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»Vorhandenes entdecken“ - Für eine neue Kultur unternehmerischen Handelns


Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Israel M. Kirzner (1987) hat diese Beobachtung in den Vordergrund gerückt: „Vorhandenes Entdecken“ nennt er die Kerneigenschaft des Entrepreneurs. Der Begriff ist nur scheinbar paradox. Etwas ist bereits vorhanden, muß also nicht neu erfunden werden, kann aber dennoch in seiner Bedeutung und seinen Potentialen neu erkannt und entdeckt werden.

Berühmtes Beispiel hierfür ist das Telefax. Es gibt die Erfindung seit langem, und sie ist in den letzten Jahren von ganz anderen Firmen als den Erfindern und denen, die sie zunächst zu vermarkten versuchten, weltweit erfolgreich eingeführt worden.

Ein anderes, aktuelles Beispiel: Sergio Rial, Bankmanager aus Brasilien, wird zum Aufbau einer Bank nach China beordert. Er arbeitet sich in das Bankwesen des Landes ein, aber ihm fällt noch etwas anderes auf: Hühnerfüße. Ja, Hühnerfüße. Die werden in China gegessen. Nicht nur die Schenkel, wie bei uns, sondern die

Krallen – sie gelten sogar als Delikatesse. Was alle anderen Chinabesucher auch sehen, sieht Rial mit wacheren Augen. In Brasilien ißt kein Mensch die Hühnerfüße. Auch in Argentinien und den anderen südamerikanischen Ländern nicht. Dabei sind Brasilien und Argentinien die führenden Hühnerproduzenten dieser Welt. Was passiert dort mit den Hühnerfüßen? Sie können sich den Rest der Geschichte denken. In der Far Eastern Economic Review hieß es dazu lapidar: „Rial started to mediate the flows of chicken feet from South America to Asia“.

Wie wäre es mit einem Unternehmen „Wasserhyazinthe“? Die Wasserhyazinthe ist eine Pflanze, die in tropischen Ländern in Flüssen und Seen wuchert, sich rasch vermehrt und die Gewässer verstopft. Für Einheimische wie für Touristen ein alltäglicher Anblick. Ein Material, das frei verfügbar ist. Man findet den Rohstoff einfach vor, muß nicht säen, düngen, Zäune bauen, sondern braucht nur zu ernten. Und tut selbst damit noch etwas Nützliches.

Darüber, wie man Wasserhyazinthen nutzbringend verwenden könnte, ist viel nachgedacht worden. Als Schweinefutter und zur Kompostgewinnung theoretisch verwendbar, erwies sich die Pflanze jedoch durch ihren Gehalt von mehr als 98 % Wasser und einem Rest zäher Faser als unwirtschaftlich, auch für die meisten anderen Verwendungsmöglichkeiten. Die Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet, ohne praktisches Resultat, füllen ein dickes Buch.

Eine Designerin, beeindruckt vom seidenen Glanz, den die Pflanzenstengel annehmen, wenn man sie durch eine Mangel dreht, verarbeitet das Material. Kunstvoll in ein Gerüst aus Rattan geflochten, lassen sich aus den getrockneten Stengeln Sessel herstellen. Nicht irgendwelche, sondern sehr schöne und haltbare. Für Designer eine interessante Variante zu anderen Materialien. Was sollte es für einen Ökonomen bedeuten? Nicht viel, wenn er sich an den konventionellen Fragen seines Fachs orientiert: Liegt ein Wachstumsmarkt vor? Nein. Liegt eine Marktnische vor, in der man sich mit wenig Konkurrenz einrichten kann? Eher nicht.

Eben das ist der Punkt, der den Unterschied des Entrepreneurs zum herkömmlichen Ökonomen ausmacht: In etwas Vorhandenem ein Potential erkennen, obwohl die ökonomischen Erkennungsmuster dafür nicht passen. Wasserhyazinthen? – Kein Potential. Oft untersucht, ohne Ergebnis. Ein Sessel? – Der Möbelmarkt ist gesättigt. Eher durch Zufall wurde ich auf den Sessel aufmerksam. Das schöne Stück stand im Studio der thailändischen Designerin Khun Tide.

Jedes einzelne Teil für sich, die Wasserhyazinthe oder der Sessel, hat nichts Erfolgversprechendes. Beide Teile zusammengesehen sind eine Provokation: Lästiges Unkraut wird plötzlich zu einem Rohstoff von unerschöpflichem Potential. Oder anders ausgedrückt: Turn a problem into an entrepreneurial opportunity.

Die Geschichte der Idee von den Wasserhyazinthen in dieser Weise dargestellt, könnte den Eindruck erwecken, die Probleme lösten sich quasi von selbst. Dieser Eindruck wäre falsch. Vom ersten Einfall, über Recherchen und Experimente, vergingen Jahre. Vorn ersten Prototyp für die Bundesrepublik bis zum richtigen Start des Verkaufs in diesem anspruchsvollen Markt waren es noch einmal drei.

Unternehmerische Qualifikationen sind nicht gleichzusetzen mit Managementqualifikationen. Die Schulung von Managern zielt auf abhängig Beschäftigte, die vorgegebene Ziele verfolgen. Ein Manager, so gut er als Organisator auch sein mag, ist noch kein Entrepreneur, der neue Horizonte aufschließt. Ein befähigter Unternehmer wird beispielsweise auch Probleme wie Umweltverschmutzung, Chemie in Lebensmitteln oder die Situation in der Dritten Welt wahrnehmen und in seinen Überlegungen berücksichtigen. Er wird versuchen, sich mit gesellschaftlichen Problemlagen und Trends auseinanderzusetzen, wie sie häufig gerade von Unangepaßten und Außenstehenden zuerst erkannt werden. Neue Ideen verrücken die Sichtweise der Wirklichkeit, und nur allzu oft wird der Schöpfer für verrückt gehalten.

Der Spleen, sagt der Philosoph Schopenhauer, sei oft das beste an einem Menschen, sein kreativster Teil, mit dem große Energien freigesetzt werden können, ein Stück Utopie zu verwirklichen.

 

 

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