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„Gegen den Strich“ - Für eine neue Kultur unternehmerischen Handelns


Name: Duttweiler, Vorname: Gottlieb. Geboren 1888, aufgewachsen in den Arbeitervierteln Zürichs. Der Vater ist für den Lebensmittelverein der Stadt tätig. Die Magazine und Lager werden zum Spielplatz des Jungen. Er ist ein Träumer. In der Sekundarschule fängt er an zu schreiben, erfindet phantastische Geschichten und diktiert sie seiner Schwester ins Heft. Mit Lehrern bleibt er auf Kriegsfuß. In seinen Zeugnissen vermerken sie unter der Rubrik „Betragen“, er sei „unaufmerksam“, „unruhig“ und „ungebührlich“. Da nimmt ihn der Vater aus der Schule.

Er beginnt – wir schreiben das Jahr 1905 — in einem Handelsgeschäft als Lehrling. Duttweiler bleibt bei der Firma, weiß aber zunehmend, was er wert ist, reklamiert bei den Eignern mehr Selbständigkeit und einen Geschäftsanteil. Duttweilers ungebremstes Temperament treibt die Firma in eine Phase hektischer Expansion. 1920 kommen verheerende Bilanzen auf den Tisch. In die Liquidation bringt Duttweiler große Teile seines Privatvermögens ein. Dem Trauma der Schule ist das Trauma des Konkurses gefolgt.

Was nun folgt, könnte von Stanislaw Lem erfunden sein, wäre es nicht in der Wirklichkeit des schläfrigen Zürich geschehen. Duttweiler vergräbt sich in die Datenberge des statistischen Amtes der Stadt Zürich, durchforstet Tausende von Statistiken, vergleicht die Kleinhandelspreise verschiedener Städte, entwirft Berechnungen und schreibt nun keine Phantasiegeschichten mehr, sondern eher schon einen Kriminalroman in Zahlen. Titel: Wie die Züricher Lebensmittelhändler es schaffen, die Stadt zum teuersten Territorium der Schweiz zu machen und die Bürger dabei ruhig zu halten.

Mitte des Jahres 1925 gründet Duttweiler mit Freunden zusammen die Firma Migros. Am 25. August früh morgens fahren fünf kleine Lastwagen los, um ihre geladenen Waren unter die Leute zu bringen. Die Wagen führen nur sechs Artikel mit sich: Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife. Und die nur in Großpackungen. Die Laster fahren zu 178 Verkaufsstellen und halten dort nur für 10 bis 15 Minuten. Sie sind so beladen, daß die Waren von der einen zur anderen Seite durchgeschoben werden können. Nicht nur Waren werden an die Käufer geliefert, sondern auch Flugblätter und Informationen darüber, warum diese Waren trotz hoher Qualität so billig sind. Die Wagen samt Fahrern wirken wie eine Verbraucheraufklärung auf Rädern, wie mobile Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Duttweiler, der Rechercheur und Entdecker von Naheliegendem, erweist sich mit seinem Ansatz als Preisbrecher und erfolgreicher Entrepreneur ersten Ranges.

In seiner Studie „Die Mentalität des Erwerbs“ erzählt Klaus Hansen (1992) die folgende Geschichte: Ein junger Mann versucht, eine Idee umzusetzen. 18 Jahre lang, erfolglos. Er hat die Vision, daß man mittels Benzinexplosionen (kurz vorher waren die ersten Motoren entwickelt worden) eine Pferdekutsche durch entsprechendes Gestänge und Technik kontrolliert fortbewegen könne. Eine mutige und kühne Vision, die er mit wenigen anderen Menschen seiner Zeit teilt. Der Vater hält den Sohn für verrückt und mißraten. Als das Fahrzeug zum ersten Mal losfahren soll, weigert er sich aufzusteigen, weil er sein Leben nicht riskieren will. Der Sohn reiht Fehlschlag an Fehlschlag. Schließlich gewinnt ein von ihm gebauter Wagen ein Autorennen, und das nur, weil der Wagen, haltbarer als die der Konkurrenten, tatsächlich bis zum Ziel kommt. Der Mann heißt Henry Ford.

Die Geschichte von Ford ist lehrreich, weil dieser ja gerade als Muster des großen Kapitalisten gilt, hinter dem die Bruchhaftigkeit der Anfangszeit, die Ideenentwicklung, die Beharrlichkeit und Besessenheit des Außenseiters verschwinden.

Auch eine andere Facette paßt nicht ins gewohnte Raster. Während die Öffentlichkeit Ford als den Erfinder des Fließbandes je nach Standpunkt feiert oder verdammt, fragt Hansen (1992, S. 112 ff), ob er denn der Erfinder überhaupt ist. Die entscheidende Neuerung, das fließende Band, sei gewesen, daß das Werkstück maschinell an den Arbeitern vorbeitransportiert wurde. Diese Idee aber, so Hansen, stammte aus den Schlachthöfen Chicagos, wo das halbe Rind, von einem sich langsam bewegenden Band herabhängend, bearbeitet wurde. Die Ehre der Erfindung gebühre wahrscheinlich dem französischen Manager des Schlachthofs, Georges Duhamel. Was daran für unsere Betrachtungsweise interessant ist: Der Entrepreneur Ford wäre damit nicht der Erfinder, sondern der Innovator. Er hätte die Idee in einer neuen Weise angewandt, die die Produktion radikal veränderte und Wirtschaftsgeschichte schrieb.

 

 

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