Economia48 Projekt Wirtschaftslexikon Management Lexikon Lexikon Wirtschaft
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

Ökologie und Entrepreneurship – Das Netz weiter werfen


„Wenn Entwicklungsländer den westlichen Lebensstandard und Verbrauch zum Vorbild nehmen, dann hält das unser Planet ökologisch nicht aus.“ – Was bedeutet dieser Satz für Entrepreneurship?

Stand die Wachstumskritik am Ausgangspunkt der Umweltbewegung, so haben sich die Akzente heute verschoben.2 Unter dem Druck des ökologischen Protests wurden in den Industriegesellschaften des Nordens gewaltige Beträge in Filteranlagen, Klärwerke und die Abfallwirtschaft investiert – mit dem Ergebnis, daß die Luft hierzulande tatsächlich wieder klarer, die Flüsse sauberer geworden sind und die Abfallawine in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt wurde. Gleichzeitig hat die Industrie den Energie- und Ressourcenverbrauch als ökonomisches Einsparpotential entdeckt – effizientere Techniken und Recyclingverfahren haben dazu geführt, daß Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch partiell entkoppelt wurden. Die Exploration wirtschaftlich erschließbarer Rohstoffe wuchs schneller als ihr Verbrauch – entsprechend rückte der vorhergesagte Zusammenbruch der industriellen Zivilisation mangels Nachschub natürlicher Ressourcen wieder in die Ferne.

Daraus wurde die Konzeption eines „nachhaltigen Wachstums“ geboren: Permanente technische Innovation soll den Ressourcenverbrauch und die Umweltemissionen soweit minimieren, daß neue Wachstumsmärkte erschlossen und mehr Beschäftigung bei sinkendem Naturverbrauch möglich werden. Die frohe Botschaft lautet: Wir entkommen der Ökokrise mit Hilfe des Zauberstabs der wissenschaftlich-technischen Revolution und retten damit zugleich den Sozialstaat (der auf der Verteilung eines ständig wachsenden Mehrprodukts fußt).

In einer Allianz für ökologische Modernisierung können sich, so Flicks (1997), viele Akteure zusammenfinden: aufgeklärte Unternehmer und Gewerkschaftsleute, Ingenieure und Ökobauern. Auf diesem Feld gibt es noch jede Menge schlummernder Chancen für Wirtschaft und Umwelt, wie Solartechnik und Kraft-Wärme-Kopplung, ein integriertes öffentliches Verkehrsnetz, Drei-Liter-Autos und wasserstoffbetriebene Flugzeuge, energieeffiziente Haushaltsgeräte und Niedrigenergie-Häuser, Miniatur-Technologie und Recycling-Kreisläufe, ökologischer Landbau, nachwachsende Rohstoffe und sanfte Bio-Technologie. Ein Narr, so scheint es, wer diese Chance, das ökologisch Notwendige mit dem ökonomisch Sinnvollen zu verknüpfen, nicht nutzen würde - eine strategische Konstellation, in der die Umweltbewegung den innovativen Part im Streit um den Standort Deutschland besetzen könnte (vgl. a.a.O., S. 2). Und, so könnte man hinzufügen, Entrepreneurship ein unverzichtbarer, ja vielleicht sogar zentraler Teil dieses innovativen Parts sein könnte.

Flicks selber bezweifelt jedoch die Tragfähigkeit des so beschriebenen nachhaltigen Wachstums: Nicht nur, daß Landschaftsverbrauch und Artensterben, Waldvernichtung und Versteppung einst fruchtbarer Böden, Überfischung und Verseuchung dsr Meere-rund um den Globus fortschreiten würden - auch die Effizienzgewinne im Energiesektor oder in der Autotechnik seien durch das permanente Mengenwachstum praktisch aufgefressen worden. Gerade der Verkehrssektor entpuppte sich als nimmersatter Energiefresser und hartnäckiger Luftverpester - dabei hätte die Autoindustrie ihren Siegeszug durch die Entwicklungsländer doch gerade erst begonnen. Wenn es richtig sei, daß unsere Produktions- und Lebensweise mit ihrem immensen Verbrauch von Naturkapital nicht als Vorbild für die restlichen 80 % der Menschheit taugten, ohne die natürlichen Lebensbedingungen irreversibel zu ruinieren, wenn es richtig sei, daß der Ressourcenverbrauch und die Emissionen der Industriemetropolen in den nächsten Jahrzehnten um 80 bis 90 % vermindert werden müßten, um den Gesellschaften des Südens den notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsraum zu lassen, ohne das globale Ökosystem zu überfordern - dann gehe es nicht nur um umweltfreundliche Technik, sondern um absolut weniger materielle Produktion und Konsum (vgl. a.a.O., S. 3).

Nun aber, so Flicks, seien sich von den Unternehmensverbänden zu den linksalternativen Wirtschaftsprofessoren, von der FDP bis zur SPD alle einig, daß die ökonomische Wachstumsdynamik wieder angekurbelt werden muß, um die sozialen und fiskalischen Probleme in den Griff zu bekommen. Gestritten wird vor allem über das Wie: durch fortgesetzte Deregulierung, Sparpolitik und Kostensenkung für die Unternehmen oder durch forcierte Zinssenkungspolitik, staatliche Investitionsprogramme und Stärkung der Massenkaufkraft. Die Wachstumsideologie der sechziger und siebziger Jahre wird um so heftiger beschworen, je mehr sie sich an der Wirklichkeit bricht. Selbst ein Plus des Bruttosozialprodukts von mehr als zwei Prozent geht bekanntlich am Arbeitsmarkt fast spurlos vorbei - ebenso wie an den öffentlichen Kassen. Wer nur auf Wachstum setze, um der Probleme Herr zu werden, baue auf Sand - und riskiere den ökologischen Kollaps des Globus (vgl. a.a.O., S. 4). Folgt man diesem zweiten, pessimistischen Teil der Analyse, ist ein Element von Askese angesagt. Man könnte sich dies vielleicht vorstellen als eine anspruchsvolle Bescheidenheit, eine intelligente Askese, die nicht so sehr auf den Verzicht abstellt, sondern diesen Verzicht akzeptierbar macht durch höhere Produktqualität und Lebensqualität.

Noch einmal zu Ford. Als Kapitalist gehandelt, werde, so Hansen (1992, S. 114 ff.), sein unternehmerisches Gegen-den-Strich-Denken meist vergessen. Wenn einseitig die Erwirtschaftung von Profit das Ziel des Unternehmens sei, sagt Ford, dann werde nur der Verkäuflichkeit des Produkts Aufmerksamkeit zuteil und nicht seiner Nützlichkeit oder Qualität. Die Schwächen eines Produkts würden dann durch Werbung kompensiert, wobei der Kunde die dadurch entstehenden Zusatzkosten tragen müsse. Der Schaden für die Allgemeinheit sei ein doppelter: zum einen kämen schlechte Produkte zum Verkauf, und zum anderen würde man für gute wie schlechte zu hohe Preise zahlen.

Wenn Ford seinen Willen hätte durchsetzen können, dann würde das Modell T noch heute produziert, mit allen technisch möglichen Verbesserungen zwar, aber ohne Kompromisse an modische Attribute - für jeden Produktmanager ein Horrorszenario. Ford verabscheute jede Werbung. Von ihm, den seine Direktoren als „the worlds worst salesman“ bezeichneten, mögen Entwicklungsabteilungen lernen, sich auf einfache und funktionelle Produkte zu besinnen und sich vom Diktat der heutzutage tonangebenden Marketingexperten zu befreien.

Die Paradoxie liegt darin, daß - wie bei Duttweiler - Gewinnmaximierung nicht als Ziel im Vordergrund stand und wahrscheinlich gerade dadurch ein schier unermeßlicher Reichtum entstand.

Man könnte sich einen Henry Ford heute vorstellen als Besessenen des Solarmobils, als den Entwickler eines radikal verbilligten ökologischen Automobils, aber auch als Entrepreneur einer neuen industriellen Askese, der Beschränkung auf Produktqualität und -haltbarkeit.

Wer das ökologisch-politische Argument von Flicks übernehmen will, daß uns in den westlichen Industrieländern sogar absolut weniger Produktion und Konsum anstünde, der müßte eigentlich noch einen Schritt weitergehen. Dann könnte der Satz Bedeutung erlangen: „Das Schwierige ist nicht, Dinge zu machen, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen man auf die Dinge verzichten kann.“ Damit wären Ideen und Innovationen gefragt nicht mehr auf der Grundlage von Wachstum, sondern intelligenter Einschränkung!

 

 

Diese Seite als Bookmark speichern :

 

 

Weitere empfehlenswerte Webseiten:

Das Zeitalter der neuen Bescheidenheit – Ausblick für Entrepreneurship

Digitalisierung: Technologische Durchbruchinnovationen – die Killer-Applikationen

Führungskräfte schätzen interne Konkurrenz

 

Startseite | Themen | Projekt | Kontakt | Impressum | Rechtliche Hinweise

1| 2| 3| 4| 5| 6| 7| 8| 9

Copyright © 2011 All rights reserved. Wissensarchiv für Wirtschaft