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„Quantitätstheorie“ der Wahrheit


Leo Tolstoi hatte recht mit seinem Satz, daß die Lüge als systematische Erscheinung an dem Tag begonnen habe, an den man „die Entscheidungen von Menschen, die in Räten [Entscheidungsgremien, Kommissionen, Politbüros, Fraktionen Ausschüssen etc.] zusammengeschlossen sind, für wichtiger und heiliger hielt als den individuellen Verstand und da persönliche Bewußtsein.“ Der Gründer einer der wichtigster freiheitlichen „Denkfabriken“ der USA (der ,Foundation fo Economic Education’ in der Nähe von New York), Leonard E Read, hat über diesen Satz einen eindrucksvollen Essay verfaßt, dessen Grundzüge hier - ihrer immensen Bedeutung we gen - nachgezeichnet werden sollen (s. Read 1998): Der Mechanismus kollektiver Entscheidungen in Räten, Komitees usw. hat etwas ganz und gar Destruktives, das systematisch Lügen erzeugt. Die Irrtümer oder Bosheiten, um die es dabei geht, finden sich wohl tief im Denken und Verhalten der Menschen verborgen – auch in dem der wohlgesinnten, und haben mit dem personalen Charakter der Wahrheit zu tun (der ‚Wahrheit’ um es nochmals zu betonen, als Gegensatz zur Lüge). Diese Wahrheit hängt im Leben eines jeden Menschen nicht nur von der Kenntnis richtiger Prinzipien ab, sondern auch davon, ob die Handlungen einer jeden Person mit den von ihr als richtig erkannten Prinzipien in Einklang stehen. Die größtmögliche Annäherung eines Menschen an die richtigen Prinzipien (also an die Wahrheit) kann sich durch Befolgung dessen vollziehen, was das jeweils höchste (gewissenhafteste und wichtigste) persönliche Urteil als richtig vorgibt. Darüber hinaus kann man nicht gelangen. Die Wahrheit, soweit sie ein Individuum zum Ausdruck bringen kann, ist deckungsgleich mit diesem inneren persönlichen Diktat von ,richtig’. Die akkurate Manifestation dieses inneren persönlichen Diktats ist die intellektuelle Integrität, denn ,intellektuelle Integrität’ ist das Ausdrücken, Leben und Handeln nach dieser Wahrheit, über die eine jede Person als ihren ureigensten Besitz verfügt. Die unkorrekte Wiedergabe dessen, was man – am besagten höchsten Maßstab gemessen – für richtig hält, ist Unwahrheit, also Lüge. (Das Erlangen der Kenntnis richtiger Prinzipien ist – wohlgemerkt – ein endloser und niemals abgeschlossener Prozeß). „Das beste, was wir mit uns selbst tun können“, schreibt Leonard Read, „ist, uns in der besten Weise wiederzugeben. Anders zu handeln, ist Lüge. Lügen bedeutet, die uns bekannte Wahrheit zu zerstören, und die Wahrheit zu leugnen, bedeutet uns selbst zu zerstören.“

Nun werden in der (heutigen, nachfeudalistischen) Politik fast alle Entscheidungen – auf nationaler wie auf internationaler Ebene (s. z.B. den Europäischen Rat und die Europäische Kommission) – von Leuten getroffen, die in Räten ( Entscheidungsgremien) zusammengeschlossen sind. Und die solchen Gruppierungen entstammenden Entscheidungen tendieren dazu, allesamt Lügen zu sein oder Lügen zu erzeugen. Die Ursachen hierfür liegen zum einen im „Geist der Masse“ und zum anderen im „Geist des Komitees“ (besser: im unumgänglichen Entscheidungsmechanismus des Komitees). Spätestens seit dem 1930 erstmals erschienenen Bestseller „Der Aufstand der Massen“ des großen spanischen Denkers Ortega Y Gasset wissen wir, daß Massen auch dann plündern, niederbrennen, lynchen und töten können, wenn jede einzelne beteiligte Person eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun kann. In der Masse, und meist noch von Haßparolen wahnwitziger Führer aufgehetzt, verschwindet bei den Beteiligten die Selbstdisziplin, die sie sonst bei individuellen Handlungen zu leiten pflegt. Auf diese Weise wird also das Böse, das zweifellos in jedem Menschen steckt, freigesetzt, und bei der „kollektiven Aktion“ hat niemand mehr ein persönliches Schuldgefühl. Die Verantwortlichkeit wird auf das Abstraktum „alle“ oder „die Gesamtheit“ übertragen.

Nun ist natürlich ein Gremium, ein Rat oder ein mehrköpfiger Parteivorstand keine „Masse“ und kein „Straßenmob“. Aber eindeutige Parallelen gibt es doch: In Gruppen oder Vereinigungen, die unter Entscheidungszwang stehen, befürworten die Mitglieder auch solche Forderungen, die sie bei ihren individuellen Handlungen keinesfalls vertreten würden. So treten z.B. auch ehrliche Personen, die niemals stehlen würden, für den „legalen Diebstahl“ ein, sobald sie einer politischen Vereinigung angehören, also für die Anwendung politischen Zwangs, um anderen Leuten Geld zum Nutzen der eigenen Gruppe oder zum Nutzen des Klientels der Gruppe entziehen zu können. Keiner der Beteiligten betrachtet das als persönlichen Raub, denn die Verantwortung dafür hat ja „die Partei“ oder „das Führungsgremium“ übernommen. Außerdem führt der Zwang der Gruppe, mit einem einheitlichen Statement an die Öffentlichkeit zu treten, ohnehin dazu, daß man sich angesichts der Unterschiedlichkeit der individuellen Meinungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen muß, das heißt: auf Entscheidungen, die wohl wiederum keiner der Beteiligten in dieser Form getroffen hätte, wenn er sie für sich allein hätte treffen müssen. Da fast jeder von um einer (freiwilligen oder erzwungenen) Vereinigung berufsständischer, parteiorientierter, kirchlicher, sportlicher oder sonstiger Art angehört, haben wir uns an die Vorstellung gewöhnt. es gäbe so etwas wie eine Durchschnittsmeinung – oder etwas. das Leonard Read die „Quantitätstheorie der Wahrheit’ nennt. Beides ist Illusion, und damit wird auch keineswegs das jeweils bestmögliche Urteil der involvierten Personen hinsichtlich des richtigen Prinzips wiedergegeben. Auch (und gerade’, unter der Domäne des im 20. Jahrhundert völlig mißverstandenen und mißbrauchten demokratischen Prinzips herrscht in. zwischen ein fast blinder Glaube an die Problemlösungskraft und Richtigkeit von Mehrheitsentscheidungen, so als könne man durch das Abzählen von Köpfen herausfinden, was richtig oder falsch, was gut oder böse ist. Wir können jedenfalls gewiß sein: Auch von Seiten der Politik, der Parteien, der Parlamente und Regierungen, werden wir kaum jemals zu irgendeiner Frage die Wahrheit erfahren.

Fazit: Auf dem weiten Feld der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Einwirkungen auf das Leben der Bürger] (und das ist wirklich ein „weites Feld“, denn es geht dabei um fast sämtliche Lebensumstände der Menschen) hat kaum jemand die Chance, in wirklich unabhängiger, nicht-interessen gefärbter, nicht-gesteuerter und nicht-minderqualifizierte Weise informiert zu werden – also zu tausend Fragen jeweils wahre Antworten zu hören. Schon gar nicht junge Menschen die noch über wenig diesbezügliche schlechte Erfahrung verfügen und allzu leicht allen möglichen Sirenenklängen und wohl klingenden Verlockungen auf den Leim gehen.

 

 

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