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Also ist doch etwas dran an der These von der „neuen Armut“ und vom Auseinanderdriften zwischen reich und arm?


Nochmal aus einem anderen Blickwinkel: Was an der eigentlich falschen Behauptung wahr ist – und einiges daran ist in einem ganz bestimmten Sinne wahr -, das ist nicht die Folge von Kapitalismus oder Marktwirtschaft, sondern die Folge der Trennung der Lebensbereiche in eine sozialistische und eine kapitalistische Wirtschaft. Etliche Reiche können es sich leisten, in einer überwiegend kapitalistischen Welt zu leben, in der die Märkte frei sind; oder sie können wenigstens ihr Einkommen dorthin verlagern, wo sie weniger oder gar nicht besteuert werden. Das sei ihnen gegönnt. Bedauerlich ist nur, daß die meisten anderen in einer mehr sozialistischen Welt leben müssen: Sie arbeiten auf regulierten halb- bis dreiviertelsozialistischen Arbeitsmärkten, wo sie weder darüber entscheiden dürfen, wann und wie lange sie arbeiten – noch zu welchem Preis und zu welchen sonstigen Bedingungen; sie leben in halbsozialistischen Wohnungen (Sozialwohnungen oder mietpreisregulierten Immobilien), müssen ihr Lebenseinkommen zur Hälfte oder mehr in sozialistische Sozialversicherungssysteme – inklusive sozialistisches Rentensystem – und in den Fiskalsozialismus stecken; sie müssen ihre Kinder auf sozialistische (öffentliche, staatliche) Schulen schicken, und sie sitzen den Verlockungen einer sozialistischen Politik (Sozialstaat) auf, die völlig falsche Anreize setzt und immer weiter in die Abhängigkeit und Unmündigkeit führt. Die Ineffizienz und Verschwendung, die Knebelung und Ausbeutung durch den halb-bis dreiviertelsozialistischen Sozialstaat und Maximalstaat sind es, welche der besagten Parole eine gewisse Berechtigung geben. Der spezifische Wahrheitskern, der darin steckt, ist nicht Schuld oder Folge des Kapitalismus, sondern der Tatsache, daß der Sozial-, Interventions- und Umverteilungsstaat die meisten Menschen zwingt, in einer halb- bis dreiviertelsozialistischen Ökonomie zu leben und zu arbeiten.

Das bedeutet aber nicht nur eine gewisse Schwächung der materiellen Situation der Bürger, sondern kann zur Gefährdung der Existenz für die gesamte Menschheit werden. Die moderne Zivilisation – also Fortschritt, Freiheit, Wohlstand, ja Leben und Überleben der neuzeitlichen Milliardenzahlen an Menschen – basiert auf der Arbeitsteilung. Ab einem bestimmten Sozialisierungsgrad, man kann auch sagen: ab einer bestimmten Staatsquote (Steuer- und Abgabenlast der Bürger, sowie Ausgabenvolumen des Staates), die nebenbei bemerkt in Deutschland mit rund 50% längst überschritten ist, driften die Netto-Arbeitsentgelte der Arbeitnehmer (wegen der Abzüge und Abgaben) und die Brutto-Arbeitskosten der Arbeitgeber ( wegen derselben Abgaben) so weit auseinander, daß der Bürger in eine Lohnschere von gewaltigem Ausmaß gerät. Er muß dann für jede von ihm in Anspruch genommene fremde Arbeitsstunde – z. B. für die eines Handwerkers – ein Mehrfaches an eigenen Arbeitsstunden leisten. Bei einer Staatsquote von über 50% muß beispielsweise in Deutschland derzeit für jede in Anspruch genommene fremde Arbeitsstunde der Nettoverdienst von fünf eigenen (gleichwertigen!) Arbeitsstunden geopfert werden. In einigen Bereichen hat sich diese Schere sogar bis zu einem Verhältnis von eins zu sieben geöffnet. Das bedeutet aber letztlich nicht mehr und nicht weniger als daß die Arbeitsteilung allmählich sinnlos wird. Ein Symptom dafür ist der Boom der Schwarzarbeit und der do-it-yourself- Heimwerkerei. Außerdem bleibt ein Riesenbedarf der Bürger an Dienstleistungen ungedeckt. Die Menschen ersticken auf diese Weise einerseits in einem Meer von technischen Apparaten (die der hochproduktive Kapitalismus erzeugt) und verarmen andererseits an dringend benötigten oder erwünschten Diensten (die der hochdestruktive Sozialismus verhindert). Das ist – soweit man überhaupt davon sprechen kann – die „neue Armut“. Und das ist zugleich der Weg in die Entzivilisierung, in Barbarei und Niedergang, und schließlich – wenn der Vorgang nicht gestoppt wird – sogar in Massenelend und Massentod. Aber das sind, wie gesagt, ganz andere Aspekte als diejenigen, die uns üblicherweise mit den Schlagworten von der „neuen Armut“ und dem „reicher und ärmer werden“ vorgegaukelt werden – und die allesamt falsch sind.

 

 

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