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Absichtliche Einschüchterung


Wirtschaftsbestseller wie Mean Business, Albert Dunlaps Geschichte über die Vorteile des Personalabbaus, wie er ihn bei Scott Paper und Sunbeam durchführte, und Only the Paranoid Survive, Andrew Groves Beschreibung über die Managementphilosophie und Unternehmenskultur bei Intel, zeigen, dass es immer noch Führungskräfte und Unternehmen gibt, die Angst, Misstrauen und Bosheit als erstrebenswerte Managementpraktiken ansehen. Die Tatsache, dass diese Bücher so erfolgreich sind, deutet darauf hin, dass diese Meinung viele Anhänger hat. Dunlap, der auch unter dem Spitznamen »Kettensägen-Al« bekannt ist, galt an der Wall Street eine Zeit lang als Management-Genie. An dem Tag, als er die Führung von Sunbeam übernahm, stiegen die Sunbeam-Aktien um 49 Prozent. Im ersten Vierteljahr nach seiner Ernennung legten die Aktien um 63 Prozent zu. Die Wirtschaftspresse liebte ihn für seine drastischen Methoden und sein offenes Eintreten für die Aktionärsinteressen. Auch die führenden Wirtschaftsuniversitäten zählten zu seinen Anhängern. Er hielt oft Vorträge an großen Hochschulen wie Chicago, Northwestern, Harvard, Wharton, Florida und Florida State.4 Vom Journal of Business Strategy wurde Dunlap als zukunftsträchtiger Geschäftsstratege bezeichnet. Dunlaps Managementansatz bestand darin, Angst unter seinen Mitarbeitern zu verbreiten. Das Wall Street Journal berichtete, dass »Dunlap berüchtigt dafür war, Untergebene anzubrüllen, die ihm unangenehmen Neuigkeiten brachten«. Bei einem Vortrag an der Universität von Chicago »erntete er von den über 400 Betriebswirtschaftsstudenten großes Gelächter, als er beschrieb, welchen Spaß es ihm gemacht hatte, in einem maroden Unternehmen, dessen Leitung er übernommen hatte, den Angestellten, der für die Schaffung eines angenehmen Arbeitsklimas verantwortlich war, und zehn der elf Mitglieder des Managementkomitees zu feuern«. Dunlap selbst äußerte sich oft über die Wirksamkeit von Angst und Einschüchterung am Arbeitsplatz. Seine Reformstrategie fasste er wie folgt zusammen: »Wie übernimmt man als Außenstehender die Kontrolle in einem widerspenstigen Unternehmen? ... Ich baue nicht auf dem Vorhandenen auf .. . Ich bringe alles zum Einstürzen und beginne von vorne. Selten kann ich in alten Strukturen etwas Gutes erkennen. Wenn es etwas Gutes gäbe, bräuchten sie mich nicht ... Bei Scott entließ ich 70 Prozent des Managements. « Dunlap schien auch sehr stolz auf die Geschichte zu sein, wie er eine Führungskraft bei Scott Paper demütigte: »In meiner ersten Woche bei Scott Paper rief ich alle Mitglieder des Top-Managements zu einer Besprechung zusammen . . . Ich wollte mir die oberste Führungsriege näher ansehen. Jeder musste aufstehen und mir erklären, was er für das Unternehmen tun werde. Einer erhob sich und zählte auf, was er bereits für das Unternehmen getan habe. „Es ist mir völlig egal, was Sie getan haben“, unterbrach ich ihn. Ich wollte ein Exempel an ihm statuieren. „Ich will wissen, was Sie für mich tun werden, jetzt und in Zukunft. Er schaute mich sprachlos an. Darauf hin ich nicht vorbereitet, erwiderte er schließlich. Dann setzen Sie sich, sagte ich.« Mittlerweile brachte sich Dunlap selbst in Misskredit, da aufgrund der Rudibaltin-1gs- und Leistungsprobleine bei Stinhearn der Aktienpreis um mehr als 80 Prozent fiel. »Die zweijährige Amtszeit von Dunlap verwandelte das Unternehmen [Sunbeam] in einen Scherbenhaufen und brachte eine Untersuchung durch die Börsenaufsichtsbehörde, einen Haufen an Klagen von Aktionären und finanzielle Ergebnisse des Jahres 1997, die niemandem gefallen.« Wie im dritten Artikel anhand von Beispielen wie Burgess Winter bei Magma Copper und Annette Kyle bei Bayport Terminal erörtert, sind dramatische Veränderungen in Unternehmen, die sich gedankenlos auf alte und unproduktive Arbeitsmethoden stützen, oft unerlässlich. Doch Führungskräfte wie Kettensägen-Al nutzen einen gleichermaßen gedankenlosen Ansatz, wenn sie sämtliche Elemente der Vergangenheit für schlecht erklären und so viel Angst verbreiten, dass Mitarbeiter es nicht wagen, neue Verfahren vorzuschlagen oder auszuprobieren. Während die Wirtschaftspresse und Börsenanalytiker wie Andrew Shore von Paine Webber Dunlap noch für seine Fähigkeiten und Errungenschaften bei Sunbeam lobten,10 nannte ihn Managementautor Tom Peters, ein großer Verfechter der Abschaffung bürokratischer Strukturen, einen »rückschrittlichen alten Mistkerl«, der das Leben der Angestellten und die Unternehmen ruiniert: »Ich möchte ganz deutlich und unmissverständlich klar machen, dass ich kein Anhänger der Al Dunlaps dieser Welt bin, die alles zerstören, einen Großteil der entstehenden Profite einsacken und sich dann das nächste Opfer suchen. Al Dunlap ist ein Gangster in Nadelstreifen, und ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Sie mich diesbezüglich zitieren und noch ein paar Schimpfwörter hinzufügen. Ich trete für die Idee ein, etwas zu zerstören, um etwas Besseres zu erschaffen.« Dunlap hat seinen guten Ruf zwar inzwischen verspielt, doch Andrew Grove, Vorstandsvorsitzender und früherer Chef von Intel, bleibt eine von Wirtschaftspresse und Universitäten verehrte Management-Ikone. Groves Äußerungen über die Rolle von Angst und Druck am Arbeitsplatz sind sehr aufschlussreich: »Der Qualitätsguru W. Edwards Deming spricht sich für das Abschaffen der Angst aus ... Mir ist dieser Standpunkt etwas zu naiv. Die wichtigste Aufgabe eines Managers ist es, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der Angestellte voller Leidenschaft und Hingabe daran arbeiten, als Sieger aus der Konkurrenz hervorzugehen. Mit Angst lässt sich diese Leidenschaft hervorragend wecken und aufrechterhalten.« Härte und »Motivation« durch Angst vor Fehlern scheint ein integraler Bestandteil des Managementansatzes von Intel zu sein. Das Unternehmen behandelte viele Mitarbeiter, besonders ältere, so schroff, dass sich eine Gruppe namens FACE-Intel bildete. FACEIntel besteht sowohl aus ehemaligen als auch derzeitigen Angestellten des Unternehmens und dokumentiert auf einer eigenen Website die unfeinen Managementpraktiken von Intel. Intel sperrte den Zugang zu dieser Website von allen firmeninternen Computern, und Angestellte müssen mit der Kündigung rechnen, wenn sie beim Besuch der Website erwischt werden. Es gibt Anzeichen, dass aufgrund des momentanen Fachkräftemangels einige Unternehmen versuchen, sich bei ihren Angestellten »einzuschmeicheln«. Damit soll eine Vergangenheit rückgängig gemacht werden, in der die Mitarbeiter immer wieder zu hören bekamen, dass sie ersetzbar und auf sich selbst gestellt wären. Wie ernsthaft derartige Annäherungsversuche auf Dauer gemeint sind, wird sich erst noch zeigen müssen. Sobald der Arbeitskräftemangel zurückgeht, werden wohl viele der Unternehmen zu ihren alten, niederträchtigen Methoden zurückkehren. Der Standpunkt, Mitarbeiter gut zu behandeln und zu schätzen, gilt leider immer noch in vielen Unternehmen als Zeichen von Nachgiebigkeit und fehlendem Geschäftssinn.

 

 

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