalten werden kann als anderswo, ist nicht selbstverständlich und könnte eines Tages zu den Geschichten aus der Vergangenheit gehören.

 

 

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