Economia48 Projekt Wirtschaftslexikon Management Lexikon Lexikon Wirtschaft
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

Aber die Spielregeln sind doch schon dann ungleich, wenn einer der Spieler zu schwach ist, um mitspielen zu können.


Nein; das ist Sprachverwirrung. Greifen wir nochmal auf unser Fußballbeispiel zurück. Man stelle sich ein Spiel vor, bei dem für jeden Spieler andere Regeln gelten würden, je nach Körpergröße, Ausdauer, Alter, Ausbildungszeit, Erfahrung, Herkunft usw. Das Ergebnis eines solchen „Spiels“ wäre Chaos und Streit. Am Ende würden sich die Spieler gegenseitig beschuldigen und verprügeln – und wahrscheinlich würden alle zusammen noch den Schiedsrichter erschlagen. Ja, das Spiel könnte überhaupt nicht stattfinden, weil nach jeder Ballberührung ein Einspruch zu erwarten wäre, der zunächst in langwierigen Gerichtsverhandlungen geklärt und entschieden werden müßte. Die Tatsache, daß es sich bei den Spielern stets um ungleiche Menschen mit ungleichen Lebenshintergründen handelt, macht nicht die Spielregeln „ungleich“, sondern gibt dein Spiel erst einen Sinn. Nur wenn Ungleiche nach gleichen Regeln spielen, kann es überhaupt ein Spiel geben. Alles andere wäre bestenfalls ein befohlener oder mechanischer Ablauf, bei dem das Ergebnis vorgegeben wäre und von vornherein feststehen würde. Und weil dann irgendjemand das Ergebnis eines jeden Spiels festlegen müßte, wäre das ganze Spektakel nichts als ein Aneinanderreihen von Willkürakten.

Allen Formen des Sozialismus geht es in Wahrheit auch gar nicht um Recht und Gerechtigkeit, sondern um möglichst gleiche Verteilung der Güter. Daß diese Gleichverteilung nur bei Vergewaltigung oder Beseitigung des Rechts und nur auf höchst ungerechte Weise zustande kommen kann, gilt dabei als unerheblich. Wenn man jedoch gleiche Verteilung als ,Gerechtigkeit` definiert, ist alles weitere Nachdenken über das Wesen des Rechts und der Gerechtigkeit ebenso überflüssig wie die hunderttausendjährige Bemühung des Menschengeschlechts um die Erkenntnis dessen, was recht und gerecht – und was unrecht und ungerecht ist. Gerard Radnitzky sagt es sarkastisch: „Derjenige, der die egalitaristische Forderung nach Gleichheit der Lebensumstände akzeptiert hat, bewertet die nivellierenden Maßnahmen als Forderungen der Gerechtigkeit’... So betrachtet, waren die kommunistischen Unrechts- und Terrorsysteme des vormaligen Ostblocks allesamt ein Hort der ‚realexistierenden Gerechtigkeit’.“ (Radnitzky 1996) Für die Gerechtigkeit der Verteilung der Güter oder der Ergebnisse des Güterproduktionsprozesses gilt selbstverständlich dasselbe wie für jedes andere Objekt des Rechts und der Gerechtigkeit. Wolfram Engels hat das wie folgt auf den Punkt gebracht: „Unter dem Gesichtspunkt der Ethik kann überhaupt nur eine Verteilungspolitik nach allgemeinen Regeln auch gerecht sein. Man mag sich über den Inhalt solcher allgemeinen Regeln streiten. Eine willkürliche Verteilungspolitik kann niemals als gerecht akzeptiert werden.“ (Engels 1995, S. 78) Noch kürzer definiert Gerd Habermann den für alle gesellschaftlichen Vorgänge (inklusive der Güter- und Einkommensströme) einzig zulässigen Gerechtigkeitsbegriff als „Gemeinsame Regeln und die Gegenseitigkeit des Marktes.“ (Habermann 1998) Nochmal: Außerhalb der überschaubaren Kleingruppe (Familie, Freunde etc.) kann es im gesellschaftlichen Leben nur die Regelgerechtigkeit (gleiche Spielregeln für alle) geben, niemals eine Ergebnisgerechtigkeit. Das liegt nicht nur daran, daß niemand für alle verbindlich feststellen kann, was eine gerechte Verteilung wäre – und daß sich auch unter den Gesellschaftsmitgliedern niemals ein Einvernehmen darüber herstellen ließe; auch liegt es nicht nur daran, daß die Menschen die zu verteilenden Güter ganz unterschiedlich bewerten und somit auch ganz unterschiedliche Vorstellungen von einer gerechten Verteilung haben, sondern noch mehr liegt die Unmöglichkeit einer Ergebnisgerechtigkeit daran, daß es völlig ausgeschlossen ist, alle notwendigen Daten der unzähligen und endlosen Leistungsprozesse zu kennen. Wenn wir das Wort ‚Verteilung’ hören, stellen wir uns einen Güterberg vor, der bereits vorhanden ist und nun verteilt wird. In Wirklichkeit müssen aber diese Güter erst hergestellt und durch Leistungen erbracht werden, und dieser Herstellungs- und Leistungsprozeß ist bereits wesentlicher Bestandteil der Verteilungsvorgänge. Sogar ein allwissender Computer, der die Abermilliardenfülle sämtlicher täglich im Wirtschaftsprozeß anfallenden Daten ermitteln, speichern und verarbeiten könnte, wäre dazu immer erst im Nachhinein in der Lage, wenn die Vorgänge – die nicht nur Produktions- sondern auch Verteilungsvorgänge sind – abgeschlossen wären. Und abgeschlossen sind sie niemals, weil sie alle ineinandergreifen und miteinander vernetzt sind. Das einzige System, das hier wenigstens näherungsweise so etwas wie Gerechtigkeit walten lassen kann, ist das anonyme Verteilungssystem des Marktes, auf dem alle Menschen gemeinsam – als Verbraucher, Sparer und Leistungserbringer –und ohne Ansehen der Person darüber befinden, was den einzelnen Teilnehmern an diesem dynamischen Prozeß als Äquivalent für ihre Leistung zufließen soll. Wenn es überhaupt in der Sphäre der Güterverteilung so etwas wie ein Maß für Gerechtigkeit geben kann, dann ist es der Grad an Freiwilligkeit der Vereinbarungen und Tauschakte, die den besagten Prozeß ausmachen. Und das Kriterium der Freiwilligkeit ist nirgendwo so weitgehend verwirklicht wie auf freien, unbehinderten Märkten. Letztlich entlohnt der Markt alle Menschen nach Knappheitskriterien, also nach Maßgabe ihres jeweiligen Beitrags zur Überwindung der Knappheit. Und weil die Beseitigung oder Verringerung von Knappheit das Motiv und das Ziel fast aller menschlichen Arbeit ist, kann man das Verteilungsgeschehen des Marktes nach der Maßgabe relativer Knappheitsüberwindung durchaus als so etwas wie das gerechteste aller (einer Gesellschaft überhaupt zur Wahl stehenden) Verteilungsprinzipien ansehen. Das gilt jedoch nur – ich muß es wegen seiner Bedeutung wiederholen -, wenn die Märkte frei und unbehindert sind. Sobald irgendeine Art von Politik oder von politischer Macht irgendwelche Marktteilnehmer oder Teile der Markträfte behindert und irgendwelche anderen begünstigt, geht dieser neutrale und annähernd „gerechte“ (weil von niemandem willkürlich beeinflußte) Charakter des Verteilungsprozesses verloren und macht einer zunehmend ungerechten Vertei1ung Platz. So wird z.B. hinsichtlich des gewaltigen Gefälles zwischen den Armen und den Reichen in Südamerika immer wieder von „Kapitalismus“ gesprochen. Aber das ist dummes Gerede. Die polit-ökonomische Filzokratie dieser Länder war vom Kapitalismus fast so weit entfernt wie der Sozialismus (dem sie auch in seinen seltsamsten Formen, wie bspw. dem Peronismus, lange genug verfallen waren.) Daß sich die dortigen Verhältnisse – auch im Zuge der Globalisierung – in jüngerer Zeit deutlich – in Richtung, mehr Marktwirtschaft’ –geändert haben, ändert nichts an den vorausgegangenen Mißständen.

 

 

Diese Seite als Bookmark speichern :

 

 

Weitere empfehlenswerte Webseiten:

Geisteshaltungen und Denkweisen - Entwicklung zur Größe

Nationale Grenzen und Regierungseinflüsse als Störfaktoren der Weltwirtschaft

Wettbewerbsvorteile und Eigeninteressen bei Allianzen

 

Startseite | Themen | Projekt | Kontakt | Impressum | Rechtliche Hinweise

1| 2| 3| 4| 5| 6| 7| 8| 9

Copyright © 2011 All rights reserved. Wissensarchiv für Wirtschaft